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ein kopfstand im luftleeren raum

Beiläufige Notizen zu Robert Riedls „Zum Abschied vom Vater“


Robert Riedl: Zum Abschied vom Vater. Die gefälschten Tagebücher des Robert Zivkovic

Steirische Verlagsgesellschaft: Graz 1999

Rezensiert von: christian teissl


1.
Robert Riedls Prosadebüt Zum Abschied vom Vater wird all jenen, welche Sprachfixiertheit als das wesentliche Merkmal der österreichischen Gegenwartsliteratur ansehen, einen neuen Beweis für die Richtigkeit ihrer Annahme liefern. Riedls Buch nämlich ist nichts als ein einziger 170 Seiten langer Wortrausch, in den sich der Autor mit allen Mitteln seiner Kunst versetzt, ist in vielen Passagen ein großes Metapherngefecht, aus welchem einzig die Sprache als Siegerin hervorgeht. Das Buch ist darüber hinaus aber auch und vor allem die Manifestation einer Weltsicht, der es gelingt, alles - aber auch wirklich alles - zu poetisieren, einer Weltsicht, in deren Rahmen jedes Ereignis - selbst noch der Jugoslawienkrieg - zum Anlass für eine Metaphernbildung genommen wird.

2.
Robert Riedls Abschied vom Vater, den er schreibend vollzieht, den er schreibend zu überwinden sucht, ist in Wahrheit ein Abschied von der Gesellschaft, ein Rückzug ins solipsistische Schneckenhaus. In Riedls Text gibt es niemanden mehr, der sich ausspricht, um ein konkretes Gegenüber anzusprechen. In diesem Text gibt es Wörter, massenhaft Wörter, aber niemanden, der sie in den Mund nimmt.
Auch die reale Geographie, wiewohl sie in den fingierten Reisetagebüchern, aus denen der Text zu bestehen vorgibt, immer wieder beschworen wird, ist außer Kraft gesetzt: die Landkarte wird durch ein Traumbild ersetzt. Die zahlreichen Orte wie auch die zahlreichen Personen, die in dem Text genannt werden, bleiben lediglich Namen, Namen für etwas, das selber nicht sichtbar wird.

3.
In seinem Text stellt der Autor zwar scheinbar Vater und Sohn einander gegenüber, lässt diese - scheinbar - einander entgegen schreiben, letzten Endes jedoch gerät das Ganze zu einem 170 Seiten langen Monolog, zu einem monomanischen Wortschwall, der über den Leser hereinbricht und ihn verstummen macht. Ebenso wie dieser Text den Leser aussperrt, sperrt er den Autor ein: Riedl ist - so scheint es - ein Gefangener seines eigenen Textes, seiner eigenen Sprache. Auch seine Protagonisten, die über weite Strecken nichts anderes sind als sprachliche Masken ihres eigenen Autors, sind Gefangene, sind außerstande, die Reisen, die ihnen von ihrem Autor auf den Leib geschrieben werden, zu unternehmen: Wiewohl ihre Sprache unaufhörlich in Fluss ist, treten sie selbst auf der Stelle.

4.
Riedls Vatergestalt besteht nicht aus Fleisch und Blut, sondern aus Wörtern. Bezeichnenderweise wird das Wort „Vater“ in der das Buch einleitenden großen Kaskade - im variierenden Durchspielen eines sprachlichen Themas - ersetzt durch bestimmte sprachliche Muster, die dem Vater auf den Leib gestrickt sind: Ist zunächst vom Alkoholismus des Vaters die Rede, wird wenig später der Alkoholismus des Ichbinjaeinkrüppels oder der Alkoholismus des Ichkanndochallesimfernsehersehers heraufbeschworen. Der Vater wird selbst zum sprachlichen Muster, der (scheinbare) Abschied vom Vater wird so lange versprachlicht, bis von ihm nichts mehr übrigbleibt.

5.
Robert Riedls solipsistischer Exzess, an dem die Freunde einer weltzugewandteren Literatur verzweifeln müssen, ist - vor allem auch aufgrund seinem starken autobiographischen Akzent - ein zweifellos sehr gewagtes Projekt. Das Resultat, das nun zwischen Buchdeckeln vorliegt, ist ebenso bemerkenswert wie erschreckend: bemerkenswert aufgrund seiner ihm zweifellos innewohnenden sprachlichen Dynamik, die kraftvoll und unverbraucht wirkt, erschreckend aufgrund der mit poetischen Bildern leidlich zugedeckten Leere, die in diesem unbewohnten und unbewohnbaren Text vorherrscht.

Coda
Robert Riedls Prosadebüt Zum Abschied vom Vater lebt von zweierlei: von der poetischen Kraft der litaneiartigen Wiederholung einerseits und von der Geduld des Lesers andererseits. Insgesamt aber ist diese höchst artistische Prosa nichts anderes als ein Kopfstand im luftleeren Raum.