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die kometen, auf denen ich gehe

Mit Uroš Zupan unterwegs zu den lichten (W)Orten slowenischer Lyrik


Uroš Zupan: Beim Verlassen des Hauses, in dem wir uns liebten. Gedichte. Aus dem Slowenischen von Fabjan Hafner.

Residenz: Salzburg, Wien 2000

Rezensiert von: helwig brunner


Uroš Zupan, das ist neben Drago Jancar, Kajetan Kovic, Maja Vidmar und etlichen anderen ein weiterer Name, dessen Klang dem interessierten Lyrikleser unserer Breiten allmählich vertraut wird. Nahtlos schließt das neue Buch des 1963 geborenen Zupan, der als Autor und Übersetzer in Ljubljana lebt und arbeitet, an eine Reihe von Gedichtbänden und Beiträgen in namhaften Literaturzeitschriften an, die dem deutschsprachigen Leser neuerdings vermehrt slowenische Lyrik zugänglich machen.

In fünf Kapitel gegliedert, die nach vier vorliegenden und einem in Entstehung begriffenen Buch Zupans betitelt sind, stellt der Band eine repräsentative Auswahl seines lyrischen Schaffens erstmals in deutscher Sprache vor. Dass Zupan auch einen Essay mitliefert, der Seite an Seite mit den Gedichten letztere im besten Sinne des Wortes erklärt, macht eine Buchbesprechung zu einem einfachen und doch wieder schwierigen Unterfangen. Einfach, weil da in prägnant skizzierten und kolorierten Innenansichten viel, sehr viel über Zupans dichterisches ist gleich menschliches Selbstverständnis gesagt und dem Leser, so auch dem Rezensenten zur Verfügung gestellt wird; gerade dadurch aber auch schwierig, weil gemessen an solch kraftvoller Selbstanschauung der immer wieder taumelnde, immer wieder abgleitende Leserblick seine eigene Unzulänglichkeit erfährt. Mein Leben auf dieser Seite, so ist der Essay übertitelt - gemeint ist damit „die andere Seite, wo jene leben, die einen Fluss dazu bringen können, durch ein Nadelöhr zu fließen“. Angesichts der weit verbreiteten Ermangelung dieser Fähigkeit wird nicht leicht ein Leser von sich behaupten dürfen, auf Zupans Seite zu leben.

Folgen wir, statt das Rad neu zu erfinden, den klar gezogenen Spuren der Selbstinterpretationen, die Zupan zu einigen deklarierten Lieblingsgedichten anstellt, so finden wir in beiden - den Gedichten wie den Interpretationen - vor allem eines aufgezeigt: die Welt als Summe, Produkt oder Potenz ihrer Orte und Befindlichkeiten. Zupans Gedichte sind feierliche und profane, stolze und bescheidene Positionsbestimmungen zum Beispiel zwischen Komet und Geburtsstadt, nördlichem und mediterranem Licht, Himmel und Abgrund, Identität und Entfremdung, Konformismus und Widerstand, Jahrtausende langer Zivilisationsgeschichte, nahezu still stehender Gegenwart und ungewisser Zukunft. Langzeilig und Seiten füllend in beinah epischer Breite, ruhig und doch nicht ohne einiges Pathos entfalten sich Zu-pans poetische Orte und Welten. Letzteres, das Pathos nämlich, wird in seinem Wesen besser verständlich, wenn man sich jene Dichterpersönlichkeiten vor Augen führt, bei denen Zupan in seinem Essay poetologische Anleihen nimmt: Gottfried Benn als derjenige, der ein Gedicht schon vor seiner Niederschrift vollendet weiß, und Paul Celan als nach letzten Instanzen Suchender werden da namentlich genannt. Dass als Dritter im Bunde die Jazzlegende Miles Davis beschworen wird, lässt uns vielleicht noch bereitwilliger jener klaren und tiefen Klanglichkeit nachhorchen, die Zupan in seinen lyrischen Sprachgebilden erzielt.

Zupans Schreiben geschieht, so teilt uns der Autor mit, zu zweierlei Zweck: zu seiner eigenen Freude und zu der des Lesers. Diese Freude ist es wohl auch, die seine Gedichte über weite Strecken weniger lamentierend, in lichterer Gelassenheit erscheinen lässt als viele lyrische Werke seiner Landsleute. Eine zum Stillstand gekommene Uhr etwa, die beharrlich den Zeitpunkt einer vergangenen Liebe markiert, ist für Zupan gleichzeitig auch jene Uhr, in der alles „geborgen bleiben“ wird. Zumindest im Gedicht gilt solche Ambivalenz für Zupan ungebrochen, denn, so lesen wir in jenem Essay, „Dichtung ist die einzig wirkliche, vollkommen friedliche Gegenwart, wenn die Welt ausgelöscht und zugleich ganz da ist“.

Was abschließend im Rundblick auf die österreichische Verlags- und Zeitschriftenlandschaft nochmals interessiert, ist die schon eingangs erwähnte, zuletzt ständig sich verdichtende Präsenz der slowenischen Lyrik, in deren Zusammenhang Zupan wahrgenommen werden muss. Ist es ein Nachholbedarf, der sich darin ausdrückt und der erst jetzt, mit vielleicht endlich ausreichender Distanz zur Geschichte zweier Kriege, einlösbar wird? Liegt ein Versprechen darin, eine leise Ankündigung, die wir Europa, falls es als Kulturraum wieder enger zusammenrücken möchte, von den Lippen lesen? Und was davon wäre möglich ohne Leute wie Fabjan Hafner, der als unermüdliche Übersetzungsbiene über unsere südliche Grenze und retour fliegt, über und über eingepudert mit Zupans und längst nicht nur Zupans Sprache?