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paradise lost/regained

brigitte fuchs | paradise lost/regained

oder: Der Messias 1-7

Messias 1: Das himmlische Jerusalem

Unter den bekanntesten Messiachim oder Erlösern der Weltgeschichte befindet sich Jesus, der Nazarener, auch: „Christus“. Jesus gilt als der Gegenspieler von Satan oder Leviathan; er ist der Stifter der christlichen Religion/en sowie einer Zeitrechnung, die gegenwärtig in der elektronischen Datenverarbeitung zu großen Komplikationen führt. Jesus wird manchmal als eine Reinkarnation von Krischna betrachtet, dem göttlichen Kuhhirten und Lieblingsgott der Gopis oder Kuhhirtinnen, die sich durch ihre Liebe zu Krischna über kurz oder lang ins Nirwana katapultieren.

Eine ähnliche Vorstellung von der Erlösung besitzen auch die Anhänger/innen des Messias Jesus. In einem der unzähligen Gesänge, die Jesus im Laufe der letzten zwei Jahrtausende gewidmet wurden, heißt es nämlich: „Ich habe genug! Mein Trost ist nur allein, / dass Jesus mein und ich sein eigen / möchte sein [...] Lasst uns mit diesem Manne ziehn! / Ach, möchte mich von meines Leibes Ketten / Der Herr erretten. / Ach, wäre doch mein Abschied hier, / mit Freuden sagt ich Welt zu dir: / ich habe genug.“ Dieser Gesang, vorgetragen von einer Frauenstimme, zeigt in aller Deutlichkeit, dass die Voraussetzung für die Erlösung der Tod der Gläubigen ist: Die Vereinigung mit Jesus findet in einer jenseitigen Welt statt, die nur durch den Verlust von Leib & Leben zu erreichen ist.

Messias 2: Das verlorene Paradies

Ein anderer und keineswegs unbedeutender Messias ist Shabbatai Tzevi. Er offenbarte sich um das Jahr 5000 nach Genesis oder 1650 nach christlicher Zeitrechnung - wie es sich gehört - in Jerusalem. Sein Ruhm als Erlöser verbreitete sich vom Osmanischen Reich bis in die Ghettos Europas, wo ein beachtlicher Bedarf nach Erlösung herrschte. Die osmanischen Behörden aber waren mit dem Enthusiasmus und Tumulten höchst unzufrieden, die Shabbatai - wie andere Erlöser vor ihm - bei Teilen der Bevölkerung auslöste. Sie entschlossen sich daher, Shabbatai zu verhaften. Mit der Folter bedroht, zögerte Shabbatai keinen Augenblick, abzuschwören und sich sogleich zum Islam zu bekennen: Damit hatte er sich in den Augen seiner Anhängerinnen als Erlöser klar disqualifiziert, denn sie orientierten sich an einem Standard, den Jesus gesetzt hatte: Ein Messias darf als inkarnierter Geist eines Gottes - der immer ein- und derselbe bleiben sollte - auf keinen Fall am Leben hängen: Schließlich ist aller Welt bekannt, dass ein Messias nur einen Körper hat, um für andere zu leiden und getötet zu werden. Shabbatai, der immerhin sein eigenes Leben gerettet hatte, aber ging als „falscher Messias“ in die Geschichte ein.

Das Leben ohne Messias oder: Das irdische Jerusalem

Das Beispiel der wunderbaren Selbstrettung des Shabbatai Tzevi stimmte die Welt freilich nachdenklich, denn alle Welt kennt schließlich das Sprichwort, demzufolge der Spatz in der Hand besser ist als die Taube auf dem Dach: Immer öfter legten sich große Geister die Frage vor, ob zwischen wahren und falschen Erlösern tatsächlich ein Unterschied existiert? Waren Gott und Satan, Himmel und Hölle, Geist und Materie am Ende ein- und dasselbe? Diese Idee verdichtete sich am Abend eines Jahres - es war ungefähr das Jahr 1800 nach dem Erscheinen von Jesus - zu einer Vision, die über dem Drucker William Blake, wohnhaft zu London, niederging. Er sah den Himmel als Bräutigam und die Hölle als Braut, die Hochzeit hielten:

„Therefore I print: nor vain my types shall be. / Heaven, Earth, and Hell, henceforth shall live in harmony.“ Die Harmonie nannte er auch das Neue Jerusalem, wo die Menschen von Ungemach wie Armut und politischer Repression befreit wären: „Such Visions have appeard to me, / As I my order'd race have run: / Jerusalem is nam'd Liberty / Among the Sons of Albion.“

Blake hatte nämlich die Idee, dass für die Menschen eine Erlösung vor dem Tod eigentlich angenehmer wäre als eine Erlösung danach. Für diese Erlösung wurde nach dem Dafürhalten der Söhne Albions kein Messias benötigt, sondern vielmehr politische Reformen: Herr Godwin zum Beispiel schlug die Abschaffung von Privateigentum, Familie und Staat vor.

Messias 3: La Femme-Messie

Aber nicht jeder Mann, der nach einem irdischen Jerusalem strebte, wollte gänzlich auf einen Messias verzichten. Im dritten Artikel des Glaubensbekenntnisses der Saint-Simonisten, die nach der Errichtung des Neuen Jerusalem in Frankreich strebten, heißt es: „Ich glaube, dass Gott den Vater beauftragt hat, den weiblichen Messias (la Femme-Messie) zu rufen, um die Einheit in der Gleichheit von Mann und Frau, von der Menschheit und der Welt zu stiften.“ Während der männliche Messias Seelen rettet, sorgt der weibliche Messias für Gleichheit und Gerechtigkeit auf Erden. La Femme-Messie muss nach ihrer Offenbarung den Vorsitzenden der Kommune der Saint-Simonisten heiraten, um die Menschheit als „mère suprême“ in das neue, gerechtere Zeitalter zu führen. Trotz der Inbrunst ihrer Gläubigen sowie ihres künftigen Gatten zeigte sich la Femme-Messie weder im Jahr 1831 noch im Jahr 1832. Sie fühlte sich auch nicht zur Inkarnation verlockt, als die Saint-Simonisten das Jahr 1833 zum „Jahr der Frau“ proklamierten. Die Gläubigen aber vermuteten immer öfter, dass der Grund für das Ausbleiben „der Frau“ darin lag, dass sie sich lieber im Ausland inkarnieren wollte - am wahrscheinlichsten im Orient, wo sich schon der eine oder andere männliche Erlöser offenbart hatte. Die Saint-Simonisten nannten sich fortan „Compagnons de la femme“ und brachen auf, um ihre Erlöserin in Konstantinopel, Palästina und Ägypten ausfindig zu machen. Auf einer Reise nach Ägypten wurden einige Compagnons schließlich auch tatsächlich fündig: Zwar entdeckten sie keine „Femme-Messie“, wohl aber eine andere Möglichkeit, für die Einheit der Menschheit zu wirken: Die Herren - sie waren großteils Ingenieure - fassten den Bau des Suezkanals ins Auge: Und siehe, sie vergaßen über der Planung der technischen Details für den Kanal den weiblichen Messias.

Messias 4: La femme

Nicht alle Welt interessiert sich für Technik. Daher fiel es vielen ernsten Männern des 19. Jahrhunderts trotz der Tröstungen des technischen Fortschrittes nicht ganz leicht, auf eine Erlösung durch la Femme-Messie zu verzichten. Das mussten sie schließlich auch nicht - dank eines Vorschlages, den Herr Jules Michelet der Menschheit unterbreitete: Michelet hatte die Idee, dass nicht keine Frau, sondern genau umgekehrt jede Frau la Femme-Messie darstellt. Denn jede Frau verkörpert die Natur und das hl. kosmische weibliche Prinzip der Liebe und der Emotionalität. Wie aber die Natur in die Naturkatastrophe umschlägt, so schlägt die Liebe in politischen Fanatismus um, weshalb das hl. weibliche kosmische Prinzip durch das männliche Prinzip der Rationalität gedämpft werden muss. Das bedeutet, wie Michelet darlegt, dass das Heiraten eine Wohltat für die Menschheit ist, und zwar umso mehr, als dass die Arbeit außer Haus sehr schädlich auf „la femme“, besonders auf ihren hl. Körper, wirkt. La femme ist leider, leider schwach und kränklich, denn sie menstruiert. Daher muss sie auch nicht für die globale Gleichheit und Gerechtigkeit Sorge tragen, sondern allein für ihre kleine Familie: Als Mutter von Kindern und Ehemann ist sie schon an und für sich Messias. Als hl. Hausfrau sorgt sie für die Sauberkeit der Wäsche; die hl. saubere Wäsche und hl. geschrubbte Böden aber bedeuten Gesundheit und Glück für die gesamte Nation, die ebenso heilig ist wie „l'amour“ und „la femme“.

Messias 5:

„Ich will eine Frau sein“, meinte Gustave Flaubert, und wir verstehen nun auch warum: Denn hätte er nur Wäsche waschen müssen, um die Menschheit oder sich selbst zu erlösen, wären ihm die anstrengenden Reisen in den Orient und die noch anstrengenderen Exzesse (Sex & Drugs) erspart geblieben.

Messias 6: Le/La messie, c'est moi

Wenn Du aufwachst und (1) Du siehst einen Messias oder (2) Du hältst dich selbst für den Messias, dann ärgere dich nicht: Hättest Du eine neue und originelle Vision gehabt, so müsstest Du nämlich zum Arzt gehen.

brigitte fuchs