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jenseits vom anderswo: propheten, poeten, schreihälse

hermann götz | jenseits vom anderswo: propheten, poeten, schreihälse

Ein Essay ist erschienen: vom Verlust der Metaphysik und dem Aufbruch in den virtuellen Raum. Hinter den hochtönenden Sätzen des Autors schwimmt uns ein breiter Strom Gegenwartsliteratur entgegen: von der Wiederkehr der Metaphysik und dem Ausbruch wütender Polemik wider den Cyberspace

Es erheben sich Meister des gedruckten Wortes und stimmen ein zorniges Lied an gegen das Wuchern der Wörter im großen Netz. Dichter und Philosophen schlüpfen ins Essayistengewand und beginnen zu polemisieren. Die Bedrohung heißt Internet, Cyberspace, künstliche Intelligenz, sie tönt herüber aus dem virtuellen Raum, und es gilt die Flut der Daten, das Chaos der unwirklichen Scheinwelten, Informationen und Animationen zu übertönen mit Wahrheit, Werten und Wirklichkeit.

Der eine - Neil Postman - attestiert den „Einpeitschern digitaler Verfahren“ einen aggressiven Optimismus, der sie blind mache für Zusammenhänge zwischen Intelligenz, Rationalität, kritischem Urteil und den Formen der Kommunikation. Der andere - Josef Haslinger - sieht die Menschheit der Willkür einer neuen Gottheit ausgeliefert, deren Kirchenfürst - Bill Gates - die Regeln diktiere. Beiden diente das Spectrum, die Wochenendbeilage der Presse, als Sprachrohr. „Der kommende Gott ist allwissend, allmächtig und bestimmt die conditio humana“, so Haslinger. Der Massenselbstmord der sogenannten „High-Tech-Sekte“ Heavens Gate hat bitteren Witzeleien dieser Art längst einen morbiden Anstrich beschert.

Auf in den Cyberspace Gottes

Grund genug für den europäisch-lateinamerikanischen Anthropologen Constantin von Barloewen grimmigen Ernstes die theologische Dimension der virtuellen Wirklichkeit als „technische Form Gottes“ zu diskutieren. Sein Zugang zur Materie ist der des religiös-konservativen Gelehrten, nicht etwa der des durchgeknallten Freaks - wodurch auch die Zielrichtung seiner sprachgewaltigen Lehr- und Leersätze absehbar ist: „Religion vollbringt das, was die virtuellen Realitäten niemals vollbringen können. Sie beschützt den Menschen gegen die Anomie der Bedeutungslosigkeit.“ Mit zahlreichen kritischen Zeitgenossen teilt Barloewen die Angst, dass der virtualisierte Materialismus der Internet-Welt den längst religiös entwurzelten Menschen sich selbst entfremde und in die totale Ortlosigkeit entführe. Ihn jedoch treibt zudem die insgeheime Hoffnung auf eine brauchbare Metaphysik der Zukunft, und so tritt er an, den Cyberspace als für solche Zwecke unbrauchbar zu entlarven.

Der Mensch auf dem Wege in die Himmlische Stadt heißt das schmale Bändchen, das im kleinen „Provinzverlag“ edition münchen erschienen ist. Ausführlich umschweift der Herr Professor darin die Probleme zeitgenössischer Religiosität. Die Moderne ist eine Bewegung hin zur totalen Immanenz, der Begriff der Säkularisierung wurde zu einem Schlüsselbegriff unserer Zeit, lässt er alle wissen, die es noch nicht wissen, Max Weber, Entzauberung der Welt, und so weiter. Trotzdem ist da noch eine stille Sehnsucht: Die Kunst versucht das Geistige zu berühren, Kandinsky, Beuys und Arnulf Rainer - große Namen und große Gefühle. Die schlichte Masse aber treibt ein globalisierungsbedingter Wertepolytheismus fort zur geistlosen Zerstreuung.

Die Lösung heißt: poetisch leben; will heißen: des Lebens wegen leben. Die Mehrzahl der Menschen aber, meint Barloewen, lebe heute schlicht maschinell.

Als großer Ausbruch aus dieser prosaischen Wirklichkeit wolle nun der Aufbruch in virtuelle Welten gelten. Hier darf der Herr Professor Zweifel anmelden. Er sieht viel mehr einen „Krieg der Welten“ heraufdämmern, „einen Krieg zwischen der physikalischen Wirklichkeit und den Kräften des ´Anderswo´.“ In seiner beredten Parteilichkeit gerät sein Essay aber bald ins rhetorische Fahrwasser handfester Weltverschwörung: Neue Möchtegern-Gottheiten, heißt es, würden danach trachten, die physikalische Welt zu verabschieden, da sie der Überzeugung seien, nicht das wirkliche Leben verkörpere die Zukunft des Menschen, sondern die virtuelle Wirklichkeit. Besagte Zweifel aber rütteln am Fundament dieser Götzen:

„Wie stellt sich etwa angesichts der medialen Technologie das Leib-Seele-Problem dar? Kann man wirklich noch sagen, dass die Menschlichkeit mit ‘Seele und Tiefe’ zu tun hat? Weiter mit der Suche nach Sinngebung in einem traditionellen Verständnis? Wo bleibt das Mysterium des Menschen, letztlich seine Individualität?“

Der Mensch verstumme. Er verstumme vor dem medialen Lärm. Sein Schweigen aber sei kein heiliges Schweigen, „das Schweigen schweigt nicht richtig“ - und der Lärm sei kein rechter Lärm mehr, denn er sei traditionslos.

Wahrhaftig sprachlos steht der Leser vor solchen Sätzen. Angelpunkte der Argumentation sind scheinbar unreflektierbare Schönsätze aus der Schatzkiste gediegen gestriger Essayistik. Die Welt als Weihespiel. Oder, mit den Worten des Dichters: „Der Mensch als metaphysisches Tier.“

Das metaphysische Tier

Ganz Anthropologe zeichnet uns Barloewen schließlich dieses „animal quärens“ als ein Wesen, das stets versucht habe, über sich und seine Welt hinauszuwachsen. Der Mensch bleibe sich selbst ein Versprechen, seine metaphysisch-spirituelle Suche sei ein schöpferischer Vorgang, das eigentlich Menschliche sei die Treue zum unfertigen Selbst. In immer neuen Gottesbildern spiegelt sich demnach das stets unfertige Selbstbild des Menschen, dessen zähe Evolution also ein Vehikel seiner eigenen Überhöhung sein soll. Das ist eine interessante und gewinnende Theorie, das historische Bedürfnis des Menschen nach Kult und Religion zu begründen, zumal der Herr Professor uns durch eine kleine Weltgeschichte der Kulturen führt, um seine Ausführungen zu untermauern. Die pointierte Schlussfolgerung daraus aber verrät den essayistischen Denker: Durch die Suche nach Transzendenz also sei der Mensch genuin definiert. „Was ist der Mensch?“, fragt Kant, und Constantin von Barloewen hat die Antwort: Er ist das suchende Tier, das sich (nur) durch seine Frage nach Gott vom übrigen Getier unterscheidet. (Im impliziten „nur“ liegt der essayistische Hund begraben.) Daraus folgt logischerweise die Entmenschlichung des Menschen durch die totale Immanenz. Der gottlose Mensch darf sich nicht mehr Mensch nennen, dem „animal quärens“ ist ein Bastard entwachsen. Der Aufsatz gerät unserem gelehrten Herrn unvermeidlich zur Polemik. Die Notwendigkeit von Transzendenz kann wohl eine innere sein, sie lässt sich aber scheinbar nicht wider alle Säkularisierung verteidigen, ohne die Argumentation durch implizite Wertungen auf zuladen.

Anschwellende göttliche Tragödie

Da hat es der Dichter leichter als der Professor: „Ich hingegen verstehe eine nicht-irrationale Intelligenz nur mehr als Geräusch“, lässt uns Botho Strauß wissen. Und: „Das Leben hängt von großen Worten ab und wird meist unter Wert verhandelt.“ (aus: Die Fehler des Kopisten) Als Neo-Gnostiker und Protagonist einer neuen rechten Intelligenz verschrien, frönt er ausführlich der polarisierenden Wirkung eines anachronistischen Tones. Und er ist nicht allein. Über die Dörfer tönt ein anschwellender Bocksgesang. Die Wiedergeburt der Götter aus dem Geiste der Poesie wird gepredigt. Es gilt scheinbar, ein religiöses Sprechen zu exhumieren, elegisches Versmaß stemmt sich gegen die öde Leere formloser Zeitungsphrasen, und die Tiefe des Axioms will den flachen Jargon unserer Gegenwart durchbohren. Er-Innerung und Anamnese: Die goldenen Zeiten tönen herauf. Straußsche Weggefährten sind u.a. George Steiner, Peter Sloterdijk und nicht zuletzt Peter Handke, wenn auch dessen politpoetisches Engagement seine Hinwendung zum weihevollen Ton aus dem öffentlichen Diskurs verdrängt hat. Was bei Handkes pro-serbischer Parteinahme scheinbar übersehen wurde, sind die möglichen Zusammenhänge zwischen einer poetischen Restauration des Mythischen und den großtönenden Worten für ein verstoßenes Volk, welche sicherlich mehr dem Mythos der Verdammten gelten als den realen Protagonisten eines Krieges. Gewissermaßen entlarvend war der Ausspruch des Dichters, er wünsche sich, ein serbischer Mönch zu sein, der mit der Waffe in der Hand die Heimat verteidige. Es muss schon ein Mönch sein, der dem Dichter die Identifikation ermöglicht; die mythisch verklärte Erinnerung an die Schlacht am Amselfeld, vermengt mit einer Aura von Askese, Tradition und Abgeschiedenheit - Vergilbte Ikonen und heilige Greise mit schütteren Bärten: Das ist ein zutiefst hiesiges Balkanklischee, dem wohl auch eine heimliche Sehnsucht nach Ursprünglichkeit, nach Geheimnis und auch nach gelebtem patriotischem Mythos innewohnt. Erleichterung macht sich im Handkeherzen breit, als er die Grenze zu Serbien überschreitet: Im Fernsehen lösen Bilder serbischer Landschaften, untermalt mit einer sanften patriotischen Weise, das mörderische Micky Maus-Gequieke der westlich-amerikanischen Einheitskultur ab. Propagandabilder, die vom Krieg bedrohte Wohnzimmerwände mit friedlicher Hügellandidylle ausleuchten, sind ihm lieber als die ästhetisierte Gewalt im heimisch hektischen TV-Alltag.

Von der Wahrheit der Poesie

Botho Strauß gilt vielen in Deutschland als „Rechtsradikaler“, weil er den Stolz auf die romantische Vergangenheit der „Alten“, auf Novalis, Schlegel oder Hamann unbefleckt hinwegheben will über die Abgründe der deutschen Geschichte; weil er Stolz und Heimatliebe einmahnt, weil er ein poetisches Erinnern predigt, das die Vergangenheit zum homerischen Epos verklärt. Handke wiederum hat sich seine Verbündeten im Geiste des patriotischen Erinnerns im Blut und Boden-Rausch der Kosovo-Kämpfer gefunden. (Verhängnisvollerweise schürt er damit eben jene Vorurteile den „wilden Balkan“ betreffend, die hierzulande journalistisch und politisch ausgeschlachtet werden.) - Die Wurzeln zweifelhafter politischer Äußerungen sind bei Handke wie bei Strauß in einer massiven Zivilisationskritik und Fortschrittsverweigerung zu suchen. Serbien als Exil im Zeitenwandel: da gerät dem Poeten die Betrachtung der in vorindustriellen Zustand zurückgebombten Kultur zur archaisierten Idylle.

Jede zweite Wortmeldung der beiden Autoren aber ist getränkt mit brachialer Polemik wider die gefräßige Fratze der Medien, deren Diktat der Glaube an eine poetische Wahrheit entgegengehalten wird, die sich nur der Dichter erschreiben kann. Es erlebt die romantische Idee des Dichter-Propheten eine Renaissance, im Falle Strauß wächst sich das zur Ideologie aus, die ganz bewusst einer antirationalistischen Epoche nachempfunden scheint. „Die Erklärungen können nicht das letzte Wort gewesen sein. Das letzte Wort hat der Dichter.“ (Aus: Niemand anders.)

Worte wie diese müssen vor dem Hintergrund eines Geniedenkens verstanden werden, wie es uns nicht nur aus der Romantik überliefert ist, als Reflex eines Künstlerbildes, das sich über Hegel bis zu Plotin und den Neoplatonismus zurückverfolgen lässt, begründet auf der Vorstellung, künstlerisches Schaffen sei „Schöpfung“. Die bekannten Vertreter solcher Kunst-Metaphysik sind allesamt bekennende Heidegger-Leser. Stets lässt sich in diesem Zusammenhang auf Heideggers überkommen pathetische Ästhetiktheorie verweisen: Kunst als Wahrheit, und in der Folge: Kunst als göttliche Wahrheit, Kunstgeschichte als Pneumatologie, als Dämonologie (z.B. bei Hans Sedlmayr oder Hermann Bauer). Allgemeine philosophische Bezüge zur Thematik lassen sich quer durch Zeiten und Kulturen verfolgen. Das zeitgenössische Autorengenie ist vor allem ein Bildungsgigant, der sich durch Belesenheit und humanistische Gelehrsamkeit legitimiert. George Steiner, der als lautester Vertreter einer dezitiert elitären Kunsttheorie gelten will, lässt sich gerne als letzten intellektuellen Kosmopoliten bezeichnen, und auch Peter Sloterdijk, der meint, dass „eine noble Anthropologie vielleicht möglich wird, wenn das methodisch vulgäre Studium des Menschen einen Weg findet, sich im Hinblick auf die nobelsten Exemplare der menschlichen Gattung selbst zu übertreffen“, ortet diese Möglichkeit im Studium der Mythen. (In: Selbstfindlinge - Das bestimmte, das berufene, das begeisterte Selbst) Für Botho Strauß gibt es kein Leben ohne die Verwurzelung im Schon-Geschriebenen.

Bildungsmetaphysik

Aus der Kunstmetaphysik wird unversehens eine Bildungsmetaphysik, durch deren aufgeblasene Bedeutsamkeit gerne ein schlicht bourgeoises Wertedenken leuchtet. Neognostische Begrifflichkeiten verkommen ohne den Kontext einer radikal gelebten Religiosität zu intellektuellen Mystifikationsversuchen, oder sie sind, wie Peter Strasser es in seinem Journal der letzten Dinge ausdrückt, alle „eitel Spiel [...], bloß um einen ästhetischen Kitzel vor herbeigeschriebenen Abgründen zu erzeugen.“

Der Verweis auf eine göttliche Instanz ist aber obligatorisches Moment einer Ästhetik, die Kunstwerke als bedeutend bezeichnet, weil sie von tiefer Bedeutung sind, d.h. weil sie über sich hinaus auf ein Höheres deuten; der schaffende Künstler kann sich nur als „alter deus“ begreifen, wenn sich seine Kunst auf eine göttliche Schöpfung bezieht. Die Kunst als Ort des Mysteriums will nicht in die Leere, sie will in die Tiefe weisen.

Hier ist die „mediale Wolke des Als-ob und der Scheinbarkeit“ sehr im Wege, weil sie „sich um unsere Anschauung legt und zur vollkommenen Ununterscheidbarkeit von Geschaffenem und bloß Gemachten führt“ (Strauß, Die Fehler des Kopisten). Im Zeitalter des Cyberspace muss den künstlichen Welten wieder eine wahrhafte Kunstwelt entgegengehalten werden. Im kultischen Ursprung des Theaters ahnt Strauß ähnlich Constantin von Barloewen eine den Menschen erhöhende Kraft; Schauspieler stellten Götter dar, Götter, die sie nie gesehen hatten, deren Wesen sie aber im theatralischen Ausdruck ihrer selbst zu ergründen suchten. Statt des Scheinwissens technologischer Dunstwelten das weise Nichtwissen der Alten; statt des „Worldwideweb Demiurgen“ das tröstliche Erahnen eines Göttlichen.

Es mag übertrieben erscheinen, wie Walter Grond in seinem neuen Essayband die Transzendierungstendenzen der Dichter-Priester auf einen Neidkomplex gegenüber den neuzeitlichen Informationstechnologien und ihren Möglichkeiten zurückzuführen - trotzdem ist die Wucht der konservativen Essayistenwut verdächtig. Der Krieg der Welten, den Barloewen diagnostiziert, scheint tatsächlich ausgebrochen, nicht jedoch zwischen der physikalischen Wirklichkeit und den Kräften des „Anderswo“. Vielmehr erleben wir einen Krieg der Überwelten, eine Geisterschlacht, gänzlich entschwunden ins Anderswo: Gegen die sogenannte virtuelle Wirklichkeit tritt nicht nur die religiöse Wahrheit traditioneller Mysterien an, sondern auch eine Kunst- und Dichter-Metaphysik, eine vergöttlichte Poesie. Der Raum in unseren Köpfen und Herzen wird eng, die physische Wirklichkeit muss wohl auf der Strecke bleiben. Eben noch von Mystikern und Radikalpoeten in eigener Sache geleugnet oder existentiell hinterfragt, verkommt sie zum pauschalen Argument gegen konkurrierende Weltfluchtkonzepte. Materialismus ist out - es lebe der Krieg der Sterne.

Constantin von Barloewen: Der Mensch auf dem Wege in die Himmlische Stadt. Vom Verlust der Metaphysik und dem Aufbruch in den virtuellen Raum. Essay. Weitra [u.a.]: edition münchen Bibliothek der Provinz 1998.

Weitere Empfehlungen zum Thema:

Walter Grond: Der Erzähler und der Cyberspace. Essays. Innsbruck: Haymon 1999.

Peter Sloterdijk: Sphären. Makrosphärologie. Bd II: Globen. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1999. Daraus insbesondere Kap. 7: Wie durch das reine Medium die Sphärenmitte in die Ferne rückt. Zur Metaphysik der Telekommunikation.

George Steiner: Errata. Bilanz eines Lebens. Aus dem Englischen von Martin Pfeiffer. München, Wien: Hanser 1999. Daraus insbesonders die Kap. 8. u. 11.

Peter Strasser: Journal der letzten Dinge. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1998.

Botho Strauß: Die Fehler des Kopisten. München: dtv 1999.