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in seiten wie diesen (1)

Zu Texten von Karin Schöffauer, Paul Divjak und Fritz Widhalm


Karin Schöffauer: vorübergehend

Wien: Das fröhliche Wohnzimmer 1999

Rezensiert von: hannes luxbacher


Denken Sie an Tagebucheintragungen und Innenansichten! Und lesen Sie jetzt trotzdem weiter!

Die alte aber stete Frage, wie und ob Literatur Erkenntnisprozesse forcieren, erzeugen oder darstellen kann und der Streit darüber und dazu hier: drei Texte von einer Autorin und zwei Autoren, und allen ist zumindest eine Facette gemeinsam, sie konfrontieren den Leser/die Leserin mit einer Textoberfläche, die ihn/sie aus dem Syntaxkonzept der Alltagssprache schleudert. Dort, wo außersprachliche Sinneinheiten linear und schulbuchgrammatikalisch „gerade“ vermittelt werden, sind wir hier oft und vielfach nicht. Erkenntnisprozesse werden hier zum Teil sprachlich abgebildet und so deren Systematik erarbeitet bzw. ausgestellt.

Das interpunktionslose Driften als Übertragung eines zwar nicht unstrukturierten, aber doch randlosen Denkens in die verfestigte Form der Sprache vollzieht Karin Schöffauer in vorübergehend konsequent und geglückt. Der Autorin gelingt in ihrem überaus lesenswerten Buch eine kleine Seltenheit. Die Beobachtungen der denkvagabundierenden Erzählerin enthemmen den Zugang, der einen oft befällt, denkt man an entäußerte Alltagsblicke. Wohl geht es hier auch um Ich-Findung, soziale Repression und die verkorksten Scherereien um große und kleine Wichtigkeiten im Alltag, Schöffauer schafft es aber, die kleinen und noch viel größeren Ängste der durch die „Sätze“ hetzenden Anonyma in das Allgemeine zu transportieren, und das macht, inhaltlich gesehen, die eigentliche Qualität dieses Textes aus. Einige wenige Male gelingt zwar nicht, was eben angesprochen wurde und die Autorin bleibt mit ihren Sätzen im sprichwörtlichen Banal-Alltäglichen hängen, andererseits: Was für eine Figur wäre das, der beständig hehr formulierte Gedanken und wissenschaftlich sanktionierbare Reflexionen und Analysen gehörten? So fügen sich die Geringfügig- gleich den Maßgeblichkeiten der Alltags-Wahrnehmung und die gelungenen subjektperspektivischen Verdichtungen zu einem Kaleidoskop dessen, was ein nuanciert-depressives, jedoch in Summe selbstmitleidloses Ich bei seinem Gerenne durch einen Tag wahrzunehmen in der Lage ist.

Das zusätzlich Wunderbare an diesem Text ist die eloquente Verspieltheit im Umgang mit Situationen der sozialen Einschüchterung. So scheinen bei aller offensichtlichen Verstörtheit der „Erzählerin“ die vom Zufall zugespielten Feinheiten und minimalen Rettungsanker (?) durch, die die zurechtweisende Strenge der Ordnungsmacht in das Peinliche ziehen, Schokokleckse auf der Dirndlschürze der angedeuteten Unterdrückerin etwa.

Wenn Sie noch nie ein Buch gelesen haben, in dem Sprache als Spirale funktioniert, und gemeint ist jetzt nicht die Kontinuität der Wiederkehr von Seiten vorher schon Geschriebenem à la Thomas Bernhard, sondern das tiefe Eindringen in das Subkutane der Herstellung einer privaten Ordnung, greifen Sie bei Karin Schöffauers vorübergehend zu, denn WENN, DANN WÜRDE, ja was denn!: LESEN! Angeraten.