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auf der flucht

ute baumhackl | auf der flucht

Stellen Sie sich vor, es ist Krieg, und Sie laufen weg

Nicht freiwillig natürlich. Sie wären schon ganz gern geblieben, aber da sind plötzlich Soldaten bei der Tür hereingekommen und haben Sie angeherrscht, Sie sollen in drei Teufels Namen verschwinden, und zwar flott, fünf Minuten hätten Sie Zeit, um Ihren ganzen Dreck zusammenzupacken, dann würde geschossen.
Oder Sie haben Nacht für Nacht die Raketen krachen gehört, näher und näher, bis eines Nachts die Fensterscheiben zersprungen sind und Sie glaubten, Himmel und Haus stürzten über Ihnen zusammen, ehe es ringsum zu brennen begann und Sie Hals über Kopf davon sind, das nackte Leben davon gebracht haben, Gott sei Dank.
Jetzt sind Sie also unterwegs, Richtung Grenze oder sonst wohin Richtung Sicherheit. Möglicherweise versperren Ihnen Soldaten den Weg und Sie können nicht weiter. Möglicherweise müssen Sie sich immer wieder vor Fliegerangriffen verstecken und kommen nicht voran. Jedenfalls: Die Lage wird langsam wirklich gefährlich. Zu essen und zu trinken haben Sie nämlich nichts mitnehmen können oder es ist alles weg. Und die Zeit fängt an sich auszudehnen, wird jeden Tag elastischer.
Dass Sie nachts im Freien schlafen müssen, vielleicht in Sturm und Regen, macht Ihnen hoffentlich weniger aus als Ihren Kindern, die sind schon komplett erschöpft und entkräftet. Und kein Ziel in Sicht.
Trinken Sie das Wasser aus dem Bach nur, wenn Sie ganz sicher sind, dass es sauber ist, oder im äußersten Notfall. Es könnte verseucht sein. Wenn Sie auf der Flucht erkranken, ist das mit hoher Wahrscheinlichkeit Ihr Tod. Denken Sie daran: Sie können es drei Tage ohne zu trinken aushalten, auch wenn Sie vielleicht irreparable Nierenschäden davontragen.
Und versuchen Sie, sich mit wilden Pflanzen bei Kräften zu halten. Wilde Tiere werden Sie sowieso nicht erwischen, und zu essen wird Ihnen niemand etwas anbieten können.
Das Hungern halten Sie bis zu 20 Tage durch, wenn es sein muss. Auch jetzt, im Frühling, wo es noch kein Getreide gibt, keine Beeren, kaum essbare Pilze. Essen Sie die Kräuter, die Sie auf der Wiese finden. Aber Vorsicht! Nicht wenige sind giftig!
Essen Sie deshalb nur Pflanzen, die Sie sicher kennen, egal wie ausgehungert sie auch sein mögen. Unbekannte Pflanzen soll man vorsichtig kosten, sagt der amerikanische Survival-Papst John Boswell, und dann acht Stunden warten, ob man sie verträgt. Lassen Sie sich nicht vom Hunger verführen. Halten Sie den Blick am Boden. Hören Sie nicht auf zu suchen. Essen Sie Löwenzahn, Vogelmiere, Portulak, Melde, Guter Heinrich, Huflattich, Wegerich, Gänseblümchen, Brennnesseln, wenn Sie sie erkennen. Kauen Sie gut, um die wenigen Nährstoffe aus den Pflanzen zu lösen. Denken Sie daran: 100 Gramm Petersilie enthalten nur 33 Kalorien (100 Gramm Salat nur 15), Sie müssten also täglich mindestens 7 Kilo Petersilie essen, um auf Ihren normalen Kalorienbedarf von rund 2200 zu kommen (ohne die Strapazen der Flucht mit einzuberechnen). Aber auch, wenn Sie größere Vorkommen essbarer Pflanzen finden: Halten Sie sich nicht zu lange an einem Ort auf, denken Sie daran, in Bewegung zu bleiben. Wer verweilt, ist angreifbar. Entzünden Sie niemals ein Feuer, das kann man unter Umständen kilometerweit sehen. Essen Sie alles roh, und hoffen Sie, dass Sie es vertragen. Meiden Sie Pilze. Manche Arten, wie Hallimasch, sind im Rohzustand giftig. Auch Holunderbeeren sind roh für manche Menschen giftig. Meiden Sie auch Sauerklee und Sauerampfer. Beide sind essbar, aber in größeren Mengen giftig. Meiden Sie hochgiftige Pflanzen wie Eiben, Eisenhut, Goldregen, Lupinen, Efeu, Zwergholunder, aber auch Bärlauch (Verwechslungsgefahr!) Meiden Sie Menschen. Behalten Sie einen klaren Kopf. Denken Sie nicht an verstreute Angehörige, denken Sie nicht an das, was Sie zurücklassen mussten, denken Sie nicht an die Zukunft. Gehen Sie weiter. Alles Gute.