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ich, ich, ich? (1)

Auf unterschiedlichste Weise thematisieren drei österreichische Literaten in ihren aktuellen Büchern die Problematik des Ich


Ilse Kilic: Als ich einmal zwei war. Geschichten vom Kindsein

Klagenfurt: Ritter 1999

Rezensiert von: werner schandor


Ilse Kilic, Hanno Millesi und Helmut Schranz nähern sich der Frage nach Persönlichkeit und Subjektivität aus komplett verschiedenen Richtungen. Ilse Kilics Kindergeschichte Als ich einmal zwei war zielt im Grunde auf einen funktionierenden Ich-Begriff ab. Den stellen Hanno Millesi und Helmut Schranz in ihren Buchdebüts auf unterschiedliche Weise radikal in Frage.

Ilse Kilic: Doppeltes Lottchen in Personalunion

Hinter den betont einfachen Strickmustern vieler Kindheitsgeschichten stecken oft komplexe Themenstellungen, wenn es gilt, Beschreibungen von Persönlichkeitsentwicklungen und/oder Lebensstrategien darzulegen. Seit Rousseau dient das Genre auch dazu, Menschenbilder zu entwerfen oder wenigstens anzureißen, siehe dazu in der zeitgenössischen österreichischen Literatur Peter Handkes Kindergeschichte aus dem Jahr 1981.

Aber so hoch, wie sich etwa Handke in hehrer Tradition die Latte gelegt hat, setzt Ilse Kilic in ihrem Buch Als ich einmal zwei war nicht an. Ihre Geschichten vom Kindsein (Untertitel) sind genau genommen auch Geschichten vom Erwachsenwerden. Und dies unter den Vorzeichen einer, um mit Gabriel Loidolt zu sprechen, „außernormalen“ Persönlichkeitsstruktur. Kilic führt in die Besonderheit ihrer kindlichen Ich-Figur ganz nüchtern ein: „als ich klein war, hatte ich eine zwillingsschwester. sie sah aus wie ich. aber niemand konnte sie sehen. sie versteckte sich nämlich meistens in mir. oder ich versteckte mich in ihr. dann konnte mich niemand sehen!“

Die Verdoppelung dieses Ich in „ich“ und „E.“ (so die Abkürzung der unsichtbaren „zwillingsschwester“) wird in den Episoden aus der Sicht des Kindes mit der größten Selbstverständlichkeit beschrieben. Derart herkömmlich wird den LeserInnen dieses doppelte Lottchen in Personalunion nahe gebracht, dass man direkt selbst erschrickt, wenn die Protagonistin in einer späteren Episode das schulpsychologische Zeugnis der Volksschule entdeckt, das ihr akute Suizidgefahr prophezeite. „fassungslos stand ich vor dem zettel. das musste ja ziemlich schlimm gewesen sein mit mir! oder war ich damals noch E.? oder war E. ich?“

Der Bogen der von Kilic in kurzen, pointierten Episoden beschriebenen Entwicklung der Protagonistin spannt sich von frühesten Erinnerungen des Vorschulalters bis zur Adoleszenz. Kilic erzählt in chronologischer Abfolge in mehreren Stationen von Erlebnissen, die zum Aufwachsen ihres „ich“ gehören, darunter von Weihnachtswünschen, Außenseitertum in der Volksschule, von Schuldgefühlen bei Puppenkreuzigungs-Spielen und erster Schwärmerei. Die Texte sind an einer kindlich einfachen Sprache orientiert, die aber nicht gekünstelt kindlich wirkt. Im Lauf des Buches gewinnt die Sprache unmerklich an Komplexität, bis im Epilog schließlich hochkomplexe Überlegungen wiedergegeben werden. In den gesamten Text sind zahlreiche comicsartige Illustrationen eingearbeitet, diese ebenfalls an kindlicher Strichführung orientiert, jedoch in Wirklichkeit von der Autorin mit der Maus als Zeicheninstrument am Computer gefertigt.

Das vom kindlichen Ich anfangs noch mit größter Selbstverständlichkeit gelebte Zweisein wird im Lauf des Buches als zunehmend von inneren Spannungen behaftet geschildert. Dies allerdings unter Weglassung von allem psychologischen Erklärungsbrimborium. Der innere Konflikt eskaliert, entlädt sich in Fieberphantasien und massiven Ängsten vor dem „ernft des lebenf“. Der Streit zwischen „ich“ und E.“ ist auch ein Streit zwischen Kindsein und Erwachsenwerden. „E.“ könnte als Abkürzung für den Erwachsenenanteil der Protagonistin stehen. Zumindest wird das Kürzel einmal in einer Überschrift so verwendet: „ist ich E.rwachsen?“. Die Spannungen innerhalb der Persönlichkeit werden letztlich intellektuell gemeistert, der Ausweg aus der Überlegung von „ich“, eigentlich nicht mehr zu existieren, sondern von „E.“ okkupiert worden zu sein, besteht in einem Akt jugendlicher Gehirnakrobatik: „schließlich aber erkannte ich: auch wenn E. ich war, war ich ich, weil ich dann zwar E. war, aber E. sowieso ich war.“

Der unvermeidliche Abschied der „ich“ von „E.“ am Ende des Weges von der doppelten kindlichen zur einfachen erwachsenen Persönlichkeit wird letztlich auch als wehmütig empfunden. Aber nicht nur von „ich“, sondern auch von den LeserInnen: Ilse Kilics „Als ich einmal zwei war“ ist eine auf sympathisch nüchterne Art freundliche Kindheitsgeschichte zum Immer-wieder-Lesen.