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neueinsteiger und wiederkehrer (3)

Neues und nicht mehr ganz Neues von Karl-Heinz Ott, Hugo Ball und Gert Jonke


Gert Jonke: Himmelstraße - Erdbrustplatz oder Das System von Wien

Salzburg, Wien: Residenz 1999


Keineswegs neu sind auch die Wiener Geschichten des 1946 in Klagenfurt geborenen Gert Jonke. Himmelstraße - Erdbrustplatz oder Das System von Wien enthält 15 kurze Geschichten, die allesamt bereits in anderen Zusammenstellungen erschienen, aber längst vergriffen sind. Die Grundidee Jonkes, einen - nie fertiggestellten - Wien-Roman anhand des Liniennetzes der Wiener Straßenbahnen zu schreiben, ist noch im Titel mancher Kapitel (Opernseminar - Metternichgasse, Möbelmesse - Praterhauptallee) zu erahnen, wer allerdings anmutige Plaudereien über die österreichische Hauptstadt erwartet, der ist mit dem System von Wien schlecht bedient. Es sind absurde und groteske Begebenheiten, die sich an den Linien der Tramways entlang- und emporranken, der Ich-Erzähler begegnet auf Schritt und Tritt eigenbrötlerischen Käuzen, so etwa dem Präsidenten der Österreichischen Philatelistischen Gesellschaft, der ihm das Wesen des Universitätsystems auseinandersetzt, oder einem als Großfischhändler getarnten Politiker. Doch hinter all diesen atemberaubend komischen und fulminant erzählten Zusammentreffen verbirgt sich das eigentliche Hauptthema Jonkes, nämlich die Unmöglichkeit von gesicherter Wahrnehmung und Erkenntnis. Der Gedanke, dass alles ganz anders sein könnte, verleiht der Jonkeschen Prosa einen subtilen und unverwechselbaren Ton: „Wissen Sie“, sagt ein Mitarbeiter des Kanzlers zum Ich-Erzähler, der als hunderttausendster Besucher der Wiener Möbelausstellung begrüßt wird, „manchmal kommt es mir sehr merkwürdig vor, dass ich der Vertraute des Kanzlers bin, ausgerechnet ich, und manchmal glaube ich, ich sei gar nicht der Vertraute des Kanzlers, ein bedauerlicher Irrtum, in Wirklichkeit sei ein ganz anderer der Vertraute des Kanzlers.“ Je mehr dem Protagonisten und den Randfiguren die Wirklichkeit abhanden kommt, desto dichter wird das poetische Netz, das Jonke zwischen den Zeilen spinnt. Am Ende der jeweiligen Begegnungen bleibt der Erzähler in einem schlafwandlerischen Dämmerzustand zurück. Dieser traumähnliche und mancherorts durchaus elegisch wirkende Zustand findet sich auch in der mit 20 Seiten umfangreichsten Episode des Bandes, Karyatiden und Atlanten - die ersten Gastarbeiter von Wien. Im Text, der später zur Rahmenhandlung in Jonkes letztem großen Roman Erwachen zum großen Schlafkrieg ausgebaut wurde, kommt der phantastische und phantasievolle Ideenreichtum Jonkes zu voller Entfaltung: Der Ich-Erzähler bekommt Zutritt zur Welt der Telamonen und versucht, ihnen das Schlafen beizubringen: „So begann die ruhigste und bewußtloseste Zeit in meinem Leben, als ich ständig so gut wie fast immer nur schlief, weil die Telamonen nicht genug davon bekommen konnten, das Schlafen meiner Gestalt zu betrachten, die Tanzvorführungen meiner Träume.“

Die herkömmliche Wahrnehmung wird endgültig durch eine synästhetische abgelöst: „wenn ich den Telamonen zuhörte, war mir häufig zumute, als hörte ich mit meinen Augen.“ Nach unzähligen „Schlafkonzerten“, „Schläferstücken“, „Träumerserenaden“, „Müdigkeitstragödien“ und „Erschöpfungskomödien“, die den Erzähler an den Rand des physischen Zusammenbruchs bringen, endet die Geschichte in einer zarten, freilich unerfüllbaren Liebesbeziehung zu einer Karyatide, die ihm in der letzten Szene nachruft: „Laß Dir nur Zeit [...] ganz gleich, ob Du lang wegbleibst oder kurz, ich werde Dich immer auf irgendeine Weise zu begleiten verstehen, auch wenn ich nicht mitkommen kann.“

Was Gert Jonke hier vorlegt, ist Erzählkunst auf höchster Stufe, jeder Satz seiner sensiblen Prosa ist ein Ereignis. Es ist einfach ein Vergnügen, Jonke zu lesen. Es bleibt zu hoffen, dass der nächste - und dann hoffentlich auch wirklich neue - Jonke nicht allzu lange auf sich warten lässt.