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geht's sterben

wolfgang kühnelt | geht's sterben

Erste Einblicke in eine Kultur des Widerlichen

Von den wirklich grauslichen Dreckschweinen gibt es viele - mehr als sich das so ein durchschnittlicher schreibkraft-Leser wahrscheinlich vorstellen kann und mag. Die auf diesem Gebiete aktiven Texter und Autorinnen - oder wie immer man diese Arschlöcher auch nennen mag - gehören verschiedensten Denk- und Aktionsschulen des widerlichen Universums an. Folgender Scheißtext soll den Ahnungslosen - und dazu gehören bestimmt die allermeisten schreibkraft-Leser - einen ersten Einblick in den ganzen Dreck liefern. Aber zuerst gibt’s noch ein bisschen anödende Theorie zum Einschläfern.
Erstens: Widerliches Agieren ist in der Regel ein bewusster Verstoß gegen ästhetische und politische Korrektheit. Es gibt kein Naturgesetz, das besagt, dass Widerliches nur von rechts außen oder links draußen kommen dürfe. Perfekte Widerwärtigkeit wird immer versucht sein, alle etablierten Positionen gleichzeitig zu attackieren. In diesem Sinne bedeutet Widerlichkeit primär Rebellion gegen herrschende Verhältnisse und erfüllt als Radikal-Opposition eine wesentliche gesellschaftliche Funktion. Nur macht es natürlich einen Unterschied, ob man legistische, politische und moralische Paradigmen bekämpft werden oder ob man sich einfach eine gehörige Zeitlang nicht wäscht.
Widerliche Inhalte sollten idealerweise mit widerlichen Methoden kombiniert werden, um den Erfolg zu maximieren.
Die Ausnahme von der ersten Regel: Manche Damen und Herren sind solche Charakterschweine, dass ihnen nicht einmal (mehr) auffällt, welche widerlichen Arschlöcher sie tatsächlich sind. Dies gilt nicht nur für Politiker und ihre Gehilfen, sondern auch für Künstler, Kulturmanager, Journalisten u.a.m. Trotzdem erfüllen auch sie eine Funktion, die über die Bedeutung als individuelles Arschloch hinausgeht: Sie machen den Betrachter ihres Tuns auf Tabus aufmerksam, die sie aufgrund ihrer charakterlichen Schwäche in der Lage sind zu brechen. Wer eine solche Sau beobachten kann, hat es als Nachahmungstäter wesentlich leichter, gezielten Protest zu artikulieren.
Zweitens: In anderen Fällen dient das Widerliche nur dazu, das Wahre und Schöne noch wahrer und schöner zu machen, zum Beispiel beim unsäglich kitschigen und doch natürlich wunderschönen Gefühlsporno La belle et la bete von Jean Cocteau. Dem erfahrenen Rezipienten wird auffallen, dass gerade auf diese Weise einige der schauderbarsten Werke der Kunst & Kultur entstanden sind.
Drittens: Es gibt aber auch Schönes und Gutes, das so dick aufgetragen ist, dass es wiederum nichts als perfekte Widerlichkeit ist. Gut zu beobachten ist diese These an Pop-Püppchen wie Kylie Minogue (nicht trotz, sondern wegen ihrer gescheiterten Rehabilitierung durch Nick Cave wird sie hier genannt) oder am lächerlich-ekeligen Menschheitserretter und Moralterroristen Sting.
Viertens: Und dann gibt es Nordrand, den widerlichsten österreichischen Film der Gegenwart, der dem staunenden Analysten neue Dimensionen des Begriffes öffnet. Widerlich ist dieses vielfach preisgekrönte Filmchen zum einen, weil die Regisseurin Barbara Albert bewusst widerliche Wiener-Drecksau-Protagonisten beschäftigt, und sie zum zweiten mit armen, schwachen, gar nicht widerlichen Nebenrollendarstellern konfrontiert, was letztlich wegen all der Mischung aus gutgemeinter Botschaft und widerwärtiger Sozial-Doku nichts als physische und intellektuelle Übelkeit hervorrufen kann. Eigentlich wäre es ja ein wichtiger Ausschließungsgrund aus der Political-Correctness-Bewegung, solche Filme herzustellen, aber da es natürlich nicht politisch korrekt ist, jemanden wegen seiner Werke zu diskriminieren, tun jetzt alle p.c.-Anhänger (selbst die, die gar nicht wissen, dass sie p.c.-Anhänger sind) so, als ob Nordrand ein wichtiges Mosaiksteinchen in der österreichischen Filmgeschichte wäre.
Fünftens: Die Realität ist in fast jeder Beziehung widerlicher als die (künstlerische) Fiktion.

Nach diesen fünf Grundsatzerklärungen wollen wir uns an die Kategorisierung der schreibenden Künstler (samt Textproben) machen, die nicht aus Freude an Schubladisierungen oder am Name-dropping durchgeführt wird, sondern um dem halbgebildeten schreibkraft-Leser ausreichend Gelegenheit zum anschließenden Hirnwichsen zu bieten.
Da wären einmal die an ihrer eigenen Moral gescheiterten Widerlinge wie der Möchtegern-Massenmörder Nick Cave oder das Möchtegern-Charakterschwein Irvine Welsh.
Ersterer verpackt seine Liebe zum blutrünstigen Verbrechen gern in zarte Melodeien und biblische Metaphern, was ihn zwar zum Darling softer Philosophiestudierender (nur echt mit dem US-Killerbärtchen) macht, aber seinem Lebensthema jede abscheuliche Wirkung raubt.
Welsh hingegen wäre mit seinem Werk Drecksau beinahe ein neuer Klassiker des Widerlichen gelungen, nur holt ihn bedauerlicherweise im letzten Teil seines abgefuckten Romans die Moral ein, was dazu führt, dass er seinem extrem widerwärtigen Protagonisten Bruce Robertson einen Vaterkomplex andichtet, der den rücksichtslosen Weg mitten durch die zeitgenössischen Dogmen jäh stoppt. Dennoch zählt Irvine Welsh zu den großen Hoffnungsträgern des Genres, da ihn mit einiger Sicherheit eines nicht allzu fernen Tages auch die letzten Skrupel verlassen werden. Und eines muss man ihm auf jeden Fall zu gute halten: Er hat den Bandwurm als literarischen Protagonisten eingeführt und dies auf eine spektakuläre, literaturzerfressende Art und Weise.
Welsh, der einem breiteren Publikum durch seine literarische Vorlage für den zumindest stellenweise ekligen Film Trainspotting bekannt sein sollte, erzählt die Geschichte des Bandwurms und seines Wirtes, des korrupten, rassistischen und frauenfeindlichen Polizisten Robertson ohne den diskreten Charme der Bourgeoisie. Auch wenn wir wissen, dass es solche Arschlöcher wie Robertson tatsächlich in großer Zahl gibt, hatten wir wohl noch nie Gelegenheit, diesen Drecksäuen so unverfälscht zuhören zu können. Das atemberaubende an diesem Buch ist die Verquickung von sexuellen Schweinereien, Mobbing, minderheitenfeindlichen Statements in immer wieder kehrenden Schleifen, die gleichzeitig für Hass, Ekel und Langeweile beim Leser sorgen.
Kleiner Texthappen aus der Drecksau (ohne Bandwurm):

Ich schaffe sie zu unserem ungemachten, muffigen Bett voller angetrockneter Spermaflecken und Krümel. Ich mache mich sofort mit dem Mund über ihre Fotze her, schlürfend, schlingend. Sie schmeckt nach Erdbeeren. Die Seife. Sie genießt es, will aber nicht meinen steifen Schwanz in den Mund nehmen, meinen schuppenden, fusselnden, stinkenden Schwanz, und sie schiebt ihn sich aus dem Gesicht und zupft daran, und uns kommt es gleich.

Seien Sie versichert, liebes schreibkraft-Leseschweinderl, das war eine der harmloseren Stellen dieses Buches. Die vielen und vielfältigen minderheitenfeindlichen Passagen etwa erspare ich mir nicht zuletzt deshalb, weil solche Ideen und Äußerungen wohl in anderen Ländern schockieren mögen, in Österreich aber ohnehin zum Brustton der Überzeugung anschwellen.
Und eines muss aus aktuellem Anlass ebenfalls angefügt werden: Wer in der Zeitung (z.B. Mitte Feber dieses Jahres) liest, wie mancher Bulle in der harten Wirklichkeit von Los Angeles agiert, den kann Drecksau Robertson nicht mehr das Fürchten lehren.
Nun wollen wir aber - falls Sie nichts dagegen haben - zur nächsten Kategorie von Autoren kommen.
Ich nenne sie die schicken Widerlinge. Denken Sie nur an Popstars wie Kurti Cobain und seine schwarze Witwe Courtney Love. Am literarischen Sektor gibt es solche Leute zuhauf und der Evergreen dieser Gattung aus österreichischer Sicht ist wohl Peter Handke. Lang lang ist´s her, als er mit seiner Publikumsbeschimpfung etwas andeutete, das er später mit seiner Serbien-Provokationstour fortführte. Viel widerlicher als Handke in der Gegenwart kann man wohl nicht mehr schreiben. Denn oft, sehr oft, ist es gerade die Mischung aus absoluter Langeweile (ob sie nun gewollt oder - wie bei Handke - ungewollt herbeigeführt wird) und Ekel, die das Gefühl der Widerlichkeit perfektioniert.
Die Nachwuchshoffnung aus der allerneuesten Grazer Schule nennt sich Martin G. Wanko, ist ungefähr 5 1/2 und macht dort weiter, wo Wolfi Bauer es einstens gut sein hat lassen. Seine Stücke Lipstick brachial und Starkstrom sind manchmal öd, manchmal lächerlich und manchmal richtig grauslich. Wenn Wanko, der bereits in jungen Jahren über eine erstaunliche Fantasie und/oder Lebenserfahrung verfügt, irgendwann noch mehr gelingt als nur Wolfi Bauer zu sampeln, wird ein richtig schönes Stück Schweinderl-Literatur daraus werden. Im Theater möchte ich den Schund zwar nicht sehen, aber ein Drehbuch von Wanko für einen ordentlich gemachten Film (vielleicht in der Regie von Michael Haneke) wäre ein schöner Gewinn für Österreichs Trash-Kultur.
Neben echten Arschlöchern, liebenswerten Widerlingen (wie Hermes Phettberg) und pseudointellektuellen Charakterschweinen (wie den sogenannten Kultautoren Jaime Bailey und Philippe Djian), gibt es - jenseits aller Trash-Idylle á la Tarantino und Rodriguez - die authentischen Underdogs, für die Widerlichkeit keine Attitüde, sondern Programm ist.
Der überzeugendste Vertreter dieser Gattung, der Punk-Sänger G.G. Allin, hat sich 1993 unter Zuhilfenahme von einigen illegalen Substanzen endgültig von dieser Erde verpisst. Seine Popularität in einschlägigen Kreisen ist freilich ungebrochen, wie sich leicht im Internet nachprüfen lässt. Allin, der Justiz und Zensur zu seinen Todfeinden erklärt hatte, vergriff sich nicht nur für bürgerliche Ohren im Ton, sondern auch zuweilen an ahnungslosen Groupies, was diesen schlecht bekam und ihn selbst bisweilen hinter Gitter brachte.
Seine Mischung aus Hardcore-Porno-Texten, Selbstverstümmelungsaktionen, Attacken auf die sogenannte zivilisierte Welt und wildem Gebrüll und Gestöhne muss bei konzertanten Aufführungen ein Erlebnis gewesen sein, allerdings konnte einem kein Veranstalter der Welt garantieren, dass man nicht nähere Bekanntschaft mit Allins Fäusten oder seinen zerbrochenen Bier- und Whisky-Flaschen machen würde. Songs wie Legalize murder! sind bedauerlicherweise nur einem recht kleinen Kreis von Ekel-Fans bekannt, doch G.G. Allin wird bestimmt auch noch sein Revival erfahren (wenn auch vermutlich nicht im eigentlichen Sinne des Wortes).
Wieder wollen wir einen seiner harmlosesten Texte genauer vorstellen (und kümmert Euch gefälligst nicht um Druck- oder Rechtschreibfehler, denn die sind nicht von mir):

Scars on my body / scabs on my dick

Scars on my body
cause I’m into self destruction
scabs on my prick
because of my errection
I’m gonna cut my body till it
starts to fucking bleed
I’m gonna beat my dick to
A sleazy magazine

Scars on my body
whisky + drugsin my blloood
next thing you know
my right hand is on my pud
I can’t get enough of the pain
that I inflict
scars on my body +
scabs on my dick

Neben diesen sexuellen Widerwärtigkeiten gibt es jede Menge politischer Schweinereien in den Texten von G.G. Allin und wer sich ernsthaft für diese wirklich dunkle Seite des Rock’n’Roll interessiert, sollte sich auf die Suche nach seinen Platten machen, die im Laufe der Zeit bei verschiedenen Labels und mit diversen Bands entstanden sind. Ein Ziel hat Allin allerdings verfehlt: Etliche Jahre lang kündigte er an, sich bei einem seiner Auftritte umzubringen. Dies ist ihm durch den oben erwähnten drogenbedingten Zwischenfall letztlich nicht gelungen. Dafür soll sein Begräbnis aber doppelt ekelerregend gewesen sein.
So, Ihr lieben schreibkraft-Leseschweinderln, ich bin damit am Ende, und wer sich jetzt bemüßigt fühlt, mir mitzuteilen, dass ich den und den, die und die, vergessen habe, kann eine auf den Latz haben. Und wer jetzt herummotschkert, weil es zu wenig Stoff zum Hirnwichsen war, sollte sich einfach ein paar gefakte Snuff-Videos einziehen und sich ganz ganz wild daneben benehmen.