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irdische sehnsüchte


Eugenie Kain: Sehnsucht nach Tamanrasset. Sechs Erzählungen

Linz, Wien: Resistenz 1999

Rezensiert von: colette m. schmidt


Mit Eugenie Kains Sehnsucht nach Tamanrasset landen wir auf einem anderen Planeten. Er ist weniger romantisch, härter, echter, und gerade deswegen für real existierende Lebewesen bewohnbar.

Die sechs Erzählungen in Sehnsucht nach Tamanrasset sind auf der Erde angesiedelt, mitten in Österreich und oft am Rande der hiesigen Gesellschaft. Dass die Autorin und Journalistin Kain als Trainerin im Sozialbereich arbeitet, war ihr vielleicht dabei behilflich, ihren Blick auf andere, oft sehr extreme Menschen zu schärfen. Dass sie dabei Respekt vor jeder ihrer Hauptfiguren hat, ist ein erfreulicher Bonus. Die gebürtige Linzerin schuf trotzdem keine Dokumentationen, sie führt viel mehr mit schlichter Eleganz und einem ungekünstelten, feinen, vielstimmigen Stil durch die Leben von Frauen und Männern, von denen man auf der Stelle mehr wissen möchte und auch erfährt. Dabei wird keine Geschichte so erzählt wie die andere.

Den Anfang macht die Erzählung Herbstkatzeln, in der Kain direkt über die Gefühls- und Gedankenwelt verschiedener Personen in deren Alltag einsteigt, kurz mit ihnen lebt und rasch in den nächsten Kopf wechselt. Die triste Welt einer Teenager-Prostituierten, die als die schöne Nadja an der Autobahn entlang schaukelt, wird kurz gestreift, dann in die stumme, zwanghafte Welt der psychisch gestörten Delphine eingetaucht, die angesichts der Zahl 34 von Panikattacken befallen und darüber hinaus täglich von Farben bedroht wird: „Rund um sie knallte gelb auf grün auf pink auf blau auf rot und in Delphines Kopf brach ein Sturm los. Als Kind hatte ihr alle Gegenwehr gegen die rote Strumpfhose nichts genutzt, sie wurde ihr unter dem karierten Kleidchen hochgezogen und für den Rest des Tages dröhnte ihr der Schädel von den Schlägen der Mutter und den Disharmonien, die sie umgaben.“ Die Diagnose Hepatitis C einer schwer kranken 17jährigen namens „Gelbgesicht“, bildet einen vorläufigen Höhepunkt in einer Krankengeschichte, die niemals begann und wahrscheinlich mit dem Tod endet. „Was wußte der Doktor. Schneegewölk verschattete Gelbgesichts Augen und ihre Blässe war von den Farben des Eises. Aber ihr Körper, von klein auf von Krämpfen und Entzündungen geplagt, war stark und zäh, auch wenn er in einer durchscheinenden Hülle steckte.“

Die verschieden Fragmente von Schicksalen bilden erst nach und nach ein zerbrechliches Ganzes, etwas verbindet die jungen Frauen und ihre feindselige, oft gewalttätige Umgebung miteinander: Die selben jungen Katzen, die keiner will, werden weitergereicht und tauchen bei allen einmal auf. Alle Herbstkatzeln in diesem Text, auch die menschlichen, sind dem Untergang geweihte Engel, die um ihr Leben kämpfen, obwohl es nur Bitternis für sie bereit hält.

So wie jede ihrer Figuren etwas Einzigartiges an sich hat, wählt Kain einen jeweils eigenen Erzählrhythmus. Jeder Kniff, jede Perspektive, jeder Bruch in der Chronologie macht hier Sinn, keine Metapher, die sie heranzieht, ist schnörkelhafte Sprachverkleidung, sondern notwendige Hilfe, um das, was sich nicht mehr buchstabieren lässt, zu zeichnen.

In Das Meer der Haifischzähne sucht die junge Erna aus der Provinz in der Stadt nach ihrem Leben. Was sie findet ist vorerst ein einsamer Job beim Magistrat, der darin besteht, die vergilbten Identitäten längst Verstorbener, die den gleichen Namen und den gleichen Beruf hatten, auf abgelegenen Karteikarten zu sortieren. Außer ihren katalogisierten Namen ist nichts mehr von diesen Menschen übrig, keine Erinnerung, keine Geschichte, nur ein Vermerk. „Alle waren sie Weber, fremd und erfaßt von gleichgültigen Schreibern. Erna legte neue Karteikarten an, versah alte, zusammengehörende mit Büroklammern und ordnete neu.“ Während einer Mittagspause lernt Erna den „Lichtbringer“ Aumayr kennen, der sich im wahrsten Sinne vor sie in die Sonne stellt, bald Gott zu spielen beginnt, und ihr in einer steil talwärts rasenden Missbrauchsbeziehung den letzten Funken Selbstvertrauen zerschlägt. Eugenie Kain gelingt es auf wenigen Seiten Jahre zu schildern, die einem kalte Schauer über den Rücken jagen, und gibt ihrer Erna schließlich die unverhoffte Chance aus ihrem „Schicksal“ auszubrechen: „Er tupfte mit einem Taschentuch das Blut aus ihrem Gesicht. Er streichelte ihr Haar. Aumayr sah verzweifelt aus. Ich weiß nicht, wie das passieren konnte, sagte er. Ich liebe dich. Verzeih mir. Hau ab, sagte Erna. Sie fühlte sich erleichtert und frei.“ Und damit ist Erna eine von zwei Frauen in den Erzählungen von Kain, die nicht unbedingt als Verliererin aus ihrer eigenen Geschichte aussteigt.

Egal welcher familiären Situation oder welcher sozialen Schicht Kains Frauengestalten entspringen, sie haben sozusagen immer das Pummerl, und wenn man die Geschichten aufmerksam liest, scheinen sie einem leider nicht weit hergeholt. Amüsant wenn auch hart ist der Blick der Autorin auf die Umwelt der Spanlfrau , eine sogenannte Hausfrau und Mutter, die am Hof ihres Mannes unbezahlt arbeitet, um später von ihrem Arbeitgeber als Bürokraft ebenso ausgenutzt zu werden. Sie ist gefangen in der hölzernen Welt männlicher Arbeiter, deren höchstes Ziel es ist, aus Brettern Holzstöße zu bauen und sich darüber ausgiebig zu unterhalten. Die Natur, in der sich die Spanlfrau abrackert, ist frei von falschem Idyll: „Der Wald, das war der Benzingestank der Motorsäge, das gefährliche Pfeifen und Krachen der fallenden Bäume, brennende Handflächen, stechende Lungen, klamme Finger, durchnäßte Unterwäsche und das Pochen des Blutes im Schädel“.

Eugenie Kain erzählt ihre Geschichten nicht ausschließlich aus der Sicht der Frauen. Auch wenn sie in einen Männerkopf schlüpft, nimmt man ihr alles ab. Es gibt keine festgefahrenen Menschenbilder, die im Eintopf zusammengerührt werden, nur einzelne Geschichten, die Menschen machen. Es gibt Männer, die ungeschoren davonkommen, wenn sie andere in die Nervenklinik treiben, wie etwa der Bauer in der Geschichte Der Büchsenmacher, der sich an sein Opfer erinnert, wie sie ihm „am liebsten war: Auf dem Misthaufen, mit den Gummistiefeln und dem kurzen Rock.“ Doch es kommen auch Männer zu Wort, die zu Unrecht verdächtigt werden und eine heilsame Entwicklung durchmachen, wie der Erzähler aus Sehnsucht nach Tamanrasset, jener Geschichte, die dem Band seinen Namen gibt und die einfühlsamste, traurigste und zugleich positivste und schönste ist: Eine Frau verlässt scheinbar von heute auf morgen Mann und Tochter, um in der Sahara Lieder und Lyrik der Tuaregfrauen zu erforschen. Sie ermöglicht dadurch allen Beteiligten einen neuen, befreienden Zugang zu festgefahrenen, vermeintlich unausweichlichen Beziehungs- und Familienstrukturen. Das Ende dieses letzten Textes bleibt offen: „Manchmal knackt und rauscht es auf dem Band des Anrufbeantworters. Ich denke mir, daß es sich um eine Nachricht aus Tamanrasset handelt. Oder aus Shalah. Ich weiß nicht, an wen sie gerichtet gewesen wäre. Ich weiß nicht, wie ich mich verhalten würde, wenn meine Frau wieder käme. Auch den Sommer werden wir alleine verbringen müssen. Ich habe ein Zelt gekauft.“ Auf weitere Geschichten aus dem ganz normalen, brutalen Leben muss nach Sehnsucht nach Tamanrasset gehofft werden.