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a und f ff.

herwig g. höller | a und f ff.

Österreich erst recht zuerst. Oder: Ohne Kraus geht nichts (mehr)

In den Wochen seit dem vierten Februar 2000 plagt wohl so manche Frau und so manchen Herrn Österreicher der Eindruck, dass sich momentan viel zu viel bis fast alles in A um F dreht, allzu oft selbst ausserhalb von A um A, wobei in vielen Fällen dieses A mit F gleichzusetzen wäre, womit wir wieder bei A und F wären. Gewissermaßen „Österreich zuerst“ zuerst in F, dann in A ... „und morgen die ganze Welt“.

Orbi et ergo
Ergo: Mia san wida wea - oder um für die „Hörsaal W“-Wirtin2 Lanzen aus dem Zeughaus zu brechen - nun wird Imperial Austria sicherlich nicht mehr mit Australia verwechselt. Endlich wird die Luft für Alpenkangaroos dünn, endlich werden sie tot. Rule Austria, Austria rule! Aber nicht nur in der Hochkultur, auch im Sport. Abgesehen vom Herminator. Denn allüberall - vor allem in den Redaktionsstuben, in denen bislang noch immer nicht weniger gelogen wird - haben sich inkognito österreichische Fußballfans eingefunden, die immer wieder, wirklich immer wieder, immer wieder Österreich schreiben. In A finden sich hingegen andere, die immer wieder, immer Widerstand schreien. Und wir werden alle narrisch, immer wieder, immer wieder, immer wieder narrischer.

Sind wir nicht alle Pi ... Patrioten?

 

Um auf die Murmetropole zu kommen, ist es auf den ersten Denk auch nicht zu verstehen, warum einige immer wieder - und nicht einmal deutsch - vom 1. Mai reden, vom Mayday. Und - wenn sich hier Menschen im Zeichen des Maitages treffen - werden dann noch Sprüche geklopft, die den Autor dieser Zeilen durchwegs an Belgrader Demos erinnerten und sich selbst dort schon einigermaßen überzogen anhörten. Urplötzlich werden zudem alle zu Patrioten, ob rinks oder lechts, und alles zusammen ist das dann ein bisserl widerlich. Womit wir immer wieder bei „Österreich zuerst“ wären. Go Karli, go!

 

Und dann werden noch die letzten Tage der Menschheit, wird der Tanz auf dem Vulkan proklamiert, ein Vulkan, der bislang irgendwo unter dem Wiener Opernhaus vergraben war. Jetzt sind wir aber still, so denkt hier in Österreich doch kein Geologe. Und auch Karli Kraus, der stadtein stadtaus rauf und runter zitiert wird. Heinzi Marecek an seinen früheren Freund und Kollegen Franzl Morak:

Franz! [...] Du hast doch Karl Kraus gelesen. Vorgelesen. Laut. Vor anderen Leuten. Freiwillig! Die Worte eines großen unerschrockenen Moralisten! So etwas tut man doch nur, weil man will, dass das Gesagte gehört wird, und weil man irgendwie daran glaubt. Das kommt mir so vor, als ob Karl Kraus [...] Kulturredakteur in der Neuen Freien Presse geworden wäre.

Ja, genau diese Frage bewegten wir in unseren Herzen. Wie hätte der gute Herr Karl K. an unser aller Stelle reagiert, Karl Krrrr? Wäre er Kulturredakteur in der ehemals neuen und ehemals freien Presse geworden? Damit wir's nicht vergessen, Karli Kraus hätte auch nicht - sagt Heinzi Fischer im Fernsehen - das Wort „Schulterschluss“ verwendet. Dafür, meint Aristopromi Karli Schwarzenberg, hätte „der österreichische Intellektuelle schlechthin“ andere wertvolle Tips geben können. Warum auch nicht? Und das, obwohl das Land, in dem Karli gelebt hat, so stumpf gegenüber sprachlichen Äußerungen in der Öffentlichkeit geblieben ist - meint Babsi Frischmuth. Und der Autor dieser Zeilen meint, dass uns der gute Karli nicht wirklich weiterhelfen wird können. Back to the future

 

Einerseits, Marilies Flemming sollte in Hinkunft Abstand davon nehmen, Arbeitsunterlagen auf ihrem Abgeordnetenplatz zu zerreissen. Und wieder Europäerin im Herzen werden. Auch wenn das böse Ausland die guten Philharmoniker kritisiert. Andererseits, die auch intellektuelle Nabelschau muss ein Ende haben, denn solange allüberall „Österreich zuerst“ zuerst bleibt, feiern Provinzialismen fröhliche Urständ. Angesagt sind daher Intensivierung von Auslandskontakten, nachdenken und schreiben über anderes. Es gibt doch so viele schöne Themen. Und bitte: Hände weg von gesammelten Krausausgaben!