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reprise: die verehrung des immer selben

werner schandor | reprise: die verehrung des immer selben

„es is oiwei 1/2 8i“ - Attwenger

Wenn man darüber nachdenkt, was sich alles wiederholt, könnte einem ganz schwindlig werden. Ich habe versucht, eine Liste mit Dingen aufzustellen, die immer wiederkehren. Ich kam auf zwei Seiten, engst beschrieben. Dann merkte ich, dass ich natürliche Phänomene noch gar nicht berücksichtigt hatte: Die Tage, die Jahreszeiten, die Tage, das allgemeine Werden und Vergehen im sogenannten Kreislauf der Natur. Fürchterlich. Alle paar Tage wächst der Bart nach, und immer wieder vergesse ich, neue Rasierklingen einzukaufen. Manchmal merke ich, dass wiederkehrende Dinge schön langsam ins Nirwana einsickern. Es kehrt wieder und wird dadurch vergessen, weil etwas, das immer wiederkehrt, aus der Wahrnehmung zu verschwinden neigt. Die erste Straßenbahn, die jeden Morgen um halb sechs vor dem Haus vorbeidonnert, weckt einen vielleicht die erste Woche in einer neuen Wohnung. Mit der Zeit hört man sie nicht mehr, weil sie immer wieder kommt.

Wenn jeden Tag um halb acht die ORF-Hauptnachrichten beginnen, ist die halbe Fernsehnation vor den TV-Geräten versammelt, um den Neuigkeiten beizuwohnen, deren Verbreitung sich durch starre Formelhaftigkeit auszeichnet: Die Schlagzeilen, die Bildberichte, die Kurzmeldungen, dann Kultur, Werbung, Wetter und aus. Das Ritual des Nachrichtenschauens trägt ein Paradox in sich: Da das Programm jeden Tag zur selben Zeit ausgestrahlt wird, hebt es die Zeitstruktur auf (siehe Mircea Eliade). Man fällt als Zuschauer in einen außerzeitlichen Bewusstseinsraum. Dieser allerdings wird mit scheinbar immer anderen Neuigkeiten aufgefüllt. Im Grunde aber ändern sich die Nachrichten nur oberflächlich: Jeden Tag gibt es irgendwo ein Gemetzel, immerfort möchte ein Politiker etwas Wichtiges sagen und ein anderer das Entgegengesetzte, ständig gerät die Natur irgendwo auf unserem Erdball außer Rand und Band. Der Informationswert dieser Neuigkeiten ist für 99,9 Prozent der Zuseher so gut wie null, insofern er das eigene Leben nicht tangiert. Und trotzdem erzielen die Nachrichten die höchsten Einschaltquoten.

Betrachten wir es einmal so, dass tägliche Fernsehsendungen wie Nachrichten durch ihre wiederkehrende Erscheinungsweise die Funktion religiöser Rituale übernommen haben und die Zeit aufheben. Sinnigerweise heißt das Nachrichtenprogramm des ORF auch Zeit im Bild. Man spalte ein Haar und frage sich, was das eigentlich bedeuten soll: Zeit im Bild. Ein Bild ist ja etwas Unzeitliches, Zeitüberdauerndes. Könnte es sich bei diesem Programm, rhetorisch gefragt, nicht vielmehr um eine schamanische Zeitreise in überzeitliche Zusammenhänge handeln? Zudem, und damit sind wir wieder beim Vergessen von Dingen, die sich regelmäßig in unsere Wahrnehmung drängen, bildet der Tod den Hauptnachrichtenwert. Indem wir regelmäßig über tausende Tote informiert werden, vergessen wir die Möglichkeit unseres eigenen Sterbens. Es ist wie mit einem Wort, das man sich dreißig Mal laut vorsagt. Es verliert den Sinn. Tod Tod Tod Tod Tod Tod Tod Tod Tod Tod Tod Tod Tod Tod Tod Tod Tod Tod Tod Tod Tod Tod Tod Tod … Aus einem Wort wird ein Laut, ein Geräusch der Stimmbänder, mehr nicht. Und andererseits, um einen weiteren Aspekt ins Spiel zu bringen: Elias Canetti hat in Masse und Macht ausführlich dargelegt, was für ein geiles Gefühl der Macht und Überlegenheit einem das augenscheinliche Überleben beschert. Um sich der Differenz bewusst zu werden, kann man sich die Leichenmenagerien nicht oft genug ins Wohnzimmer holen: Dort die Leichen, mausetot; hier ich, nur scheintot. Und so soll es bleiben.

Welchen Aspekt man auch immer in Betracht zieht, die Nachrichtensendungen vermitteln ihren Zusehern jeden Tag: Wir waren immer da, sind immer da, und wir werden immer da sein: um punkt halb acht. Und wer auch da ist, wird ebenfalls immer da sein. - So leicht lässt sich Ewigkeit bewerkstelligen. Die Politik soll dafür sorgen, dass es so bleibt. Und mit dem Wetterbericht ist dann alles wieder vorbei, das Abendgebet beendet. Und Werbung.