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zwischen haut und himmel

Die sinnliche Kosmologie Maja Vidmars überzeugt und irritiert


Maja Vidmar: Leibhaftige Gedichte. Aus dem Slowenischen von Fabjan Hafner

Graz, Wien: Droschl 1999

Rezensiert von: helwig brunner


In einer Farbkombination aus Pink, Ziegelrot und Orange sticht der Einband einer Lyrik-Neuerscheinung aus dem Hause Droschl ins Auge. Was sich in derart poppig-dreistem Gewand verbirgt oder präsentiert, sind die Leibhaftigen Gedichte der aus Ljubljana gebürtigen und dort lebenden Lyrikerin Maja Vidmar. Das Buch fasst Auszüge ihrer drei slowenischsprachigen Lyrikbände aus den Jahren 1984 bis 1998 zusammen, ins Deutsche übertragen vom Petrarca-Übersetzerpreisträger Fabjan Hafner.

Den Körper mit seiner erotischen Empfänglichkeit, die auch Verwundbarkeit bedeutet, ohne intellektuelles Geplänkel von Abstraktion und Überhöhung zum Ausgangspunkt des Gedichts zu machen, ist ein Unterfangen, das zu beginnen und erfolgreich zu beenden der Rezensent (mit schlotternden Knien sei der Schritt aufs glatte Parkett des „Frauenliteratur“-Diskurses gewagt) weit eher einer Lyrikerin als einem ihrer zahlreicheren männlichen Kollegen zutrauen möchte. Tatsächlich stellt Vidmar so explizit wie unexaltiert den Lebensbereich der Sexualität in den Vordergrund der hier versammelten Gedichte, in denen es zunächst sprießt, atmet, riecht und leckt. Die körperliche Sinnlichkeit zieht freilich ihre Kreise, erfasst die Elemente, setzt sich fort in Raum und Zeit; mühelos gelingt der Brückenschlag vom Leibhaftigen über die Gedanken und Emotionen, die es beherbergt, hinaus in eine Welt, in deren schöne und schmerzliche Zusammenhänge es eingebunden ist. Dabei kommt auch die ironisch gebrochene (Selbst-)Reflexion nicht zu kurz, unternommen etwa aus dem origi-nellen Blickwinkel des sich selbst skizzierenden Aktmodells: „Auf der Couch / posiere ich nackt / inmitten / meines Jahrhunderts.“ Bis hinaus ins Fernste, in dem sich das Innerste wiederfindet, reicht der zärtlich genaue Blick dieser Gedichte, denen zuletzt auch Vokabel wie Gott und Tod nicht fremd sind.

An einigen Stellen argwöhnt man, zwischen all den gelungenen Zusammenklängen von Haut und Himmel den verpönten Ton einer allzu platt hingesprochenen Gedankenlyrik herauszuhören: „Fast habe ich schon vergessen, / dass ich ohne dich nicht / leben kann.“ Auch irritiert ein unverfrorenes Pathos in Sätzen wie: „Das erhobene Schwert / ist der Himmel über dem Herzen.“ Dass man sich bisweilen wünscht, selbst des Slowenischen mächtig zu sein, um Facetten der deutschen Version auf ihre Ursprünge im Originaltext zurückführen zu können, ist hingegen kein Ausdruck kritischen Misstrauens gegenüber der Autorin oder dem Übersetzer, sondern will als Verbeugung vor allem vor letzterem verstanden sein; Hafner hat in seinen einfühlsamen Übersetzungen dichte, irisierende Wortgebilde schaffen geholfen, deren poetische Überzeugungskraft dem Vergleich mit deutschsprachigen Originalgedichten fast durchwegs standhält.