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i will drive slowly

All that Jazz, aber bitte straff organisiert. Herbert J. Wimmers „auto stop. tempo texte.“


Herbert J. Wimmer: auto stop. tempo texte

Sonderzahl: Sonderzahl 1999

Rezensiert von: hannes luxbacher


Wenn der Augenblick so ruhig wird, dass man endlich die Stille findet, die man immer gerne hätte, dann kommt mitten in die Gegenwart des öfteren die Vergangenheit geplatzt und flätzt sich in ihr, manches Mal genüsslich und in einem natürlichen Hoch, mitunter in einer manierlichen Melancholie, ab und wann aber auch als Kolbenhub einer auszuwachsenden Depression. So geht's einem. Ab und wann auch anders.

Auch der Text auto stop. tempo texte Herbert J. Wimmers arbeitet mit dem Sujet „flüchtiger Moment der Gegenwart“ und „editorisches Bestreben, die Vergangenheit niederzuschreiben“, ohne aber den augenblicklichen Gedankenblitzen ein Archiv des Wissens gegenüberzustellen oder gar die beiden so vehement zu kontrastieren, dass wieder einmal verlautbart würde, dass die Gegenwart eh nur ein Ergebnis der Vergangenheit wäre. Einen Leitfaden über die Vor- und Nachteile des Autostoppens wünschte sich so mancher hitch-hiker gewiss zu manch einer Stunde mehr als die professionelle apothekerfreundliche Sonnenschutzfaktorberatung vor dem Urlaub mit dem angepassten Rhythmus: kommt wer oder kommt niemand, und wenn wer kommt, nimmt er mich mit und wenn ja, wieviel Kommunikation vertragen wir beide dann? Wenn sich also die Geschwindigkeit des kommenden Automobils zur Ruhe begibt, gewinnt der Autostopper an Tempo, und weil das Tempo heutzutage aber nicht unbedingt hoch sein muss - da kann Wendelin Schmidt-Dengler in seinem Nachwort noch so sehr betonen, dass die Proklamation der Langsamkeit ein überflüssiges modernes Genäsel wäre (ich denke da an die willkommene Abwechslung in elektronischen Musikgefilden, wo der beats-per-minute-Wettbewerb der Suche nach feinen low-tempo-Spannungsbögen und dem Erforschen von Hallräumen gewichen ist) -, gestaltet Wimmer den Prozess des Weiterschreibens als variierten Form-Loop. Alles läuft countdownmäßig auf das megalomanisch-kultischste Festival aller sich in die Arme fallenden Harmoniebdürftigen, vulgo Woodstock, hinaus. Wimmer zählt die Tage vom 19. Juli bis zum 18. August herunter, ohne das Spannungsmoment auf diesen Tag hin auszurichten. Der Fluchtpunkt ist nicht das Eintreffen des Konzerttages, sondern das parallele Ablaufen von Autostopperkommunikation in einer Gegenwart, so möglich sie in Literatur eben ist, geschüttelt durch die „Gedächtnisspalte/Zeitfuge“ und ausgedichtet inmitten der Bewegungsabläufe des modernen Verkehrs. Wie die temporär gebundene Kommunikation zweier Menschen in einem Auto, die eine Kurzzeitsymbiose eingehen und so nichts weiter voneinander wollen als eben diese beschränkte Kurzweiligkeit, ohne eine räumliche Koordinate bleibt, das jeweilige Gespräch so nur ein einstweiliges Bezugnehmen auf Meinungen sein kann, das kein Später und kein Erinnerst-du-dich kennt, so überdauert die Erinnerung in Form des faktischen Archivs, „körperlich“ geworden in Zeitungsmeldungen, Kinoprogrammen und den Listen jener, die in Woodstock auftraten. Wie die beiden Fahrenden nichts weiter voneinander wollen, so will auch der Text nichts weiter von ihnen, oder: „Don't care about your protagonists“, wie Wimmer an einem anderen Ort einmal sagte. Die Geordnetheit des Textes gibt den Rhythmus vor, der Inhalt ist der Jazz. Durch das geradlinige Ordnungsprinzip relativiert Wimmer die Bedeutung der ausgestellten Informationen nicht, die überdies schlicht auf sich alleine gestellt sind, er nimmt ihnen aber die Patina der nachgetragenen Verklärungen. KünstlerInnen, die in Woodstock auftraten, werden ganz simpel nur genannt und die Dauer einer ihrer Songs nüchtern auf die Minute und Sekunde genau festgehalten. Würde stattdessen eine umfangreichere Auflistung an der Stelle der Namen und Zeitangaben stehen, wäre zwar der Informationsfluss sogar umfangreicher gewesen, dies hätte aber bewirkt, das durch die geschichtlich aufgeladenen „großen Namen“ ein Bedeutungszuwachs suggeriert werden würde. So aber erreichen die Nennungen eine elegante Lapidarheit, gekonnt vorbei an den üblichen Verklärungen.

Geschwindigkeit und Raumdurchschreitung, Vergangenheit und Gegenwart als Parameter für die Erinnerungsleistung und Konstruktion des Augenblicks, die Stoppuhr als ein Kriterium für eine objektivierte Platzzuweisung in den freien Erinnerungsstellen der Dabeigewesenen wie der Abwesenden. Das alles eher in der Form eines Stop-and-go als in der von alles fließt, oder: näher bei den Melvins als bei den Spacemen 3 (wenn's wen interessiert).