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ein seltsames paar


Sibylle Schleicher: Das schneeverbrannte Dorf. Roman.

Haymon: Innsbruck 2000

Rezensiert von: stefan schwar


Seit Jahrzehnten ist „das Dorf“ einer der wichtigsten Schauplätze der österreichischen Literatur, in allen Facetten wurde dieses scheinbar so bemerkenswerte Sozialgefüge bislang vorgeführt: als Inbegriff des Ewiggestrigen, als Unort schlechthin, als dunkle Seite des Mondes, auf welchem „die Dörfler“ ja bekanntlich leben, kurz: Das Dorf wurde den Lesenden ganz schön vermiest. Ein Resultat dieser inflationären Dorfbesessenheit war die Versteinerung des Dorfes zum Topos, zum bloßen Klischeebild. Das Haarsträubende des Dörflichen wurde allmählich abgelöst durch das Haarsträubende des nur mehr Epigonalen. Ein Dorf, das sich „schneeverbrannt“ attribuiert, weckt dementsprechend hohe Erwartungen, denn irgendetwas scheint hier nicht zu stimmen. Umso enttäuschender ist zunächst, dass der Beginn des Textes lediglich die x-te Variation des Motivs von Ausbruch und Rückkehr ins Dorf der Kindheit zu verhandeln scheint: Eine Frau mittleren Alters - die Ich-Erzählerin - kommt nach Jahren zurück in das Heimatdorf und trifft dort auf den alten, schrulligen und wortkargen Brandner. Er ist der einzige, der im Dorf zurückgeblieben ist, alle anderen sind Hals über Kopf davon. Warum, das erfährt man nicht, denn Brandner hüllt sich in Schweigen, verweigert Antworten, erzählt immer wieder Geschichten vom Krieg. Die Erzählerin, deren Rückkehr - wie man erfährt - mehr Flucht als geplante Reise ist, ergeht sich in verklärenden Kindheitserinnerungen vom Typ „früher hat alles besser geschmeckt und gerochen“.

Möglicherweise ist Sibylle Schleicher der Beginn des Romans einfach nicht besonders gut geglückt, vielleicht wollte sie aber auch bewusst eine falsche Fährte legen, nur: warum sollte sie das tun? Die Frage drängt sich jedenfalls auf, denn der Text nimmt eine Wendung, nichts Abruptes, auch nichts typographisch Gekennzeichnetes, nein, der Erzählfluss bleibt gleich, in lose Absätze gegliedert. Was sich verändert, ist die Beziehung der beiden Protagonisten zueinander, denn der exponierte Generationskonflikt findet nicht statt, zumindest nicht auf die Weise, wie man es erwarten würde. Stattdessen gehen Brandner und die Erzählerin eine Zweckgemeinschaft ein, denn das Obst will noch rechtzeitig vor dem Winter abgeerntet sein, und auch sonst ist einiges zu tun im Dorf. Zwei Lebensentwürfe, wie sie unterschiedlicher nicht sein können, treffen aufeinander: hier Brandner, der sein ganzes Leben - den Krieg ausgenommen - in diesem Landstrich verbracht hat, und dort die Erzählerin, die vor ihrer fluchtartigen Rückkehr in einer illegalen Gruppierung gewaltsam die Welt verändern wollte.

Verwurzelung und Entwurzelung prallen aufeinander, erzählen sich ihre Geschichten, finden einen gemeinsamen Weg. Aus dem zunächst eher symbiotischen Nebeneinander wird ein Miteinander, langsam und behutsam baut sich im rauen und arbeitsintensiven Alltag eine Beziehung auf zwischen den beiden, deren Triebfeder das Überleben in einer menschenleeren und auf merkwürdige Weise veränderten Umgebung ist. Denn rätselhafte Dinge ereignen sich rund um das seltsame Paar, die Natur scheint aus den Fugen geraten: „Wir haben inzwischen Ende Jänner, und es wird von Tag zu Tag spürbar wärmer - die Kirschbäume stehen in voller Blüte - der Frühling setzt seine eindeutigen Zeichen [...] daneben ernten wir die reifen Trauben vom Herbst, weil der Brandner findet, dass wir viel zu wenig Wein hätten“. Darüber hinaus werden Brandner und die Erzählerin von heftigen Fieberanfällen geschüttelt, und bei jedem Anfall verliert Brandner einen Finger ...

Was genau in Sibylle Schleichers Dorf vor sich geht, bleibt ungewiss, auch der wie ein Relikt aus der Wirklichkeit wirkende Zeitungsausschnitt, den die Erzählerin am Ende des Textes findet und in dem von Evakuierungsmaßnahmen die Rede ist, bringt nur Andeutungen über ein - das sei gewiss! - katastrophales Ereignis. Die Apokalypse bildet die atmosphärische Folie für eine außergewöhnliche Beziehung in einem ebenso außergewöhnlichen Roman: Die Autorin entwirft kraft einer schlichten und assoziativen Sprache eindrucksvolle Bilder, die Dialoge zwischen Brandner und der Erzählerin wirken an keiner Stelle aufgesetzt, kurz: Schleicher hat einfach einen hervorragenden Roman geschrieben!