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in seiten wie diesen (2)

Zu Texten von Karin Schöffauer, Paul Divjak und Fritz Widhalm


Paul Divjak: eisenbirne

Wien: edition selene 1999

Rezensiert von: hannes luxbacher


Mindestens so angeraten muss zu Paul Divjaks eisenbirne werden. Gleich der Erzählhaltung Karin Schöffauers trägt uns in diesem Fall ein männliches Ich seinen Gedankenfluss vor. Jochen Distelmeyer, Sänger der deutschsprachigen Band Blumfeld, könnte als Verweis für die Divjaksche Diktion herhalten, und diese Ähnlichkeit bezeugt umgekehrt, wider alle landläufige Meinung, dass auch mit der deutschen Sprache Musikalität erreicht werden kann - siehe dazu neben anderen auch die CD Bambule der Absoluten Beginner.

Der Zweifel ist der unruhige Begleiter des beschriebenen Er, hadernd mit dem eigenen Körper als Fehlerquelle, Fehlerproduzent. Im Spannungsbogen zwischen substanzloser Ruhe, „im hier kein boden unter füssen und kein locker mehr und leicht“, sowie angedachten oder erinnerten Intensitäten, hinter sich gebracht von ihm, „dem erzeuger von abschieden mit sollbruch im ich“, bildet sich ab, was ihm zentrales Denken ist: Er selbst, in Frage gestellt durch Unbeständigkeit und Unklarheit: „der ich weiss nicht, was er denkt, denkt er. der ich weiss nicht, was er denken will, denkt er. der ich weiss nicht was er fühlt, denkt er, und auch nicht, wer er ist.“ Also Ich-Findung? Ja, aber wie Schöffauer schafft Divjak den Spagat zwischen Intimität und Öffentlichkeit problemlos, zieht also eine gekonnte Trennlinie zwischen Preisgabe und verschwiegener Andeutung. Bekannte Interessenslinien steigen auf, aber nicht dass Sie jetzt vermuten, wir sind nahe an der Performationslinie zu eh hinlänglich Erörtertem. Das Spannende ist die Erarbeitung und die Art und Weise, wie Paul Divjak diese verknappten Interessenslinien eines kulturpubertierenden, unterstellten popkultursozialisierten Adoleszenten aufbereitet. Die Sample- und Mixmaschine Autor baut aus doppelteiligen Phrasen, Alain-Delon-haftem Von-sich-in-der-dritten-Person-Sprechen und einfachen Satzgliedumstellungen eine künstlerische Sprache, die jedoch nicht kunsthandwerklich konstruiert wahrgenommen wird, weil der „natürliche“ Lesefluss nicht unterbrochen, sondern wie durch - fehlende - Notation gefördert wird. „Eine eigene Geschichte aus lauter Gegenwart“ (Zitat Blumfeld) versucht er auf der inhaltlichen Ebene herzustellen, um dem In-Frage-Stellen des eigenen Körpers zu entgehen, einen Weg raus aus der Spirale der endlosen Handlungsschlaufen, in denen es immer nur die jämmerlichen zwei Alternativen gibt: vorne schönes weißes Papier, hinten hat Gabriel Barylli etwas draufgeschrieben. Aber wer sich selbst nicht in Ruhe lassen kann, wird sich schwer tun, Ruhe zu finden. Buch und Autor werden in Zukunft beachtet werden müssen!