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arm, matt, schlecht

werner schandor | arm, matt, schlecht

Wer das AMS aufsucht, macht Erfahrungen. Leider miserable

Das Arbeitslosenamt fällt dem Arbeitslosen vor allem dadurch auf, dass es jene Tugenden, die am Arbeitsmarkt gepredigt werden, nicht im geringsten selbst erfüllt. Von Flexibilität, Einsatzfreude oder Serviceorientierung keine Spur. Vielmehr wirkt das steirische AMS wie die Papier- und Tintenburg par excellence.

Es begann im Feber 1998. Ich wollte mich beruflich verändern, dachte daran, mich selbstständig zu machen. Vielleicht war es ein Fehler, ausgerechnet am Faschingdienstag erstmals beim AMS anzurufen, um Informationen einzuholen. Ich wurde von einer Frauenstimme jovial mit Vornamen Karl begrüßt, obwohl ich noch nie so hieß.
„Entschuldigung, bin ich da richtig beim AMS?“ „Ja, da sind Sie richtig. Ich dachte, es wäre ein Kollege. Testanruf - wir haben heute eine neue Telefonanlage erhalten.“ Das war noch das Lustige.
Ich ließ mich zu einer Beratungsstelle verbinden. Dort erfuhr ich, dass es für solche Fälle - Schritt in die Selbständigkeit - eine Beratungsfirma gäbe; dass man aber seitens des AMS über die Beratungen wenig sagen könne; und zuguter letzt erhielt ich den offensichtlich gutgemeinten Vorschlag: „Werden Sie einmal arbeitslos, und dann schauen wir weiter.“ Danke vielmals.

Ein Jahr später war es soweit. Ich hatte gekündigt. Nun saß ich im Parterre des AMS-Gebäudes vor einer digitalen Zahlentafel, hatte eine Nummer gezogen und wartete darauf, bei der Erstberatung an die Reihe zu kommen. Die Glastür am Eingang knackte immer verdächtig, wenn sie jemand aufmachte, die Zahlentafel summte bei jedem Nummernwechsel, überall saßen Leute und blätterten dicke Ordner mit Stellenangeboten durch. Das Ambiente aus Neonröhren, Steinböden und Plastiksesseln war recht nüchtern. Ich fühlte mich wohl wie in einer Filiale der bulgarischen Krankenkasse. Als ich drankam, erfasste mein Berater in seinem Kammerl erst minutenlang meine Daten, allen voran die Sozialversicherungsnummer, die man auf allen Papieren des AMS mindestens zwei bis drei Mal angeben muss. Dann drückte er mir das Formular für das Ansuchen um Arbeitslosenunterstützung in die Hand, das ich zu einem bestimmten Termin drei Wochen danach abzugeben hätte. Dann sagte er mir, dass in meinem Berufsfeld kaum mit Stellenangeboten zu rechnen sei. Und schon war mein Fall erledigt, die Tür knackte, und ich war wieder draußen. Und war so klug wie zuvor. Aber das Beste kam erst.

Drei Wochen später durfte ich also im dritten Stock des AMS-Gebäudes meine Formulare abgeben. Nach wie vor dachte ich daran, mich selbstständig zu machen. Von einer Bekannten hatte ich inzwischen gehört, es gäbe Förderprogramme für diesen Fall. Frohgemut fand ich mich am vorgegebenen Termin beim angegebenen Zimmer ein. Da davor keine Nummern vergeben wurden, trat ich ein - und wurde gleich einmal diszipliniert: Eine säuerliche Sachbearbeiterin hieß mich draußen warten, bis ihr Kollege frei sei. Wieder warten. Der Blick vom Gang des dritten Stockes des AMS-Gebäudes fällt auf einen Hinterhof einer Garage. Oder so irgendwas. Mit jeder Minute, die man dort wartet, versteht man besser, warum in und vor den Büros alle Leute mit eingeschlafenen Gesichtern herumstehen. Der für mich zuständige Kollege kam kurz aus dem Büro, ging den Gang entlang zum Kopierkammerl. Er trug seine Hosen verdammt tief. Fast hätte man seine Arschfalte gesehen, denn das Hemd hatte er auch nicht richtig reingesteckt.

Bitte, jeder nach seiner Fasson. Er kam wieder zurück. Endlich war ich dran.
Ich gab mein Formular ab, hatte alle Dokumente dabei. Ich sagte: „Wie ist das, wenn man sich selbstständig machen will? Ich arbeite als Journalist ...“
Der Bearbeiter, der mich bis dahin keines Blickes gewürdigt hatte, nur meine Papiere durch seine Hände gleiten hatte lassen, merkte kurz auf: „Sie arbeiten als Journalist?“
„Ja.“ Ich hatte auch den entsprechenden Passus im Antragsformular - Selbstständige Tätigkeit - mit „Ja“ angekreuzt.
„Dann brauchen Sie eine Erklärung über die Verfügbarkeit. Die muss Ihnen Ihr Berater im Erdgeschoß geben. Wenn Sie die haben, können Sie wieder zu mir kommen.“

Zack, saß ich wieder vor der summenden Wartetafel im Parterre, bei der knackenden Tür und den anderen Verlierern, die sich mit dem AMS abgeben müssen. Es dauerte eine halbe Stunde, bis ich dran kam. Mein Berater druckte ein Formular aus, das ich unterschreiben musste: Dass ich trotz meiner Tätigkeit für Vorstellungsgespräche Zeit habe. Warum ich das unterschreiben musste, wenn die Aussichten auf Vermittlung so schlecht sind, wie mir gesagt wurde, weiß ich nicht. Und warum dieses Formular nicht auch im dritten Stock ausgedruckt werden konnte, schon gar nicht. Wir leben in einer vernetzten Welt, heißt es. Nur das AMS scheint davon verschont zu sein. Da ich aber schon mal bei dem Berater war, frage ich, wie es denn mit Förderungen ausschaue.

„Förderungen?“
„Ja, wenn ich mich selbstständig mache. Nebenbei verdiene ...“
Das war sein Stichwort: „Wenn Sie mehr als 3.890,- im Monat nebenbei verdienen, verlieren Sie Ihre Ansprüche. Förderungen gibt es keine.“
Ich war baff. „Und wenn ich anfangs 6.000,- oder 8.000,- Schilling verdiene? Davon kann ich doch nicht leben.“
„Nennen Sie es eine Gesetzeslücke.“

Ich nenne es eine Gesetzeslücke. Und das AMS einen einzigen Formular-Verwaltungs-Frustrationsapparat, der den Realitäten des Arbeitsmartktes um Jahre hinterherhinkt.
Als ich mich wieder im dritten Stock einfand, war gerade jemand anderer beim Sachbearbeiter. Wieder warten. Und warten. Und warten. Die Tür ging auf. Er ging wieder zum Kopierer. Seine Hose war nicht weiter runter gerutscht. Ein Glück. Dann durfte ich seinen Aktenbunker wieder betreten. Zwei Wände des abgedunkelten Zimmers voll mit Akten bis oben an die Decke: Der große Arbeitslosen-Karteifriedhof. Ich musste eine Erklärung über mein selbstständiges Einkommen abgeben. Musste eine Einwilligung unterschreiben, dass das AMS sich im kommenden Jahr meine Einkommenssteuerabrechnung anschauen darf. Und erfuhr, dass ich sämtliche Ansprüche rückwirkend verlöre, würde ich übers Jahr mehr als diese 3890,- pro Monat verdiene. Was ich sehr seltsam fand: „Und wenn ich in drei Monaten, wo ich nicht arbeitslos gemeldet bin, sagen wir 80.000,- Schilling umsetze?“ (Es soll so Leute geben, die nicht von der Hand in den Mund leben.)
„Dann müssen Sie zurückzahlen.“
„Das ist doch unlogisch,“ ereiferte ich mich. „Wenn ich keine Arbeitslose mehr kriege, muss ich reinhackeln wie ein Koffer, damit ich was verdiene. Aber wenn ich was verdiene, verliere ich rückwirkend alle Ansprüche?!“
Der Sachbearbeiter schnaufte auf. Er hat einen Beruf, wo er Leute frustrieren muss. Das färbt ab. Und er hat mit komplizierten Regelungen zu tun. Am liebsten scheint es ihm zu sein: Man wird arbeitslos. Dann kommt man und gibt das Formular ab. Man bekommt das Arbeitslosengeld. Dann wird man irgendwann wieder irgendwo angestellt. Alles paletti. Aber mit Möchtegern-Selbstständigen und ihren Spitzfindigkeiten sowie den sich ständig ändernden Gesetzen auf diesem Gebiet: Nichts als Scherereien.

„Schauen wir uns das nächstes Jahr an“, äußerte er pragmatisch. Dann war ich wieder draußen. Und hatte eines gelernt: Man möchte sich nachher in den Arsch beißen, wenn man blöd genug war, vom AMS allen Ernstes auch nur eine einigermaßen nachvollziehbare Auskunft über eine reale Arbeitsmarkt-Problematik zu erwarten. Und noch etwas: Wäre ich Unternehmer und das AMS mein Angestellter: Ich hätte ihn schon längst gefeuert!