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andreas r. peternell | wiederaufbau

Lettlands Wirtschaftssituation vor dem EU-Beitritt: Daten, Fakten, Geheimnisse

Um die Errungenschaften der Kollektivierung zu glorifizieren, die Moral zu stärken und gleichzeitig über den Mangel an funktionierenden Farbfernsehgeräten hinwegzutäuschen, erzählte man sich an den Lagerfeuern Lettlands einst folgende Geschichte: Als die Judäer vom Perserkönig Kyrus die Erlaubnis erhielten, nach Jerusalem zurückzukehren, dachten alle nur daran, ihr eigenes Heim aufzubauen und vernachlässigten dabei die Wiedererrichtung des Tempels, obwohl kein Mangel an Arbeitskräften zu beklagen war, nachdem die Zahl der Rückkehrer 42.360 Personen betrug, die 7.337 Knechte und Mägde sowie 200 Sängerinnen und Sänger noch gar nicht mit eingerechnet. An technischen Hilfsmitteln standen 736 Pferde, 245 Maultiere, 435 Kamele und 6.720 Eseln zur Verfügung.

Gott Zebaoth, Herr der Heere, fand diese Eigennützigkeit natürlich unerträglich und stellte den Rückkehrern ein Ultimatum: „Nur noch kurze Zeit, dann mache ich euch alles kaputt!“ Und es waren keine leeren Drohungen, denn schon mehrten sich die Zeichen: Ein Hagelsturm nach dem anderen vernichtete einen guten Teil der Ernte, Getreidebrand und Mehltau waren der Schrecken der Bauern. Derartige Probleme waren den Kolchosbauern Lettlands nicht unbekannt, und so erfreute sich diese Stelle der Erzählung besonderer Beliebtheit.

Vom Obersten Planungskommissar wurde nun ein Fünfjahresplan zur Wiedererrichtung des Tempels vorgeschlagen, der - trotz massiver Störaktionen reaktionärer Kräfte - spielerisch erfüllt werden konnte. Gegenspieler Artaxerxes war zwar nicht begeistert, entbot aber dem Befehlshaber Rehum, dem Schreiber Schimschai sowie den „übrigen Genossen, die in Samaria und dem übrigen Gebiet jenseits des Stroms wohnen“ (Esra 4, 17) seinen Gruß. Als Darius die Regierungsgeschäfte übernahm, stöberte er ein wenig in den Archiven und fand dort eine einstweilige Verfügung König Kyrus', die als klare Befürwortung des Tempelbaus interpretiert werden konnte. Die Störaktionen wurden daraufhin eingestellt. Nach Vollendung der Bauarbeiten fand ein großes Gelage statt und der Herr der Heere versprach, künftig nur noch Segen zu bringen (Hag 2, 19). Den Kolchosbauern Lettlands gefiel diese Geschichte, weil sie vom Weltgeist ein ähnliches Entgegenkommen erwarteten - und enttäuscht wurden.

Zum Trost wurde diese Begebenheit von Georg Friedrich Händel in Form eines Oratoriums, also eines religiös motivierten Musicals, zu Papier gebracht und nach dessen Tod vom Wirrkopf Wolfgang Amadeus Mozart umgearbeitet (KV 572) - auch eine Art Wiederkehr. Um Interessierten das Ergebnis auch auf käuflich erwerbbaren Tonträgern zugänglich zu machen, hat sich Anfang der 90er Jahre die Gächinger Kantorei mit dem Bach-Kollegium, einem Geheimbund aus Stuttgart, verbündet um den Zuhörern unter der Leitung ihres Gründervaters, des grimmigen Helmuth Rilling, vor Augen zu führen: „Sie schallt, die Posaun', und die Toten ersteh'n unverweslich“. Amen.