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Thierschädel

werner schwab | Thierschädel

Wie irgend ein schnelles Tier warf sich McVie auf die andere Seite, sein Leben schmerzte, wie es bei allen Menschen immer schmerzt. Der Kampf mußte beginnen können. Hunderte Schweine waren abzustechen, aufzuarbeiten, zu den Akten zu legen. Es graute ein Morgen. die abgestickte Menschenoberfläche will toilettiert werden, es spielt sich ein Anfang.

Kein Gedächtnis ist mir jemals zugelassen. Jede Eigenzeit simuliert ein erstes Grundübel ...: eine eitrige Vergesellschaftung, eine sterbenswütige Beziehungslosigkeit. Woran soll sich ein Fleisch erinnern, das immer an der selben Stelle einschläft.

Thierschädel bevorzugte als Mengenangabe das Blut, Thierschädels Freund multiplizierte sich durch das Feuer. Während sich Thierschädel also eine möglichst allgemeine Ornamentik in die Haut schnitt, legte Haarmann weinend Feuer und erstickte es greinend knapp vor dem Weltenbrand. Thierschädel fehlte der Vater, Haarmann eine warme Mutter. Zusammen feierten sie Ende um Ende, Konsequenz um Konsequenz. Doch rücksichtslos lagen die selbst erdachten Leichen auf ihnen und verwesten nicht. Da hatte eine Wirklichkeit außerhalb der Hintergründe zwischen Haarmann und Thierschädel gut lachen. Und sie lachte auch schallend mit aufgerissenem Maul und zeigte ihre Zahnspange. Eine einfache Simulation der einfachsten Raster, und man hat nie gelebt. Stecken Sie ihr Feuerzeug ein, Sie verbrennen sich noch die Finger, Sie Idiot, heißt es dann; oder: hier haben Sie ein Pflaster, passen Sie das nächste Mal besser auf, Sie ungeschickter Tölpel.

Lachend goß sich McVie einen Krug Bier über den Kopf, leerte einen Aschenbecher auf die Schädeldecke und küßte einen Zeitungsartikel. Da stand geschrieben, daß Österreichs Status immer wichtiger werden würde als Beispiel für alle anderen europäischen Länder. Daß sich die europäische Staatengemeinschaft geradezu aufrichten wird können an der österreichischen Konstruktion ...

Der Wirt füllte mürrisch McVies Maßkrug nach und entleerte präventiv alle Aschenbecher der Umgebung. Eine junge Frau touchierte lächelnd McVie und kreiste suchend mit dem Gesicht über seiner Zeitung. Der kleine thermodynamische Angriff erwürgte McVie, und Thierschädel konnte den Zeitungsartikel nicht wiederfinden. Die junge Frau erlosch auf der Stelle und borgte sich bloß ein Feuerzeug.

Und er konnte den Artikel nicht wiederfinden, aufbauschen, auslegen.

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Kleine Diebereien, Beeinflußungen, Beobachtungsgabe ... gelegentlich sogar etwas Arbeit. Für einen Thierschädel liegt ein Geld nur in den Nischen - kleine Beträge, groteske Akte der Beschaffung. Es sind Fragen wie: Was verändert ein TV-Film über Naturschutz am Verhältnis des Naturschutzfilmkonsumenten zu seinem Geld, noch während er den Film einnimmt? Wie verändert also der Naturschutz, Interesse an ihm sei vorausgesetzt, die körperliche Abdeckung und Sicherung der betreffenden Brieftasche?

Sind sterbende Naturphänomene gekoppelt mit der persönlichen Angststruktur des Brieftaschenbesitzers, dann wählt man am besten den Zeitpunkt der Kumulation von naturtotem, schillerndem Fischkadaver - noch besser geeignet sind naturgemäß eine Masse verendeter Säugetiere. Solche Bilder konzentrieren die Empfindung des persönlichen Volumens auf Hinterkopf und Wirbelsäule. Und wenn das alles für den Arsch ist, dann stoße man Geldkopf und Naturschutzbild so lange aneinander, bis Kopf und Bild kaputt sind.

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Wegen der Druckverteilung und der mit ihr verbundenen unerträglichen Hitze beobachtete Thierschädel im kühlen Buschwerk ein bäuerlich aufgemachtes Haus, an und in dem nichts Bäuerliches festzulegen mehr war. Die Bewohner waren und sind wahrscheinlich immer noch halbgebildete Städter, die einer Natürlichkeit hinterherhetzten und hetzen, die es von Natur aus überhaupt nicht geben kann. Vor den Holzgittern der Fenster kauerten ein großes Mädchen und ein kleines Mädchen, ein großer Junge und ein kleiner Junge, die eine junge Frau, wir nennen sie die willensschwache junge Frau, eine Hure schimpften und die die offenbar aussichtslose Aufgabe zu verfolgen hatte, die vier Kinder an Stelle der Eltern oder eines Elternteils zu beaufsichtigen. Die willensschwache junge Frau mußte verheerend wirkende Schwächen gezeigt und so jede Kontrolle verloren haben, und ihre Fehler schienen sich mit zunehmender Panik zu mehren, das war an der sich ritualisierenden Bösartigkeit der Kinder deutlich abzulesen. Thierschädel sah, daß der kleine Junge auf Geheiß des kleinen Mädchens der willensschwachen jungen Frau einen Kübel mit eisigem Brunnenwasser über die Beine goß, als diese in ihrer Verzweiflung einen Besen jämmerlich vor sich schwang, was als Drohung ausgelegt hätte werden sollen. Als sie entsetzt ihre nassen Hosenbeine betrachtete, warf ihr das große Mädchen ein Stück einer verdorrten Wurzel an den Kopf, was den großen Jungen ganz entsetzlich zum Lachen brachte und ihn dazu bewog, einen Stein zu werfen, der die junge willenlose Frau an der Brust traf. Sie betastete nicht entsetzt ihre Wunden, sondern schlug die geballten Hände vor das Gesicht und heulte. Das große Mädchen hatte einen Zungenfehler und schielte, es trat ein paar Schritte nach vor und fragte, warum die junge willensswache Frau weine, alle Menschen müßten doch einmal sterben, worauf die junge willensschwache Frau vergeblich versuchte, das Haustor zu schließen und zu versperren. Vier Füße mit lachenden Köpfen verhinderten dies. Der kleine Junge war der erste, der der jungen Frau seinen Prügel über den Leib schlug. Sie ächzte und wand sich, wurde aber bald und immer wieder durch blitzartige Attacken der anderen drei Kinder an kontinuierlicher Gestik gehindert. Blutig lag sie auf den Eichenbrettern des Vorhauses. Sie atmete willenlos in sich hinein. Der große Junge und das große Mädchen lachten verzagt. Die Kleinen sagten, daß man keine Angst haben müsse, alles schaue immer schlimmer aus als es ist, währenddessen sie die Hose der jungen willensschwachen Frau öffneten. Die Großen fanden die Hosenidee spaßig und halfen bald mit, überließen es aber den Kleinen, der jungen Frau das Höschen herunterzuziehen. Angeekelt betrachteten alle vier Kinder abwechselnd die pulsierenden Blutblasen, die aus den Nasenlöchern platzten, und ihr Geschlecht. Das große Mädchen tastete neugierig an den Brüsten der jungen Frau, während der kleine Junge seinen Prügel in den Unterleib der jungen Frau stieß. Sie zuckte kaum merklich noch und die Blutblasen hörten auf. Das kleine Mädchen, das auf Grund seiner Resolutheit den Oberbefehl geführt hatte, weinte plötzlich und entschuldigte sich lautstark bei den entfremdeten Resten der jungen Frau. Der große Junge betete noch lauter, während die Kleinen wie in einem Krampf wimmerten und nach ihrer Mama riefen. Thierschädel war bereits oder erst jetzt vor Ort gestürzt und rief: Werdet ihr wohl brav sein, während er mit lächerlichster Intensität die grauenhaft liebliche Landschaft in sich hinein studierte.

Die junge Frau stand am Waschbecken und wusch sich. Tja beim Abstechen, sagte sie, wenn du die Ader von der Sau schlecht triffst, spritzt es dann nach allen Seiten, und die Kinder haben den Spaß dabei ... beim Mörder spielen. Die warten schon jedes Jahr darauf, daß man die Schlagader der Sau nicht richtig trifft, und dann muß ich mich immer hinlegen und den Kadaver spielen. Thierschädel schwenkte von dem bewaldeten Hügel hinunter in die Bratpfanne der jungen willensschwachen Frau, wo die Grammeln schwitzten und eine Zwiebel als Vorbedingung für ein gutes Bluttommerl.

Die hier abgedruckten Texte sind Teile einer größeren Sammlung von Kurzprosa, an der Werner Schwab ab Mitte der 80er Jahre arbeitete. Sie wurden dem handschriftlichen Nachlass entnommen, der seit Juli 1999 im Rahmen eines Projekts verzeichnet, transliteriert und für Editionen vorbereitet wird. Die Redaktion dankt der Nachlassverwalterin, Frau Ingeborg Orthofer, für die Bereitstellung der Texte.