schreibkraft - Das Feuilletonmagazin

Menüpfad zur ausgedruckten Seite: Home ausgaben 02 - wiederkehr schöne alte welt der bücher
Adresse: https://schreibkraft.adm.at/ausgaben/02-wiederkehr/schone-alte-welt-der-bucher

schöne alte welt der bücher

werner schandor | schöne alte welt der bücher

Stellvertretend für jene, die sich schon immer gefragt haben, was es in Antiquariaten eigentlich zu kaufen gibt, begab sich schreibkraft auf einen Streifzug in eine Welt von erlesenen Vermögenswerten

Am Anfang stand ein Missverständnis. Auf der Suche nach Hans Blumenbergs philosophischem Hit aus den 80ern, "Die Lesbarkeit der Welt", erntete ich in mehreren Grazer Antiquariaten nur ein bedauerndes Kopfschütteln. Ich ließ mich sogar in eine Kartei aufnehmen. Nach wenigen Wochen erreichte mich eine Karte: Das Buch sei nicht aufgetaucht.

Wozu sind diese Antiquariate gut, fragte ich mich, wenn sie nicht einmal einem bibliomanisch veranlagten Menschen wie mir bei einer simplen Suche weiterhelfen können? Nachdem ich mich entschlossen hatte, der Sache auf den Grund zu gehen und ein paar Antiquariate besucht hatte, musste ich jedoch einsehen, wie falsch ich mit meinem Wunsch nach der Lesbarkeit der Welt in der Welt der alten Bücher lag. Das Thema der Antiquariate ist nämlich ein ganz anderes, als Viellesern fehlende Taschenbücher zu beschaffen: Es geht vielmehr um die „zugespitzte Sammelwut“ bibliophiler Menschen - wie mir zunächst Walter Primig, Antiquar der Buchhandlung Moser in Graz, nahebringt.

Eines Nachmittags suche ich Herrn Primig in seinem Reich in der Grazer Hans-Sachs-Gasse auf. Rein innenarchitektonisch versprüht das Antiquariat Moser durch die anno 1963 sicher hochmodernen Buchregale den drängenden Bildungseifer der 60er. Ich lasse mich anstecken. „Herr Primig, was passiert eigentlich in Antiquariaten?“ gebe ich mich offen als uneingeweihter Zeitgenosse zu erkennen. Der gelernte Historiker antwortet nicht nur mit einem kurzen inhaltlichen und historischen Abriss über sein Tätigkeitsfeld, er öffnet auch seinen - ohne spezielle Anfrage nicht zugänglichen - „Giftschrank“ für mich und legt mir unter anderem Gustav Schreiners Grätz aus dem Jahr 1843 auf den Tisch. Grätz ist ein in der Steiermark sehr gesuchtes topographisches Werk über Graz. Gefragt sind vor allem die Illustrationen des Buches, Stahlstiche mit alten Ansichten der Stadt, von denen Kopien in jedem Grazer Kaffeehaus hängen, das etwas auf sich hält. Das 25.000,- Schilling teure Buch hat bereits seinen Abnehmer gefunden. Und mir dient es als Anschauungsobjekt, worauf sich die Begierde von Antiquariatskunden richtet: auf gut erhaltene, erbauliche Beispiele guter alter Druckkunst, wenn geht in möglichst originalem Zustand und mit etlichen Drucken oder Stichen versehen. Gesammelt werden Bücher aller Sparten. In Graz sind neben den Styriacas naturwissenschaftliche Werke aus vergangenen Jahrhunderten und alte Reisebücher gefragt. „Wobei es beim Sammeln auf Spitzfindigkeiten ankommt“, sagt Herr Primig und meint die Jagd nach Erstausgaben oder besonders seltenen Büchern.

Unser Gespräch wird immer wieder von Kunden unterbrochen. Eine Dame sucht ein Werk Puschkins; eine andere Dame kommt mit einem geflochtenen Korb, über den Sie ein Tuch gelegt hat. Geheimnisvoll lüpft sie das Tüchl, um den Inhalt zum Verkauf anzubieten. Primig taxiert den Schatz, identifiziert ihn, ohne eines der Bücher öffnen zu müssen, und lehnt dankend ab: Zwei wenig gefragte illustrierte Märchensammlungen aus den 50ern und ein Roman aus der nazistischen Ära würden ihm nur das Lager verstellen. „Es gab eine Zeit, da wurde den Antiquariaten fast nur Nazi-Literatur angeboten“, erzählt er mir, nachdem die Dame von dannen gezogen war. „Inzwischen ist es aber anders.“

Der Höhepunkt in der Berufslaufbahn eines Antiquars ist es, eine gut sortierte private Bibliothek schätzen und erwerben zu dürfen. An solche Ereignisse der guten alten Zeit erinnert sich auch Herr Fichtl vom Antiquariat der Buchhandlung Kuppitsch in Wien mit glänzenden Augen. In Studentenkreisen wegen seines reichen Bestandes an vergriffenen Taschenbuchtiteln berühmt, hoffe ich, in der Buchhandlung in Schottentornähe auf die Lesbarkeit der Welt zu stoßen. Vergeblich. Dafür stattet mich Herr Fichtl mit den wichtigsten Adressen für einen Antiquariatsbummel in Wien aus. Und bringt mich zwischen berstenden Bücherborden auf den Gedanken, die Sammelwut nach seltenen, alten Büchern könnte etwas mit dem Explodieren der gegenwärtigen Buchproduktion zu tun haben. Es könnte der Versuch einer Gegenbewegung sein, das Streben nach Einmaligem in Zeiten des Ramsches. Fichtl dazu pointiert: „Wenn irgendein Gesundheitsverlag mit einem neuen Thema kommt, ziehen die anderen sofort mit. So haben Sie binnen kürzester Zeit acht Titel zum ‘Wunder in den Grapefruitkernen’, das nach einem Jahr schon keinen mehr interessiert und dann hier landet.“

Mit Bibliophilie hat das freilich nicht mehr das Geringste zu tun. Aber auch am hehren Antiquariatssektor, so Fichtl, hätte sich der Markt erschöpft. „Als Geldanlage kann man Bücher vergessen. Nach dem Krieg mit Viennensia zu handeln, hat noch viel gebracht. Inzwischen haben die Preise den Plafond erreicht.“ Diese Auskunft wird mir in den Antiquariaten des ersten Wiener Bezirks immer wieder bestätigt. Und seltsamerweise wird mir auch dringend davon abgeraten, in Zeiten wie diesen überhaupt mit dem Sammeln zu beginnen. Ich muss gestehen, mir würde ohnehin das nötige Kleingeld fehlen.

Wahrlich, es war das erste Mal - und wird vermutlich das einzige Mal bleiben - dass ich ein Buch im Wert von über eine halben Million Schilling durchblättern durfte. Schauplatz des beinahe erregenden Geschehens war das Sonderzimmer im größten Antiquariat der Republik: Franz Deuticke in Wien I. Bei besagtem Werk handelte es sich um eine - Verzeihung - fette Schwarte, die auch nach der aufkeimenden Buchhandels-Unsitte, Bücher per Kilo zu verkaufen, einen satten Preis einbringen würde: Hartmann Schedels Weltchronik aus dem Jahr 1493, die aufgrund ihrer reichhaltigen Bebilderung so etwas wie das Buch der Bücher am österreichischen Antiquariatsmarkt darstellt. Die Beschreibung dieses „größten Buchunternehmens der Dürer-Zeit“ nimmt im Antiquariatskatalog von Deuticke bei absoluter Kleinschrift mehr als eine Seite ein. Und der veranschlagte Preis liegt mit 680.000,- weit über allem, was sonst noch angeboten wird. Seit über einem Jahr steht das Buch zum Verkauf frei. „Es ist schwer einzuschätzen, wer das kaufen wird“, sagt Deuticke-Antiquariatsleiter Andreas Moser. „Büchersammler kann man nicht taxieren. Dazu ist der Markt zu bunt. Es gibt leidenschaftliche Bibliomanen, die kein Interesse haben, dass die Öffentlichkeit von ihren Schätzen weiß - genauso wie es Kunstsammler gibt, die ihre Sammlung lieber im Stillen oder mit Freunden genießen.“

Die Preisgestaltung am Antiquariatssektor unterliegt den Gesetzen von Angebot und Nachfrage. Der Richtwert sind jene Summen, die auf internationalen Auktionen für ein Buch erzielt werden. Während ein in Umfang und Gestaltung einmaliges Werk wie Schedels Weltchronik ein gut dotiertes Bankkonto voraussetzt, kann man zum Beispiel eine Erstausgabe von Lessings Nathan aus dem Jahr 1779 schon um 6.000,- Schilling erstehen. Die zweibändige deutschsprachige Erstausgabe von Joyces Ulysses landet für nur 2.800,- im Bücherschrank der Hausbibliothek, und die erste deutsche Ausgabe von Gedichten von E. A. Poe aus dem Jahr 1891 ist mit 240,- Schilling praktisch geschenkt. Im Vergleich zu den Preisen auf dem Kunstmarkt ist das insgesamt ein Klacks. Und so wird auch die gesamte Antiquariatslandschaft von einem Seufzer durchzogen, der den vergleichsweise gesunkenen Gewinnspannen gilt.

„Es wird immer schlechter. Vor dem Krieg gab es ganz exzellente Firmen, die nur mit dem Besten handelten“, blickt Hansjörg Krug vom Antiquariat Christian Nebehay auf die goldenen Zeiten zurück. Herr Krug freilich versucht, diese Tradition fortzuführen, auch wenn er im Gespräch etwas mieselnd meint: „Faszinieren tut keinen Menschen irgendetwas. Das Antiquariat ist ein Geschäft wie jedes andere auch. Die Begabung zum Handel ist die wesentliche Voraussetzung in unserem Metier. Die Faszination am Gegenstand steht dem oft nur im Weg.“ Nichtsdestotrotz weiß das gediegene Geschäftslokal in der Annagasse schon im Vorzimmer mit erlesenen Jugendstil-drucken und Biedermeierstichen an den Wänden und einem wuchtigen, intarsienverzierten alten Tisch in der Mitte zu beeindrucken. Dass das Geschäft schlecht ginge, würde man bei diesem Anblick nicht denken. Aber Krug beharrt: „Schlechte Zeiten wie vor oder nach dem Krieg sind gut für das Antiquariat, weil viele Leute ihr Hab und Gut billig abstoßen müssen. Gute Zeiten dagegen bewirken, dass die Sachen, die man kaufen möchte, sehr teuer sind.“ - So gesehen sollen die Zeiten für das Antiquariat ruhig schlecht bleiben!

Es spielt sicherlich eine Art Oppositionshaltung der Kollegenschaft gegenüber mit, wenn Herr Krug den Wahlspruch des Verbandes der Antiquare Österreichs - „Amor Librorum Nos Unit“ - gerne in „Amor Pecuniarum Nos Unit“ ummünzte. Dennoch: Nach den Motiven ihrer Berufswahl befragt, steht die Liebe zum Buch bei allen Antiquaren an erster Stelle. Elisabeth Hoffmann vom renommierten Haus Gilhofer in der Wiener Bognergasse streicht die Treue des Personals zum Geschäft heraus und illustriert die Verbundenheit der Antiquare mit ihrem Geschäft, die oft bis zum letzten Atemzug reicht, recht anschaulich: „Die letzten fünf Generationen der Besitzer von Gilhofer wurden mit den Pantoffeln voraus aus dem Geschäft getragen.“

Zweifellos steht aber hinter dem beschaulich wirkenden Tun der Antiquare auch beinhartes Kalkül. Schließlich gilt es, den Markt ständig zu sondieren, solche Bücher einzukaufen, die nicht auf immer im Regal stehenbleiben, und die Preise am Grat zwischen Rentabilität und Leistbarkeit zu halten. Dazu werden Messen besucht, und es wird auf internationalen Auktionen Jagd nach Kostbarkeiten gemacht. Kurz: Entgegen des ersten Eindruckes verlangt der Handel mit alten Büchern ein umtriebiges Gemüt. Und auch gute Nerven, denn, wie es bei Deuticke heißt: „Es ist oft ein sehr dünner Faden, an dem das Geschäft hängt.“ Skrupellose Händler behelfen sich dadurch, dass sie Bücher ausschlachten, die Drucke und Stiche aus alten Bänden herausschneiden und gesondert zum Verkauf anbieten, weil das mehr Geld bringt. Den wirklichen Buchliebhabern gilt dieses Vorgehen jedoch als Sakrileg, das Ächtung verdient.

In Wiens Nobelantiquariaten wird man ausgeschlachtete Stiche kaum finden. Sorgen macht man sich bei Gilhofer dafür über das in Deutschland einsetzende Antiquariatssterben und den allgemeinen Käuferrückgang. Für letzteren sei verantwortlich, dass die Antiquariate verabsäumt hätten, sich um jüngere Kundengenerationen zu kümmern. Auch sei eine sinkende Wertigkeit von Büchern im allgemeinen zu beobachten. Elisabeth Hoffmann: „Wenn man schon in der Schule lernt, dass man ein Buch geschenkt bekommt, um es nach einem Jahr wegschmeißen zu können, dann wird dadurch auch vermittelt, dass ein Buch nichts wert ist.“

Sollte der Handel mit alten Büchern dort enden, wo er begonnen hat? Der Ursprung des Antiquariats reicht ins späte Mittelalter zurück: Es begann mit Bücherbörsen an den ältesten Universitäten in Italien. Dort tauschten die Herren Studiosi ihre gelehrten Werke. Wenn heute jemand ein aktuelles Lehrbuch mit jemandem tauschen würde, käme allein diesem Akt Seltenheitswert zu. Geht es also zu Ende mit der schönen, alten Welt der Bücher?

Spurlos verschwinden werden Antiquariate noch längere Zeit sicherlich nicht. Denn selbst wenn der Gesellschaft der Bezug zum Buch weiter und weiter abhanden kommt, bleibt noch die Frage des Geldes. Zwischen diesen beiden Polen bewegt sich das Geschäft. „Wenn Sie Geld haben, ist es Ihnen wurscht, was es kostet, wenn Sie endlich einen Druck von Gutenberg oder Schöffer aufgetrieben haben, von dem es nur noch wenige Stück gibt“, sagt Herr Krug. „Aber ebenso freuen Sie sich, wenn Sie nach langer Suche ein 15 Jahre altes Buch finden, das vergriffen ist.“ Wie wahr! Nachdem die Nebehay GesmbH mit ihren Exklusivitäten nicht der richtige Ort ist, sich die Frage nach einem vergriffenen Suhrkamp-Taschenbuch auch nur durch den Kopf gehen zu lassen, versuche ich es mit der Lesbarkeit der Welt lieber in der Annagasse schräg gegenüber bei Löcker. Freilich mit dem selben Effekt: Leider nicht vorhanden! Und mir wird bescheinigt, dass der Titel zu jung sei, um gegenwärtig im Bücherkreislauf von Antiquariaten aufzutauchen. Bis die potentielle Besitzergeneration der Lesbarkeit der Welt wegstirbt und ihre Bibliotheken den Antiquaren zum Schätzen und Kaufen überlässt, wird es noch dauern. Also dann: ad multos annos!

null