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auf der straße

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Für die meisten war der 19. Februar 2000 ein ganz normaler Tag. Zwischen 60.000 und 300.000 Leute hatten aber etwas Gemeinsames vor. Ein hybrid-satirischer Rückblick

Zunächst scheint unser Ausflug unter keinem guten Stern zu stehen: Unser Anarchisten-Auto - Farbe rot, was sonst! - gibt am Wechsel seinen Geist auf. Wir fahren also bei Grimmenstein von der A2 ab und erfahren an einer Tankstelle, dass unsere Fahrt hier wohl zu Ende ist. Klein sind die Leute von der Tankstelle ja nicht, übertrieben fleißig eigentlich auch nicht - immerhin ist Samstag Schlag Mittag, das kann man verstehen - und ob sie anständig sind, wagen wir erst recht in Zweifel zu ziehen: Wie wir zwei Tage später erfahren, wollten die uns glatt übers Ohr hauen, indem sie uns sagten, unsere Karre wäre so gut wie hinüber und wir könnten sie gleich hier stehen lassen, sie würden sie uns abkaufen. Dabei war bloß irgendein Loch in irgendeinem Rohr, das man irgendwie zuschweißen konnte ... Klar, im ersten Moment denkt man sich: „Hätt ma' doch was G'scheits g'lernt oder wär' ma überhaupt ein bissi lebensnaher, dann könnt' ma vielleicht mitred'n beim Motore, oder bei was auch immer!“ Aber so? Zwei Geisteswissenschafter? Am Weg zu einer Demo? Gott sei Dank müssen wir uns nicht outen, und auch das „Ich bin Ausländerin - fast überall“-Abzeichen meiner Freundin bleibt unentdeckt. Wir sind also inkognito, quasi, und überhaupt haben wir Glück im Unglück, denn der Bahnhof Edlitz-Grimmenstein ist nur 200 Meter von uns entfernt. Wir verabschieden uns von den freundlichen und hilfsbereiten Leuten von der Tankstelle und gehen in Richtung Bahnhof: Ein schwerer Gang, nur 200 Meter, aber ständig denken wir an unser rotes Auto-nom, das wir jetzt hier, in Edlitz-Grimmenstein-Canossa, zurücklassen müssen. Auf halbem Weg liegt auch noch eine tote Katze im Straßengraben, die genauso aussieht wie unsere Anarcho-cat zu Hause. Nein, sie heißt nicht Kropotkin ...
Wir warten aber nur eine halbe Stunde auf den Bummelzug nach Wiener Neustadt, das Wetter ist überaus freundlich und überhaupt: in der Eisenbahn, da fühlen wir uns irgendwie schon gut aufgehoben. In Wiener Neustadt erste Vorboten der Demo, verwahrloste Gestalten mit grindigen Fahnen - die Gewaltbereiten? Am Südbahnhof wundern wir uns darüber, dass uns der ORF empfängt, merken dann aber, dass unserem Zug mehrere Sonderwaggons angehängt sind: Gewerkschafter, ein rotes Fahnenmeer, die ersten Trillerpfeifen, das Herz schlägt links und gleich viel höher. Nationale Solidarität in der Eingangshalle: ein Gewerkschaftsstand begrüßt die Genossen („De hintam Semmaring san a scho do“), in der einen Hand schwenken sie die Fahnen, in der anderen wacheln sie mit den Tausendern. Natürlich greifen wir zu, wir wären ja blöd, oder, Freundschaft stinkt nicht! Doch kaum halten wir unsere wohlverdiente Demo-Prämie in Händen, verwandelt sich die Mobilisierungszuwendung in rote Kappeln und Trillerpfeifen. Na gut, dann gehen wir halt doch zum Bankomat ...
Vor dem Bahnhof Info-Stände, die Truppe formiert sich zum Marsch durch die Prinz-Eugen-Straße. Wir zögern kurz, entschließen uns dann aber, die „linken Turnpatschenmarschierer“ [© Staberl] links zu überholen und uns als private Widerstandszelle auf eigene Faust ins Zentrum zu begeben. Kärntnerstraße: Regen setzt ein, wir können die hämischen Kommentare schon beinahe hören: „Wie nasse Hunde irrten die Randalierer planlos umher!“, oder „Der liebe Gott hat sie mit seinem nassen Fetzen von den Straßen gefegt.“ Wir flüchten zunächst einmal in ein Fast-Food-Restaurant, so wie das die alt-linken Internet-Freaks halt machen. Irgendwie ganz cool der McPlastik, denke ich mir: Hinter der High-Tech-Budel fast nur Ausländerinnen.
Nach ein paar Ham- und Cheesewürgern sind wir wieder draußen, auf „der Straße“, und wir rüsten weiter auf: Wir nehmen Aufkleber entgegen, kaufen Anstecker und gehen Richtung Oper. Dort geht es um Kunst und Kultur, das finden wir passend, denn da fühlen wir uns wohl bei den ganzen bierernsten Kulturschöpfern. Los ist noch nicht allzu viel - das Wetter wird wohl nicht die Demo-Beteiligung beeinflussen?
Wir treffen die 16-jährige Nichte meiner Freundin, die drauf und dran ist, zur Berufsdemonstrantin zu werden, zumindest habe ich sie schon zweimal in Graz bei einer ähnlichen Veranstaltung gesehen. Man freut sich über den Nachwuchs; ich bin ja schließlich schon ein alter Demo-Hase, ein echter Alt-Linker (Jahrgang 1970), und meine Freundin erst (Jahrgang 1969) ... Auch eine freie Grazer Theatergruppe versammelt sich beinahe geschlossen vor der Oper, was uns aber nicht wundert, denn die verpulvern ja schon seit jeher ihre Subventionen für first-class-Reisen zu Demos in halb Europa!
So gegen vier geht's dann aber los, Stimmung kommt auf, und auch das Wetter ist auf unserer Seite. Jetzt wird erst mal geredet. Warum eigentlich so viele Leute immer das Gleiche sagen müssen, leuchtet mir ja nicht ganz ein. Das ist irgendwie fast so, wie wenn sie in dem großen Land hinterm Teich, das uns allen ein wenig suspekt ist, jemanden zu 4x lebenslänglich, davon 170 Jahre Einzelhaft, verurteilen. Mehr als tot kann man ja nicht sein, und weniger grauslich wird's nach dem x-ten Redebeitrag auch nicht, und überhaupt: Es wird doch wohl niemand auch nur im entferntesten daran glauben, dass da irgendwer wegen ein paar Gutmenschen, oder wie wir jeweils heißen mögen, seinen Hut nimmt, einfach sagt: „Danke, ihr habt mich überzeugt, Leute!“ Dass wenig später der Justizminister umkippt, können wir freilich a) noch nicht wissen und b) uns kaum auf unser „Ich habe diese Regierung nicht gewählt“-Revers dazuheften.
Als Insider kennt man natürlich die Leute auf der Bühne: drittklassige Possenreißer aus - horribile dictu! - Frankreich, letztklassige Provinz-Theater-Indentanten und evangelische Superindententinnen reichen sich das Mikro weiter. Applaus brandet auf, im ersten Stock des gegenüberliegenden Geschäftgebäudes gehen die Fenster auf - spontane Sympathiekundgebungen werden uns entgegengeworfen. Etwas zurückhaltender sind da schon die Zimmermädchen im Hotel nebenan: sie riskieren nur einen kurzen Blick auf das Treiben. Nach einer Stunde kommt dann endlich Bewegung in das bunte Künstler-Grüppchen: auf zum Heldenplatz! Wir haben Gelegenheit, die Leute genauer anzusehen. Auffällig die Mischung: Seriöse Damen und solide Herren, alle Altersgruppen, natürlich viel Jugend, die ja so wichtig ist, die richtige halt, nicht diese Straßenkinder da mit ihren „Ich will nicht zur Nato“- Transparenten.
Die Ringstraße kommt mir vor wie ein Potemkinsches Dorf. Die Häuser glotzen blöd aus ihren tausend Augenfenstern - fast bekommt man es mit der Angst zu tun, so leblos ist die Szene, bis auf die paar Fahnen und Trillerpfeiferln halt. Kaum Passanten und kaum Schaulustige. In Graz in der Annenstraße zwei Wochen zuvor, da wurden wenigstens die Fenster aufgerissen, da wurden Vögel gezeigt, Mittelfinger gestreckt, manchmal sogar applaudiert, aber hier is' es irgendwie gruslig. Klar, in Wien sind schon gewichtigere Leute da, auch die Reden haben mehr Gehalt. Man hat wenigstens nicht das Gefühl das man sich ein Eigentor schießt. In Graz hatte ich das sehr wohl, hatte doch ein Redner glatt einmal das Wort „Verbrecherregierung“ fallen lassen. Dass er zur „antifaschistischen Linken“ gehörte, war nicht wirklich erstaunlich. Warum gibt's eigentlich keine „antifaschistische Rechte“?, frage ich mich, naiv wie ich bin.
Dann am Eingang zum Heldenplatz das Nadelöhr, denn jetzt kommen auch noch die Arbeit-und Sozial-Hanseln vom Parlament dazu, und alle wollen sie durch das Burgtor. Auch 60.000 Menschen können ganz schön drängeln! Dass wir nur so wenige waren, das wissen wir freilich zu diesem Zeitpunkt nicht, denn die Moderatoren auf der riesigen Bühne vor der Nationalbibliothek gaukeln uns ständig falsche Zahlen vor: „Draußn am Ring“, sagt der Glatzkopf, der sich skandalöserweise auch Doktor nennen läßt und schon seit Jahren mit diesem ganzen Integrationsheckmeck unangenehm auffällt, „wortn no 40.000 Leit, de a olle do eina wulln. Oiso geht's olle a bissl in Richtung Thomas-Klestil-Haus!“ Doch die Masse ist zäh und bewegt sich nur langsam in die Weiten des Platzes. Schließlich schaffen wirs doch noch und die Schauspielerin und Kabarettistin gibt bekannt:“ Leitln, wir san 300.000!“ Boah! Eine Riesen-Stimmung!
Schön langsam wird es aber auch ein bisschen kühl, etwas Warmes im Magen wäre angenehm. „Tee-Eskalation“, denke ich leise bei mir ... Doch jetzt heißt es erst mal durchhalten, zeigen, dass auch wir zu unserer Gesinnung stehen. Wieder wird geredet. Auf die riesige Bühne kommen abwechselnd Vertreter unterschiedlicher Minderheiten: Lesben, Migranten (ein schöneres Wort als „Ausländer“ ist das eigentlich auch nicht!), Künstler, darunter ein Bergdoktor und Kommissar in Personalunion, der zum Volkstribun mutiert, und schließlich jene Gruppe, deren Worte einen richtig hernehmen: KZ-Überlebende und Vertreter der jüdischen Gemeinde. Das Wort „Widerstand“ bekommt da eine etwas andere Gewichtung ...
Weil unser Auto k.o. ist, müssen wir den Heldenplatz vorzeitig verlassen, um unseren Zug nicht zu versäumen. Es ist kurz nach 20 Uhr. Alles scheint in Auflösung begriffen. Zu Fuß gehen wir Richtung Südbahnhof, vorbei an Fahnen und Transparenten. Die Trillerpfeifen werden leiser, in meinem linken Ohr, das auf laute Geräusche sehr empfindlich reagiert, allerdings noch lange nicht, (wieder typisch, das linke Ohr, natürlich ...). Am Grazer Bahnhof schlage ich vor, ein Taxi zu nehmen, was uns irgendwie seltsam vorkommt. Ja steht denn wo geschrieben, dass man nach einer Demo vor lauter müde auf allen Vieren nach Hause kriechen muss?
Um Mitternacht sind wir wieder zu Hause. Die Anarcho-cat würdigt uns keines Blickes. Wenigstens war sie brav. Keine mutwilligen Zerstörungen, keine Vandalismen, ganz so wie bei den Großen ...