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peter iwaniewicz | big game

Ein Halali auf die Hohe Jagd

Ich war in meinem Leben schon Primzahlenjäger, bin Tornados nachgejagt, lag nächtelang neben Teilchenbeschleunigern auf der Lauer, um Hadronen und Quarks zu entdecken, habe in den Kompetenzen meiner Kollegen gewildert und so manches Bierchen zur Strecke gebracht.
Aber. Niemals habe ich wie ein Heckenschütze aus sicherer Distanz auf Tiere geschossen. Nicht deswegen, weil ich Buddhist wäre, mich nur vegetarisch ernähre und aus moralischen Gründen kein Tier töten könnte. In Bedrängnis geraten, würde ich nicht zögern, die mich attackierenden Gelsen mit einem gezielten Handkantenschlag daran zu hindern, mein Blut zu saugen. Wäre ich Landwirt und Schafherdenbesitzer, könnte ich mich über satte Versicherungsprämien freuen, die ich erhielte, wenn ein Braunbär eins meiner Tiere gerissen hätte.
Nein. Weder Bedrohung noch Hunger sind - in wohlentwickelten Industriestaaten - gute Gründe zum Jäger zu werden. „Heger“, tönt es aus deren Mündern, „wir sind Heger und schützen, pflegen, erhalten die Natur, die ohne uns nicht mehr so natürlich wäre.“
Danke. Das klitzekleine, gern verschwiegene Problem dabei ist nur, dass ganzjährige Fütterungen der Wildtiere mit Kartoffeln, Rüben, Brot und sogar Kuchenabfällen, die ursprüngliche Wilddichte absurd erhöht haben. Auf 100 Hektar war ursprünglich in Österreich kaum mehr als ein Reh zu finden. Heute sind es 15 bis 20, die auf der gleichen Fläche Futter finden. Müssen.
Nun ist es aber nicht so, dass man ob dieser Zusammenhänge nicht wüsste. Man ist ja Naturfreund. So sprach zum Beispiel der Präsident der Landesjägerschaft Niedersachsen ergreifende Worte und meinte:
Weil wir uns dem Naturschutz besonders verpflichtet fühlen, ja weil er uns eine Herzensangelegenheit ist, haben wir vier Quadratkilometer naturschutzwürdiger Flächen angekauft.
Bloß. Das Land Niedersachsen umfasst 47.348 Quadratkilometer.
Doch es ist ja nicht die Moralsäure, die mich davon abhält, den Grünrock überzustreifen, sondern in erster Linie die Sorge um meine mentale Gesundheit. Es gibt da offensichtlich eine starke Korrelation zwischen Jagdleidenschaft und progressiver Demenz. So erzählte der Jetset Fotograf Gunther Sachs in einem Interview von den Schwierigkeiten, die er mit seiner Sammlung von (ausgestopften) Nashörnern hat. Natürlich würde unsereiner als Bewohner kleiner Zinswohnungen vermuten, dass er unter räumlich ziemlich bedrängten Verhältnissen leben muss, da sicherlich in der Garage neben seinen Ferraris kein Platz mehr ist. Oder dass ihm der Zoll wegen dem Import geschützter Tierarten und Verstößen gegen das Washingtoner Artenschutzabkommen auf die Pelle rückt.
Weit gefehlt. Die Wirklichkeit ist viel erschreckender: „Ich sammle Nashörner und viele meiner Freunde bringen mir Nilpferde mit, im Glauben, das wären die Weibchen“, klagte Sachs.
Damit man sein Halali nicht nur mit den immergleichen heimischen Rehen, Hirschen und Wildschweinen blasen muss, kann man sich auf Fachmessen über die attraktivsten Jagdreiseziele informieren. Zielgruppe: „Jäger, Fischer und Naturliebhaber“.
Die Veranstalter bieten Jagdtouren an, die es den Waidmännern und -frauen ermöglicht, selbst vom Aussterben bedrohte Tierarten zu erlegen, respektive diesem Prozess hilfreich zur Seite zu stehen. In Kanada und Russland können gerade erst aus dem Winterschlaf erwachte - und damit dementsprechend geschwächte und orientierungslose - Bären direkt vor den Höhlen oder bei angelegten Futterplätzen zur Strecke gebracht werden. Wölfe werden per Helikopter und oft mittels halbautomatischer Waffen geschossen. In Afrika reicht das Angebot von Großkatzen über Elefanten bis zu Nashörnern. Diese sind mit 280.000 Schilling pro totem Tier nicht gerade billig. Da der Bestand von Spitzmaulnashörnern in Kenia bei 430 Individuen liegt, erscheint dieses Vergnügen doch ganz preisgünstig.
Ganz wilde Hunde jagen Haie. Die Geißel der Schiffbrüchigen und Badetouristen? Innerhalb von zehn Jahren sind in Australien elf Menschen in Folge von Haiattacken getötet worden. Im selben Zeitraum starben dort 20 Menschen durch Bienenstiche.
Vielleicht gibt's bald Bienenjäger mit kleinen Gewehren und kleiner Munition. Sehr sportlich.
Gewalt, Sadismus, Mordlust. Triebe, die jene, die es treibt sehr viel ökonomischer durch Horror-, Gewalt und Kriegsfilme abreagieren könnten. Die Hohe Jagd - ein niedriges Vergnügen. Und widerlich.