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wenn die hausantenne kaputt ist ... (1)

Kino im Kopf kann auch Fernsehen sein, zeigt der Aarachne Verlag - Passwort Auferstehung


Josef K. Uhl. (Hg.): Paßwort Auferstehung. 24 Texte zum Leben danach

Wien: Aarachne 1998

Rezensiert von: hermann götz


Verwöhnte Literatur-Gourmets, heikle Cineasten und all jene, die der Nimbus des Trivialen verschreckt, sollen sich hier nicht angesprochen fühlen. Wenn aber unsereins als herkömmlich entwickelte Seele sich gerade an seinen zwei Fernsehprogrammen sattgesehen hat oder aus unerfindlichen Gründen gänzlichen TV-Verzicht üben muss, so sei vermittels dieser Spalten adäquater Ersatz angepriesen: Unter Paßwort Auferstehung ist im Aarachne Verlag ein veritables Vorabend- Lese-Programm erschienen, Geschichten von Zombies, Engeln, Wiedergängern, Vampiren, Erweckten und einigen ziemlich normalen Leichen; dazwischengestreut, statt der Werbeeinlagen, Zitate zum Thema von Turrini bis Schwarzenegger, nicht zu vergessen der Rosarote Panther („Ich komm´ wieder, keine Frage“). Sehr geeignet zum Zeit-Totschlagen, jedenfalls.

Stichwort totschlagen: Holger Scheike hat zu diesem Buch einen blutrünstigen Beitrag verfasst, den überblättern sollte, wer vorabends ausschließlich jugendfreies Programm erwartet. Der Tod eines Bukowski-Roboters ist köstlich, obwohl äußerst unappetitlich; eiskalt ist die Zukunftsklischeezukunft und voller Action, Pulp Fiction wird mit zynischer Konsequenz übertroffen. Das Ganze ist in seiner anarchischen Brutalität eine grelle Genre-Persiflage, ganz im Gegensatz zu anderen Beiträgen, wo des Lesers gattungsbedingte Erwartungen sämtlich Pointe für Pointe vorhersehbar befriedigt werden. Vampirgeschichten sind da von herkömmlichster Gruselästhetik, der Friedhof gräbt seine üblich morbiden Reize aus, und der Teufel darf auch einmal komisch sein. Zwischendurch ein bisschen Vorschau-Werbung für einen Aarachne-Horror-Roman Wilhelm Kuehs, von dem eine, großen Thrill versprechende, Szene abgedruckt ist, die vor allem an genau der richtigen Stelle abbricht. (Möglicherweise ist so etwas einem Kleinverlag nicht übelzunehmen.)

Experimentelleres gibt es von Georg Biron, Achim Wagner und Markus Bacher; außerdem der ganz auf seine dichte Sprache konzentrierte Kurztext von Wolfgang J. Fink, ein wirklich musikalischer blues after. Überzeugend liest sich auch das Begräbnis erster Klasse von Edith Darnhofer Demar (eine der wenigen Autorinnen des vorliegenden Bandes), sowie der Text Büro Schicksal von Peter Brandstätter, ein phantasievoll schöner Entwurf vom Leben der Engel - der Himmel (wieder) einmal ganz anders, sozusagen.

Ganz anders und vielleicht etwas wörtlicher als alle übrigen Autoren des Bandes hat Lars Freudenthal das Motto gedeutet. Ihm ist es nicht um makaberen Witz zu tun, oder um gruseliges Grauen. Sein Beitrag Todesfall Sonne ist der Versuch, über eine unmögliche und in ihrer Weise absolute Liebe zu schreiben und eine poetisch-meditative Annäherung an eine persönliche Vorstellung vom Akt des Sterbens, des Sterbens hin zum Licht. Ein ernsthafter und religiöser Text also, eine „Geschichte als Seelenspiegel“ wie der Autor selbst bekennt.

Als Herausgeber für Paßwort Auferstehung zeichnet Joseph K. Uhl verantwortlich. Mit einem kleinen Nachwort für Johny Walker, Jack Ballantines, Four Rouses, Glennfiddich und all die anderen netten Jim Beams beendet er die Vorstellung. Dem Leser sei vom begleitenden Whiskey-Genuss, den sich der Rezensent verwehrt hat, nicht abgeraten, womöglich wird so auch der Lektüre-Genuss forciert.

Eine leichte Brise

Auf ein Vorabendprogramm folgt für gewöhnlich ein Hauptabendprogramm. Ein flotter Krimi etwa, aus österreichischer Produktion, wie zum Beispiel Eine leichte Brise von Alfred Paul Schmidt - ebenfalls bei Aarachne erschienen. Der Autor ist kein Unbekannter. Im selben Verlag sind von ihm bereits drei Bücher im Programm: ein Polit-Thriller, ein seismographischer Kriminalroman (der allerdings nichts zu tun hat mit Kolleritschs seismographischen Pfirsichtötern) und der satirische Roman Hiob zweiter Klasse. Außerdem werden die Leser der Kleinen Zeitung regelmäßig mit Schmidtscher Welt-Anschauung versorgt und auch der ORF nimmt zuweilen seine schriftstellerischen Dienste in Anspruch. Kein Wunder also, dass sich sein Text für unser hauptabendliches Fernseh-Ersatzprogramm eignet. Die Neue hat bekanntlich das Feld räumen müssen, doch jetzt kommt Fanny Weihbusch, eine neue Neue, ihrer TV-Vorgängerin jedoch nicht ganz unähnlich: jugendlich, blond, attraktiv und keineswegs auf den Mund gefallen, Typ Radiomoderatorin - will heißen: selbstbewusst und emanzipiert, aber nicht ohne weibliche Schwächen (sprich: auch eine Frau Kommissarin kann sich verlieben). Der Schauplatz ist ausgesucht, eine hervorragende Kulisse, nicht zuletzt auch für ein Brise Fremdenverkehrswerbung. Es darf ruhig Alt Aussee sein, wo eine Direktorengattin als Leiche von einer steirischen Rotbuche baumelt, inmitten einer entzückenden Landschaft.

Selbstverständlich ist die Geschichte kompliziert, selbstverständlich ist die lokale Prominenz irgendwie involviert, und selbstverständlich wird irgendwann auch die politische Dimension der vorliegenden Verschwörung begreiflich. Aber eine wahrhaft gute Verschwörung spannt ihre Fäden vom Vogelhäuschen im Nachbargarten bis zum Nobelbordell in der Schweiz. Es dürfen dabei auch gepiercte Geschlechtsorgane nicht fehlen, genausowenig wie dubiose Organspenden für säuerlich seriöse Chefärzte. Und ein wahrhaft guter Krimi hat ganz am Ende auch noch eine kleine Überraschung zu bieten.

Alfred Paul Schmidt ist ein Profi. Sein Kriminalroman ist hundertprozentig fernsehtauglich; aber damit nicht genug, wird der literarische Teil des Buches auch noch durch einen theoretischen bereichert: „Wenn der Kriminalroman“, heißt es dort, „den Ehrgeiz hat, geistvolle Literatur zu sein, ist er gezwungen, sich um Erkenntnisse zu bemühen“. In der Folge ist vor allem Schmidt um Erkenntnisse bemüht, oder besser: um Argumente dafür, dass Kriminalromane geistvolle Literatur sind. Dass die seinen das sein sollen, ist dem Leser spätestens dort aufgefallen, wo Schmidt seine geistvolle Figur einführt, als Sprachrohr aller scharfsinnigen Schmidt-Sentenzen und verqueren Theorien zur Landschaftspsychologie, ein „Hiob dritter Klasse“ sozusagen, oder ein bisschen ein schnurrbärtig-glatziges Autorendouble. Wohl mag der Leser seine Freude haben, an Aussprüchen wie etwa: „Für mich hat der Ort etwas Mystisches. Eine spirituelle Wildheit. Man sieht ganz deutlich, durch die Luft zieht der Kernsatz des steirischen Buddhismus: ‘Mir wurscht!’“ Sie sind dem Protagonisten jedoch so deutlich in den Mund gelegt, dass man darüber zu stolpern droht.

Alfred Paul Schmidt ist ein Profi. Er schreibt gediegen komponierte Krimis, einfallsreich und spannend. Aber er hat den Ehrgeiz, geistvolle Literatur zu produzieren. Das merkt man.