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wer hat an der uhr gedreht?

hannes luxbacher | wer hat an der uhr gedreht?

Gedanken zu Wiederkehr/Wiederholung

Wiederkehr lässt sich die verschiedensten Namen geben, um unter den buntesten Legitimationen auftreten zu können. Jahreszeit zum Beispiel, oder Pastiche. Reden wir gar nicht erst von Postmoderne, schweigen wir von der ORF-Programmierung.

Einsichtig ist, dass Wiederkehr mehrere Wesenszüge aufweist und je nach Quantität und zeitlichem Regelmaß einerseits kontinuierliche Wiederholung - etwa das Erde-um-die-Sonne-Spiel - andererseits schlicht einmaliges Zurückkommen - jeder Ausflügler kennt das - bedeuten kann. Wiederkehr ist demnach zumindest ganz banal an Häufigkeit gebunden. Wiederkehr steht aber auch in einem sehr engen Verhältnis zur Zeit, und das nicht nur in natürlichen Zusammenhängen, sondern ganz allgemein. Auch im breiten kulturellen Metier ist der Faktor Zeit ein unbedingt mitzukalkulierender. Inszenierte Wiederholungen z.B. bekommen gerade wegen der vergangenen Zeit manches Mal eine neue Farbe. Gemeint ist hier weniger die Wiederkehr so nebensächlicher kultureller Errungenschaften wie der des Armschweißbandes, denn vielmehr jener der provokativen Bewegungen oder Manifestationen. Hat erst einmal der Zeitenlauf die Halbwertszeit der Provokation in sich aufgesogen, bekommen inszenierte Wiederholungen schlechtestenfalls das Kolorit einer vom Markt domestizierten „Verramschung“, bestenfalls die Etikette eines Revivals - „brandnew you're retro“, wie Tricky auf seinem ersten Album formulierte. So gesehen bei Avantgarde: Neo-Avantgarde. So gesehen bei Punk und Punk-Revival. Der Sänger der amerikanischen (Neo-)Punk-Band Green Day kann niemals mehr Johnny Rotten sein, sondern nur noch der John Boy Walton des Punk-Rock. Was aber, so ist zu hoffen, immer nur Aussagen über den Markt, die verschobenen Wertigkeiten sozialer Symbole zulässt, keine jedoch über die Integrität des Künstlers.

Jedenfalls bieten inszenierte Wiederholungen ein breites Spektrum an Beschäftigungsmöglichkeiten: Das alte Spießbürgertum bekommt die Möglichkeit, sich nachträglich zu rehabilitieren und zu zeigen, dass man aus der Geschichte gelernt hat (oder nicht), dem alten hippen Adabei bieten sie die Möglichkeit, sich nochmals zu profilieren und zeitgleich den Beweis, dereinst schon gewusst zu haben, was jetzt plötzlich alle zu wissen behaupten. Dem neuen Publikum bieten sie die Möglichkeit, sich mit dem Alten vertraut zu machen oder, ganz simpel, einfach nur zu konsumieren und die alten Verbundenheiten, Assoziationen und Grundfeste außer acht zu lassen - siehe die Gewalteruptionen beim Woodstock-Revival dieses Jahres.

Dem Markt schließlich baut die Wiederholung ein nettes zusätzliches Standbein, dessen Rezeptionsrahmen nicht erst mühsam aufgebaut werden muss, da Gehalte und historische Bedeutungen in Chronologien vorliegen. Der Mensch scheint nach der vorgeblichen Sicherheit zu schielen, die ihm aus seiner Ortsansässigkeit vertraut ist. Das permanente Auf-etwas-Stoßen, was hinlänglich bekannt ist, führt zu einem Bei-sich-Sein und so zu einer stabilen Immunität. Bestimmte Wiederholungen forcieren diesen Effekt mehr oder weniger unmittelbar. Darum auch ist alles zu begrüßen, was Maßstäbe verändert, wie David Bowie kürzlich äußerte. Und dennoch: Das alles spricht nicht per se gegen inszenierte Wiederholungen. Und zwar aus einem simplen Grund: Die Integration dessen, was einst war, in ein neues Umfeld hinein, kann knuddelige Ergebnisse zeitigen, durch Anpassung also entweder aktualisiert - siehe Rock und Post-Rock, siehe Tortoise - oder als obsolet dankenswerterweise endgültig verworfen werden. Überdies bietet Wiederholung auf wissenschaftlichem Boden die Möglichkeit, Verschiebungen bezüglich der Parameter des gesellschaftlichen Lebens an- und auszuleuchten.

Alles bleibt sowieso immer beim Alten, und weil beständig wiederkehrt, was latent eh da war, hat die Zeit alles geändert. Kennen Sie sich aus?

Zu guter Letzt bleibt eine Frage offen: Wann endlich wird Der knallrote Autobus im ORF wiederholt werden?