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neueinsteiger und wiederkehrer (1)

Neues und nicht mehr ganz Neues von Karl-Heinz Ott, Hugo Ball und Gert Jonke


Karl-Heinz Ott: Ins Offene. Roman

Salzburg, Wien: Residenz 1998


Ein junger Mann erfährt vom unmittelbar bevorstehenden Tod der Mutter und begibt sich auf eine Reise an die Orte der Kindheit. Dass es sich dabei nicht um einen sentimentalen Ausflug eines aufgeklärten Städters in die ländliche Welt der Kinderzeit handelt, wird im Romandebüt Ins Offene des 1957 geborenen Karl-Heinz Ott bereits nach wenigen Seiten deutlich: Die Reise des namenlosen Ich-Erzählers wird zur Reise in die Vergangenheit und zum Versuch, die komplizierte Beziehung zur Mutter aufzuarbeiten. Denn „Kampfhandlungen“ bestimmen das Leben, das beide „gegeneinander führen“, und Hassliebe ist der auf beiden Seiten vorherrschende Gefühlszustand. In weit ausholenden Rück-blenden erfährt man Schritt für Schritt die Gründe dieses Dilemmas: Als einzigem, unehelichem und darüberhinaus stets kränkeldem Kind wird dem Protagonisten die uneingeschränkte Aufmerksamkeit der Mutter zu Teil, und dieses vaterlose Umhegtsein führt ihn in eine Außenseiterposition innerhalb der dörflichen Gemeinschaft. Mit 14 sieht er eine Verfilmung von Camus' Fremden im Kino und erwählt diesen zu seinem imaginären Vertrauten: „Später glaubte ich, von diesem Tag an mein Leben in ein Davor und ein Danach einteilen zu dürfen.“ Doch die Emanzipation aus der erstickenden Umklammerung durch die Mutter will auch im Angesicht des Todes nicht so recht gelingen, und nicht einmal die letzten Worte der Mutter lassen Versöhnlichkeit aufkommen: „Mach dir nichts vor, ich war auch ein altes Lästermaul.“

Die möglichst distanzierte Ausleuchtung der Innenräume im Rahmen einer individuellen Vergangenheitsbewältigung scheint die treibende Kraft des Textes zu sein. Dabei ist die Topographie der Erinnerung aufs engste mit der Topographie der dörflichen Umgebung verknüpft. Die Idylle des Landlebens erweist sich natürlich als trügerisch, und die Geborgenheit in der dörflichen Gemeinschaft ist nur eine scheinbare. Der abgeschlossene Kosmos des Ortes fungiert als Brutstätte für Ängste und Neurosen, als deren Geburtshelfer das katholische Leidenspathos, die als Lebenshilfe dargebotenen Spruchweisheiten und das Misstrauen gegenüber allen von außen kommenden Störenfrieden ins Treffen geführt werden. Die literarische Umsetzung der Introspektion des Erzählers gerät allerdings zur klischeehaften Aneinanderreihung von Platituden, und man kann sich des Gefühls nicht erwehren, alles schon einmal irgendwo anders gelesen zu haben; und dies beschränkt sich nicht allein auf den Gedanken, dass alles lächerlich ist, wenn man an den Tod denkt. Auch die Auseinandersetzung mit „Heimat“ (und vor allem mit deren Schattenseiten) hat schon substantiellere Texte hervorgebracht. Das Interessante des Textes, die zermürbende Beziehung zwischen Mutter und Sohn, tritt zurück hinter die nicht minder zermürbenden Deskriptionen ländlicher Befindlichkeiten, was mit Fortlauf des Textes zunehmend unangenehm wird, zumal die suggerierte Distanz des Ich-Erzählers gegenüber den Orten und Personen seiner Herkunft einer spürbar spöttischen und herablassenden Darstellung der „Dörfler“ mitsamt ihren grotesken Ritualen des ruralen Lebens weicht. Kurioserweise wird aber gerade „das Dorf“, jener als schwarzes Loch gegeißelte Ort, der jegliche Individualität absorbiert und nicht einmal Reststrahlen der eigenen Persönlichkeit zulässt, auch als ein schützenswertes Biotop vorgeführt: „Die Dörfer dümpeln längst als Trabanten der städtischen Industrie- und Bürobetriebe leblos vor sich hin, den Ortskern beleuchtet die Neonreklame des Getränkemarkts, zerfetzte Veranstaltungsplakate verdecken seit Jahren die Schaufenster einstiger Lebensmittelgeschäfte, und die nur noch an den kirchlichen Vierfesten gut besuchten Kirchen stehen wie Relikte aus alten Tagen in der einstigen Dorfmitte.“

Es ist eine eigenartige und oft nur schwer nachvollziehbare Sehnsucht, die sich in diesem Text breitmacht, und Ott scheint sich dessen auch bewusst zu sein, schließt er doch mit dem Satz: „Diesen Gedanken mögen solche folgen, die all das anders und anderes sehen.“ Ja, so ist es.