schreibkraft - Das Feuilletonmagazin

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Feuilleton der Ausgabe 04 - widerlich

herwig g. höller | a und f ff.

Österreich erst recht zuerst. Oder: Ohne Kraus geht nichts (mehr)

In den Wochen seit dem vierten Februar 2000 plagt wohl so manche Frau und so manchen Herrn Österreicher der Eindruck, dass sich momentan viel zu viel bis fast alles in A um F dreht, allzu oft selbst ausserhalb von A um A, wobei in vielen Fällen dieses A mit F gleichzusetzen wäre, womit wir wieder bei A und F wären. Gewissermaßen „Österreich zuerst“ zuerst in F, dann in A ... „und morgen die ganze Welt“. Orbi et ergo Erg... lesen


hannes luxbacher | mundverhalten

Über den ökonomischen Impetus des symbolischen Handelns und die Ineffizienz von Schenkelklopfen als Ausdruck politischer Handlung

Weder ist es neu geschweige denn besonders einfallsreich, festzustellen, dass Sprache unsere Welt mitkonstituiert. Mindestens in Österreich verhält man sich im Augenblick des Aussprechens dieses Gedankens sofort zu einer Bezugsgröße namens Wittgenstein und dennoch: Gestatten Sie mir bitte das folgende Nachdenken als ein dilettantisches aber gegenwärtig notwendiges. Damals, als ich noch Kind war, ekelte mir eines Tages vor dem übe... lesen


| auf der straße

Für die meisten war der 19. Februar 2000 ein ganz normaler Tag. Zwischen 60.000 und 300.000 Leute hatten aber etwas Gemeinsames vor. Ein hybrid-satirischer Rückblick

Zunächst scheint unser Ausflug unter keinem guten Stern zu stehen: Unser Anarchisten-Auto - Farbe rot, was sonst! - gibt am Wechsel seinen Geist auf. Wir fahren also bei Grimmenstein von der A2 ab und erfahren an einer Tankstelle, dass unsere Fahrt hier wohl zu Ende ist. Klein sind die Leute von der Tankstelle ja nicht, übertrieben fleißig eigentlich auch nicht - immerhin ist Samstag Schlag Mittag, das kann man verstehen - und ob sie... lesen


wolfgang gulis | von kriegen und duellen

Ganze Heerscharen von Journalisten haben sich schon daran versucht, ihn zu entlarven, ihm zu widerstehen, ihm Einhalt zu gebieten

Manche posaunten es öffentlich hinaus, „wie sie es ihm geben werden“. Das Ergebnis war meist das gleiche; wenn nicht die öffentliche Blamage, so doch das Scheitern des Vorhabens. In den folgenden etwas mehr als 9.000 Zeichen soll es um die immer wiederkehrenden frucht- wie erfolglosen öffentlichen Auseinandersetzungen zwischen JournalistInnen und Jörg Haider gehen. Haider als Medienprodukt - und nur das soll hier von Interesse... lesen


ute baumhackl | auf der flucht

Stellen Sie sich vor, es ist Krieg, und Sie laufen weg

Nicht freiwillig natürlich. Sie wären schon ganz gern geblieben, aber da sind plötzlich Soldaten bei der Tür hereingekommen und haben Sie angeherrscht, Sie sollen in drei Teufels Namen verschwinden, und zwar flott, fünf Minuten hätten Sie Zeit, um Ihren ganzen Dreck zusammenzupacken, dann würde geschossen. Oder Sie haben Nacht für Nacht die Raketen krachen gehört, näher und näher, bis eines Nachts die Fensterscheiben zerspru... lesen


peter iwaniewicz | big game

Ein Halali auf die Hohe Jagd

Ich war in meinem Leben schon Primzahlenjäger, bin Tornados nachgejagt, lag nächtelang neben Teilchenbeschleunigern auf der Lauer, um Hadronen und Quarks zu entdecken, habe in den Kompetenzen meiner Kollegen gewildert und so manches Bierchen zur Strecke gebracht. Aber. Niemals habe ich wie ein Heckenschütze aus sicherer Distanz auf Tiere geschossen. Nicht deswegen, weil ich Buddhist wäre, mich nur vegetarisch ernähre und aus moral... lesen


werner schandor | arm, matt, schlecht

Wer das AMS aufsucht, macht Erfahrungen. Leider miserable

Das Arbeitslosenamt fällt dem Arbeitslosen vor allem dadurch auf, dass es jene Tugenden, die am Arbeitsmarkt gepredigt werden, nicht im geringsten selbst erfüllt. Von Flexibilität, Einsatzfreude oder Serviceorientierung keine Spur. Vielmehr wirkt das steirische AMS wie die Papier- und Tintenburg par excellence. Es begann im Feber 1998. Ich wollte mich beruflich verändern, dachte daran, mich selbstständig zu machen. Vielleicht wa... lesen


wolfgang kühnelt | geht's sterben

Erste Einblicke in eine Kultur des Widerlichen

Von den wirklich grauslichen Dreckschweinen gibt es viele - mehr als sich das so ein durchschnittlicher schreibkraft-Leser wahrscheinlich vorstellen kann und mag. Die auf diesem Gebiete aktiven Texter und Autorinnen - oder wie immer man diese Arschlöcher auch nennen mag - gehören verschiedensten Denk- und Aktionsschulen des widerlichen Universums an. Folgender Scheißtext soll den Ahnungslosen - und dazu gehören bestimmt die allermei... lesen


alice le trionnaire-bolterauer | im blumengarten des bösen

Die Geschichte des Widerlichen in der Literatur

1. Als er am folgenden Tag spazierenging, begegnete er einem über und über mit Eiterbeulen bedeckten Bettler mit erloschenen Augen, zerfressener Nase, schiefstehendem Munde und schwarzen Zahnstümpfen, der jedes Wort heiser hervorgurgeln musste; fürchterliche Hustenanfälle quälten ihn, wobei er jedesmal einen Zahn ausspie. Der Bettler, dem Voltaires Candide, Medium einer gleichermaßen naiven wie destruktiven Welterfahrung, b... lesen


georg gartlgruber | widerlich - eine reminiszenz

Der Grusel beim Horrorfilm kann als kathartische Erfahrung erlebt werden, der Tritt in den Hundehaufen nicht.

Siebente Klasse AHS am Sommerbeginn, da zog ich ein Heftpflaster von einem meiner Finger und klebte es mir auf die Rückenlehne meines Sessels. Es war wohl ein Ausdruck des jedem Teenager bekannten, unzensierten und unbewussten Strebens nach Individualisierung und kreativer Gestaltung, obwohl damals hätte ich nach meinen Beweggründen gefragt, wohl bloß mit den Achseln gezuckt. Ein Klassenkollege fragte nicht, sondern fing bloß zu sc... lesen


wolfgang fössl | schiffbrüche im heimathafen

Zwei Versuche, das Widerliche zu beschreiben

Erster Versuch Das Widerliche tritt immer spontan auf. In ganz gewissen Momenten affiziert es unser Innerstes. Alle Versuche, menschliche Reaktionsmuster auf Erfahrungen des Widerlichen zu beschreiben, müssen Widerstände konstatieren; Widerstände, die uns die Außenwelt entgegenstellt und Widerstände, die in uns selbst wirksam werden. Widerlich bedeutet daher, dass uns ein innerer oder äußerer Widerstand hinderlich wird, und wir... lesen


jürgen plank | mr. cannibale - leben ist so schön

Kannibalismus ist der wohl bekannteste ethnologische Topos. Doch die Menschenfresserei war nur in Ausnahmefällen mehr als ein Gerücht

Kurios am Topos Kannibalismus ist, dass auch immer wieder Europäer in den Verdacht der Anthropophagie gerieten: In Ethnologenkreisen wird gerne die Geschichte jener Milchkonserven erzählt, die - weil für Kleinkinder gedacht - das Konterfei eines weißen Babys trugen und in dieser Aufmachung nach Afrika verschifft wurden. Und was liegt für einen autochthonen Afrikaner, der Konserven zuvor nicht gekannt hat, näher, als von der Verpac... lesen


hermann götz | krankheit als kriegspfad

Es gibt viele Wege des Widerstandes. Einer davon ist krank sein

Im Sprachgebrauch der Alternativmedizin hat das Begriffsfeld rund um die psychosomatische Krankheitsbetrachtung längst Stehsatzqualität. Des Menschen sichtbar oberflächliche Befindlichkeit ist demnach nichts als ein Spiegel des fragilen inneren Gleichgewichts, die Wunden der Seele schlagen Narben ins Gesicht, die Person wird gleichsam als eine Maske gedacht, die nur dürftig die psychische Wahrheit bedeckt. Verschluckter Zorn tritt u... lesen


lea steinborn | syndrom: pollex erectus

Ich werde belästigt - sexuell, von Männern mittleren bis fortgeschrittenen Alters

Sie kennen diese Typen: propere Anzüge, steif gebügelte Hemdkrägen, Krawatten, die je nach Anlass fest gezurrt bis locker-leger getragen werden, gerötete, leicht verschwitzte Nackenfalte. Tagsüber fläzen sie in großzügig angelegten Büros herum, sourcen out und sizen down, spezialisieren uns flexibel oder betreiben Standortsicherung durch Herumschnipseln an der sozialen Hängematte. So nebenbei müssen sie sich in der new econom... lesen


anton lederer | kein geist

Der Sturm im Wasserglas der Graxer GaleristInnen

Es gibt so viele interessante und nette Menschen, mit denen man sich wunderbar unterhalten kann, in zukünftigen wie vergangenen Dingen schwelgen kann, die euphorisch sein können - das ist überhaupt das wichtigste. Wie schön, ich muss mich darob nicht mit diesen .......... abgeben. Wahrscheinlich hätte ich darüber keinen Gedanken mehr verloren, wenn ich nicht ermuntert worden wäre, für dieses Heft etwas zu schreiben*. Der Tit... lesen


thomas ernst brunnsteiner | nicht absetzen!

Die literarische Reiseapotheke

Ob ich kenne einen gewissen Herrn „Ramschmayer“, „oder anders“. Mein lieber guter Freund ahmte die Worte seiner eigenen Mutter nach, die aus dem Telefon herausdiktierte, ich entschuldigte mich, sie wollte mich sicherlich „wo hintun können“, der gute Freund war unser Medium. Über, hinter mir an der alten Wand der Brauerei, die ein Lyzeum war einmal, für schwedischsprachige Mädchen in Åbo, die es nicht mehr gibt, weil es... lesen


gottfried heuer | otto gross: die suche nach dem dritten mann

Oder: Was suchst Du Ruhe, da Du zur Unruhe geboren bist?

Obwohl der österreichische Arzt, Psychiater, Psychoanalytiker und Anarchist Otto Gross (1877 bis 1920) eine Schlüsselrolle bei der Entstehung dessen gespielt hat, was wir heute als „die Moderne“ bezeichnen, ist er bis jetzt weitgehend unbekannt geblieben. Es gab aber eine Zeit, und zwar in den ersten Jahrzehnten des gerade vergangenen Jahrhunderts, in der die berühmtesten Vertreter der damals noch ganz jungen Psychoanalyse diesen... lesen


werner schandor | selbstbilder kommen mir immer wahnhaft vor

Gespräch über die widerliche Wirklichkeit mit dem davon angeekelten Schriftsteller Günter Eichberger

„Je mehr ich über mich nachdenke, desto rätselhafter werde ich mir.“ Günter Eichberger, von dem dieser Satz stammt, muss sich vor fünfzehn Jahren noch einigermaßen klar über sich gewesen sein. Seit seinem ersten Buch Der Wolkenpfleger (1988) dürfte es aber bergab gegangen sein mit jeglicher Art der Selbsterkenntnis. Denn das Ich als Thema sowie das Porträt, die Biographie als dazugehöriges Genre ziehen sich als roter Faden... lesen