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der arme zettel, das kühle werk

Über Lucas Cejpeks Zettelwerkprojekt, das flüchtige Hinspritzen von Tintenkartuschen und die Sehnsüchte des heutigen Papiers


Lucas Cejpek (Hg.): Zettelwerk. Gespräche zu einer möglichen Form.

Sonderzahl: Wien 1999

Rezensiert von: hannes luxbacher


AutorInnen schreiben Bücher, weil sie nichts anderes können. Oder: AutorInnen schreiben Bücher, obwohl sie anderes können und sie dennoch nicht anders können. Keine Ahnung, ob das noch immer zu diskutieren wert ist, ich glaube aber nicht, und wenn, dann bitte ohne mich. Also dann zu etwas ganz anderem: Lucas Cejpek hat als Herausgeber jene Gespräche in einem Sammelband namens Zettelwerk. Gespräche zu einer möglichen Form vorgelegt, die er selbst als Gesprächsleiter mit vielen AutorInnen in der Alten Schmiede in Wien geführt hat. Thema und Form der Gespräche waren immer gleich: Zwei AutorInnen treffen sich, lesen aus einem ihrer Bücher und stellen sich dann einem losen Gespräch, in dem vor Publikum dem Schaffens- und Entstehungsprozess der AutorInnen und der Bücher nachgegangen wird. Herausgekommen ist ein Kompendium teils informeller, teils launiger, teils lustiger, teils listiger Gespräche, die im wesentlichen um zwei Angelpunkte zentriert sind: Den einen bildet jene Gruppe, der es um ein Verständlichmachen ihres Arbeitsprozesses geht, den anderen bildet die Gruppe, der es darum geht, geschickt auszuweichen und der Qual der Selbsterklärung zu entkommen. Meine Sympathie gehört ja letzteren, denn was hätte ein Germanist mit Studienabschluss noch zu tun, wenn jeder Autor respektive jede Autorin sein/ihr Werk auch noch selbst interpretierte. Andererseits ist man natürlich froh, wenn man mal nachlesen kann, dass auch AutorInnen nur mit Wasser kochen und der Zufall himself immer wieder einmal seinen Platz behauptet.

Über die Originalität und das demiurgische Prinzip zu diskutieren, überlasse ich an dieser Stelle den GesprächsteilnehmerInnen selbst und fordere Sie auf, nachzulesen, denn die Gespräche sind großteils nicht nur informative Quellen, sondern auch amüsante Kleinode geistiger Begegnungen, was bei Meta-Literatur-Spurensuchen ja nicht notwendig der Fall sein muss. Das liegt zum einen vielleicht auch daran, dass der Herausgeber die Gespräche z.T. gekürzt hat, zum anderen wohl auch daran, dass die Gespräche, wie Lucas Cejpek im Vorwort schreibt, von vornherein so angelegt waren, dass ihre Dramaturgie auf die Verschriftlichung hin orientiert war. Was auch immer das im Konkreten heißen mag, wir nehmen es gerne zur Kenntnis, und es scheint jedenfalls gelungen zu sein.

Ausgewählt und zu den Gesprächen geladen wurden AutorInnen, die im eher weiten Feld des experimentellen Schreibens agieren. Die ausgesuchten Werke seien „Zettelwerke“, wobei „Zettelwerk“ ein Gattungsbegriff sei, der auf eine Literatur jenseits der Gattungsgrenze ziele. „Dabei zählt nicht das Gesamtwerk einer Autorin oder eines Autors, sondern das einzelne Buch: Das Buch, das beim ersten Durchblättern wie eine Sammlung oder ein Sammelsurium wirkt und bei der Lektüre als Komposition besticht“, so der Herausgeber. Der Verfasser dieser Zeilen freut sich über den schönen Zentralbegriff, da der Zettel mittlerweile ein wohl armseliges Dasein im Literaturbetrieb einnehmen hat müssen. Seine Bestimmung war es immer schon, beschrieben zu werden, mittlerweile aber fehlt dem Zettel weithin jede Zärtlichkeit, entstanden durch das behutsame Darübergleiten der schreibenden Hand, fehlt ihm jede Durchdringung, hervorgerufen durch den Schweiß schwitzender SchriftstellerInnenhände. Wohin ist das gelegentliche heftige Kratzen des Fingernagels gegangen, die prätentiösen Makulaturen der Langeweile an den Zettelrändern, gar nicht zu sprechen von den unmittelbaren Körperlichkeiten der verschiedenen Schreibspitzen. Alles musste dem flüchtigen Hinspritzen einer kalten Tintenkartusche weichen. Oder gleich dem tätowierenden Strahl eines Laserdruckers. Und das alles wenn geht so schnell, dass sich die Blätter noch im Druckerfach selbst überholen. Der arme Zettel, das kühle Werk. Und das Buch? Lesen Sie es, alleine schon wegen des Titels!