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himmlische qualen


Franzobel: Phettberg. Eine Hermes-Tragödie

Wien: edition selene 1999

Rezensiert von: colette m. schmidt


„Wir schreiben das Jahr 1999. Sternenzeit. Hier ist Capitain Hermes Phettberg, Commander der Enterprise Gumpendorf. Eine unwahrscheinliche Penetrationsmanie hat uns erfaßt. Eine unwahrscheinliche Fortpflanzungshysterie hat uns erwischt. Alle Flüssigkeit versucht uns zu befruchten. Bald werden wir verdaut sein. Liebe Nachwelt, hier ist der Notstand ausgebrochen. Lauter Fälle aus der Psychiatrie, alles Österreicher.“

Franzobels Phettberg. Eine Hermes-Tragödie schreit ab dem ersten Satz geradezu dannach, schleunigst in Szene gesetzt zu werden. Die apokalyptischen Monolge aus dem Logbuch des zum österreichischen Archetyps mutierten Talkmasters „Commander Hermes Noah Phettberg“ während einer modernen Sintflut geben jede Menge Stoff für Gedanken- und Sprachspiele her. Nach einem kurzen, griffigen Prolog von Besserwisser, Lober und Schlechtmacher lässt Franzobel seinen Protagonisten in seiner Gumpendorfer Wohnung, die ja Phettbergfans wie -feinden ohnehin ein Commonplace ist, zwischen Kronenzeitungen, Mäusefallen und Plastiksackerln allein, setzt ihn dem Bühne gewordenem Heim aus. Draußen steigt nach anhaltenden Regenfällen das Wasser, klettert die Etagen des Wohnhauses hoch, drinnen in der Arche wird über die Kirche, den Staat, die fetten und ordentlichen Menschen nachgedacht und aufs Kultivierteste gejammert. Und gerade gegen das Theater lässt der Schriftsteller Franzobel seinen Anti-Helden anständig loswettern, denn Hermes befürchtet: „Die werden wieder so ein Theater machen. So eine Peinlichkeit. Wo ich Theater nicht ausstehen kann, wo ich das Theater nach Möglichkeit vermeide.“ Der Verdacht liegt gar nahe, dass die nächsten Sätze dem Autor in lebendiger Erinnerung an seine Erfahrungen mit Wiener Stück-Inszenierungen eingefallen sind: „Bis eine bessere Lösung gefunden ist, sollten die Regisseure nach der Premiere am Theatervorplatz verbrannt werden. Bis eine bessere Lösung gefunden ist, sollten die Schauspieler nach der Premiere öffentlich ausgepeitscht werden, sollten die Theater in geschlossene Anstalten umbenannt werden“.

Es bleibt zu hoffen, dass sich trotzdem ein österreichisches Theater mit dem Phänomen Phettberg auseinandersetzen wird, denn, das beweist Franzobel in seinem Text, es ist ein zutiefst österreichisches. Obwohl unter anderem Phettbergdokumente und -aufzeichnungen als Vorlage dienten, wird Phettberg mehr als Projektions- oder Reibefläche denn als reale Person eingesetzt. Er führt in seiner Mischung aus verstaubtem, zu Ende gedachtem Katholizismus und dem Konstrukt eines konsequent ausgestoßenen Ersatz-Christus das sogenannte gesunde Volksempfinden ad absurdum. Der Sadomasochismus ist unausweichlich: „Die Spiele, die bei uns vorherrschen, sind ja alle ungeheuer fad: Kartenspiele, Eisstockschiessen, Songcontest, Nagelzwicken, Auferstehung, Pfingsten.“ Klar, dass sich Hermes da wünschen muss, dass ein knabenhafter Typ à la Andi Goldberger über ihn verfügt.

Franzobels Sprache plätschert wie immer durch Tiefen und mitunter auch Untiefen dahin. Ihr Zusammentreffen mit dem litaneihaften Sprachfluss eines Hermes Phettberg ist, obwohl Franzobeltexte tatsächlich immer Prosa bleiben, ein dramatischer Volltreffer. Am Ende steht auch dem „in Vollfett getunkten“ Noah das Wasser bis zum Nabel, Leichen treiben durch die geöffnete Wohnungstür in die Wohnung. Als Licht und Telephon explodieren, ist der Weltuntergang eigentlich vollzogen, doch nicht ganz: Quasi als Fegefeuer setzt Franzobel noch einen Epilog drauf, lässt die Eltern zu Wort kommen, den jungen Phettberg sich verteidigen, und Fan und Schlechtmacher miteinander streiten.

In Baracke, dem zweiten Teil des Buches, finden wir uns schließlich im Himmel wieder. Doch das Himmlische ist, wie soviel Irdisches auch, eine echte Mogelpackung. Dantes Hölle ist ein gemütliches Plätzchen dagegen, denn das Himmelreich, in dem Papst „Hermesus, der Erste“ waltet, ist ein KZ: „Die Auferstandenen fahren nicht so einfach hoch, so stellt man sich das vor, nein, nein, in Viehwaggons und zusammengepfercht werden sie wie eine Ernte in den Himmel eingebracht, wie Rüben.“ Die Heiligenscheine, die nach der Unterbringung in den Himmelsbaracken ausgeteilt werden, entpuppen sich als kleine Foltergeräte: „Anfangs freuen sich die arbeitsfähigen Auferstandenen über ihre Glorienscheine, bis sie draufkommen, daß diese bloß zur Verabreichung kleiner Stromstöße dienen.“ Angst, in diesem Himmel von tödlicher Langweile gequält zu werden, braucht die Leserschaft jedenfalls nicht zu haben.