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neueinsteiger und wiederkehrer (2)

Neues und nicht mehr ganz Neues von Karl-Heinz Ott, Hugo Ball und Gert Jonke


Hugo Ball: Tenderenda der Phantast. Hrsg. und mit einem Nachwort von Raimund Meyer und Julian Schütt

Innsbruck: Haymon 1999


Bereits in den Jahren 1914 bis1920 entstand Hugo Balls (1886-1927) Text Tenderenda der Phantast. Eine Gattungsbezeichnung ist nicht ganz einfach zu finden, sie wurde in der vorliegenden Neuausgabe des erst 1967 erstmals erschienenen Textes folglich und sinnvollerweise auch weggelassen, denn mit einem Roman im herkömmlichen Sinn - Hugo Ball selbst hatte für den als „work in progress“ entstandenen Text ursprünglich „Roman“ als Gattungsbezeichnung vorgeschlagen - haben die 15 Episoden des Tenderenda nur wenig gemein. Die Kapitel, denen jeweils zeitlich-räumliche Vorbemerkungen, pointierten Regieanweisungen gleich, vorangestellt sind, tragen demnach auch so poetische und enigmatische Überschriften wie: Der Aufstieg des Sehers, Grand Hotel Metaphysik oder Bulbos Gebet und der Gebratene Dichter. Die realzeitlichen und die autobiographischen Einschreibungen verleihen dem Text jedoch eine Chronologie und damit auch eine Art Kohärenz. Der Aufstieg des Sehers spielt auf den großen Einfluss von Nietzsches Zarathustra auf die Literatur des Expressionismus und Dadaismus an, das Karusselpferd Johann handelt von der Emigration einer „phantastischen Dichtergemeinde“ im Jahr 1914, und Grand Hotel Metapyhysik hat nichts Geringeres als die „Geburt des Dadaismus“ zum Thema. Als „phantastische Autobiographie“ (Claudia Rechner-Zimmermann) ist Tenderenda folglich oft gelesen worden, eine Bezeichnung, die dem Text insgesamt gerechter wird als der bloße Verlegenheitsbegriff „Dada-Roman“, als welcher der Text des öfteren aufgefasst wird.

In einer hypertroph-metaphorischen Sprache führt Hugo Ball, der multitalentierte Hohepriester des Zürcher Dadaismus - das Umschlagbild zeigt ihn in seinem berühmten Bischofskostüm während einer Dada-Soirée -, jene Rückbesinnung auf die Sprache vor, die im Rückzug auf die „innerste Alchimie des Wortes“ ihren Höhepunkt finden sollte: „jolifanto bambla ô falli bambla / grossiga m'pfa habla horem / égiga goramen / higo bloiko russula huju“, so die ersten Verse des klassischen Lautgedichts Karawane, das sich ebenfalls im Tenderenda findet. Mythisches/Mystisches, Phantastisches und Surreales prägen den in bester dadaistischer Manier collagiert wirkenden Text und verleihen ihm eine schillernd-poetische, phasenweise etwas schwüle Atmosphäre, die sich in einer einzigartigen Bilderflut entlädt: „In einem Fahrstuhl aus Tulpen und Hyazinthen begab sich Mulche-Mulche auf die Plattform des Grand Hotel Metaphysik. Oben harreten ihrer: der Zeremonienmeister, der die astronomischen Geräte zu ordnen hatte, der Jubelesel, der gierig aus einem Kübel voll Himbeersaft sich erlabte, und Musikon, unserer lieben Frau, aufgebaut ganz aus Passacaglien und Fugen [...] Mulche-Mulches Augen verflammten. Ein Anfüllen ihres Leibes vollzog sich mit Korn, Weihrauch und Myrrhen, dass sich die Decken des Bettes hoben und wölbten. Mit allerlei Samen und Frucht stieg die Fracht ihres Leibes, dass knatternd die Wickel zersprangen, darein er gebunden war.“ Die Welt der Phantasten steht der Welt des realen historischen Hintergrunds diametral gegenüber, im Tenderenda ist das dringende Bedürfnis, dem explodierenden Wahnsinn der ersten Kriegsjahre den entfesselten Un-Sinn des Dadaismus als Kampfansage entgegenzustellen, auf jeder Seite spürbar: „In dem Maße, in dem sich das Grauen verstärkt, verstärkt sich das Lachen.“ Man hat es also jenseits der Autobiographie auch mit einem Zeitdokument zu tun, das die Geschichte des Dadaismus mit der Weltgeschichte in einen Kontext stellt. Am schönsten gelingt dies Hugo Ball in den Vorbemerkungen zu Grand Hotel Metaphysik: „Über keine Rede der Herren Clemenceau und Lloyd George, über keinen Büchsenschuß Ludendorffs regte man sich so auf wie über das schwankende Häuflein dadaistischer Wanderpropheten, die die Kindlichkeit auf ihre Weise verkündeten.“

Als Anhang an den knapp 70 Seiten umfassenden Text finden sich Texte aus früheren Fassungen, faksimilierte Dokumente, eine editorische Notiz sowie ein fundiertes und überaus informatives Nachwort der Herausgeber zu Geschichte und Entstehung des Tenderenda.

Jonke

Keineswegs neu sind auch die Wiener Geschichten des 1946 in Klagenfurt geborenen Gert Jonke. Himmelstraße - Erdbrustplatz oder Das System von Wien enthält 15 kurze Geschichten, die allesamt bereits in anderen Zusammenstellungen erschienen, aber längst vergriffen sind. Die Grundidee Jonkes, einen - nie fertiggestellten - Wien-Roman anhand des Liniennetzes der Wiener Straßenbahnen zu schreiben, ist noch im Titel mancher Kapitel (Opernseminar - Metternichgasse, Möbelmesse - Praterhauptallee) zu erahnen, wer allerdings anmutige Plaudereien über die österreichische Hauptstadt erwartet, der ist mit dem System von Wien schlecht bedient. Es sind absurde und groteske Begebenheiten, die sich an den Linien der Tramways entlang- und emporranken, der Ich-Erzähler begegnet auf Schritt und Tritt eigenbrötlerischen Käuzen, so etwa dem Präsidenten der Österreichischen Philatelistischen Gesellschaft, der ihm das Wesen des Universitätsystems auseinandersetzt, oder einem als Großfischhändler getarnten Politiker. Doch hinter all diesen atemberaubend komischen und fulminant erzählten Zusammentreffen verbirgt sich das eigentliche Hauptthema Jonkes, nämlich die Unmöglichkeit von gesicherter Wahrnehmung und Erkenntnis. Der Gedanke, dass alles ganz anders sein könnte, verleiht der Jonkeschen Prosa einen subtilen und unverwechselbaren Ton: „Wissen Sie“, sagt ein Mitarbeiter des Kanzlers zum Ich-Erzähler, der als hunderttausendster Besucher der Wiener Möbelausstellung begrüßt wird, „manchmal kommt es mir sehr merkwürdig vor, dass ich der Vertraute des Kanzlers bin, ausgerechnet ich, und manchmal glaube ich, ich sei gar nicht der Vertraute des Kanzlers, ein bedauerlicher Irrtum, in Wirklichkeit sei ein ganz anderer der Vertraute des Kanzlers.“ Je mehr dem Protagonisten und den Randfiguren die Wirklichkeit abhanden kommt, desto dichter wird das poetische Netz, das Jonke zwischen den Zeilen spinnt. Am Ende der jeweiligen Begegnungen bleibt der Erzähler in einem schlafwandlerischen Dämmerzustand zurück. Dieser traumähnliche und mancherorts durchaus elegisch wirkende Zustand findet sich auch in der mit 20 Seiten umfangreichsten Episode des Bandes, Karyatiden und Atlanten - die ersten Gastarbeiter von Wien. Im Text, der später zur Rahmenhandlung in Jonkes letztem großen Roman Erwachen zum großen Schlafkrieg ausgebaut wurde, kommt der phantastische und phantasievolle Ideenreichtum Jonkes zu voller Entfaltung: Der Ich-Erzähler bekommt Zutritt zur Welt der Telamonen und versucht, ihnen das Schlafen beizubringen: „So begann die ruhigste und bewußtloseste Zeit in meinem Leben, als ich ständig so gut wie fast immer nur schlief, weil die Telamonen nicht genug davon bekommen konnten, das Schlafen meiner Gestalt zu betrachten, die Tanzvorführungen meiner Träume.“

Die herkömmliche Wahrnehmung wird endgültig durch eine synästhetische abgelöst: „wenn ich den Telamonen zuhörte, war mir häufig zumute, als hörte ich mit meinen Augen.“ Nach unzähligen „Schlafkonzerten“, „Schläferstücken“, „Träumerserenaden“, „Müdigkeitstragödien“ und „Erschöpfungskomödien“, die den Erzähler an den Rand des physischen Zusammenbruchs bringen, endet die Geschichte in einer zarten, freilich unerfüllbaren Liebesbeziehung zu einer Karyatide, die ihm in der letzten Szene nachruft: „Laß Dir nur Zeit [...] ganz gleich, ob Du lang wegbleibst oder kurz, ich werde Dich immer auf irgendeine Weise zu begleiten verstehen, auch wenn ich nicht mitkommen kann.“

Was Gert Jonke hier vorlegt, ist Erzählkunst auf höchster Stufe, jeder Satz seiner sensiblen Prosa ist ein Ereignis. Es ist einfach ein Vergnügen, Jonke zu lesen. Es bleibt zu hoffen, dass der nächste - und dann hoffentlich auch wirklich neue - Jonke nicht allzu lange auf sich warten lässt.