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kein geist

anton lederer | kein geist

Der Sturm im Wasserglas der Graxer GaleristInnen

Es gibt so viele interessante und nette Menschen, mit denen man sich wunderbar unterhalten kann, in zukünftigen wie vergangenen Dingen schwelgen kann, die euphorisch sein können - das ist überhaupt das wichtigste. Wie schön, ich muss mich darob nicht mit diesen .......... abgeben.

Wahrscheinlich hätte ich darüber keinen Gedanken mehr verloren, wenn ich nicht ermuntert worden wäre, für dieses Heft etwas zu schreiben*. Der Titel ist so passend! Sicher, man könnte Sinnvolleres schreiben. - Zumal jetzt, wo wir das Polit-Dilemma haben. Wo uns unsere Freunde im Ausland schon Hilfe anbieten, sich erkundigen, wie es uns denn geht. Genauso, wie wir das vor jetzt ziemlich genau einem Jahr mit unseren Freunden in Belgstad und Novi Sud gemacht haben - jetzt verstehen wir deren damalige Reaktionen besser, die uns vor einem Jahr ziemlich seltsam vorkamen.

Szenario 1
Ort: Graxer Kunstverein, Handelnde Personen: Graxer GaleristInnen

Die GaleristInnen treffen sich mit der Absicht, eine gemeinsame Aktivität im Frühjahr, den Graxer Galerien-HipHop, zu besprechen. Die wichtigste Maßnahme in diesem Zusammenhang ist die Bewerbung . Die Graxer Künstlerin Ebba Schrobl hat für einen Werbefolder und ein Werbeplakat Entwürfe erarbeitet, die zur ersten Ansicht vorgelegt werden. Die Entwürfe weichen deutlich vom denen des Vorjahres ab. Das (Cover-) Sujet stellt eine schwarze „Panzerknacker-Bombe“ auf (cyan-)blauem Grund vor.


GaleristIn 1: Nur das nicht! Nur nicht in der jetzigen Situation eine politische Aussage!
GaleristInnen: (im Chor, aufgelöst) Nein, nur das nicht!
GaleristIn 2: Warum machen wir's uns so schwer? Nehmen wir doch einfach den Entwurf vom Vorjahr und wechseln wir lediglich die Farbe aus. Z.B. Lindgrün.
GaleristIn 3: Richtig! Die Farbe wechseln. Wie bei der Autobahn-Vignette. Die hat auch jedes Jahr eine andere Farbe.


Der Vorschlag von Ebba Schrobl wird mit satter Mehrheit abgelehnt.

Szenario 2
Ort: Café Provenade, Grax, Handelnde Personen: Graxer GaleristInnen

Die GaleristInnen treffen sich mit der Absicht, eine gemeinsame Aktivität im Frühjahr, den Graxer Galerien-HipHop, zu besprechen. Die wichtigste Sache in diesem Zusammenhang ist das Wohlwollen von Presse und TV. Neben dem schon traditionellen Pressegipfel in Grax wird heuer ein ebensolcher Pressegipfel in Wiem in die Diskussion eingebracht.


GaleristIn 1: (schnappt nach Luft) Ein Pressegipfel in Wiem!
GaleristIn 2: Wir sind ja nicht die Biennale (von Venedig)!
GaleristIn 3: Richtig! Ein liebes Brieferl an die Journalisten tut's auch!
GaleristIn 4: Die Journalisten aus Wiem sollen schön nach Grax kommen!

Der Vorschlag wird mit satter Mehrheit abgelehnt. In der Folge kommen alle JournalistInnen aus Wiem gezwungenermaßen nach Grax.

Szenario 3
Ort: MAKK-Café in Wiem, Handelnde Personen: Graxer GaleristInnen, ein Interdant

Die GaleristInnen treffen sich mit der Absicht, eine gemeinsame Aktivität mit dem Interdanten, den 1. Graxer Galerien-Flash in Berlön, zu besprechen. Die wichtigste Person in diesem Zusammenhang ist ein Kurator. Folglich wird über einen Kurator gesprochen, d.h. es wird einer gesucht.


GaleristIn 1: (mit deutlich vernehmbarem Anstieg der Tonhöhe; und fast Stakkato) Ich sage: Ein deutscher Kurator! Es muss unbedingt ein deutscher Kurator her! Die in unserem Fall notwendige Erfahrung kann nur ein deutscher Kurator mitbringen!
GaleristIn 2: - - -
GaleristIn 3: - - -
GaleristIn 4: - - -
GaleristIn 5: - - -
GaleristIn 6: - - -
GaleristIn 7: - - - GaleristIn 8: - - -
GaleristIn 9: - - -

Der Interdant nennt nun den Namen einer Kuratorin aus dem westlichen Usbekistan. Daraufhin brechen die GaleristInnen aus Grax in frenetischen Jubel aus, lobpreisen den Namen des Interdanten usw. Der Vorschlag wird einstimmig angenommen.

Das letzte Beispiel zeigt einen möglichen Ausweg aus jenem Dilemma auf, das alle drei Beispiele deutlich machen. Wo kein Risiko, da kein Gewinn. Auch kein Profil. Und wo eines sich andeutet, wird es gerne so behütet, dass es keiner sieht. Ja glaubt denn irgend einer, dass in der großen weiten Kunstwelt der Hahn wegen Grax kräht? Wenn überhaupt, wohl nur dann, wenn es da besonders geile Hühner gibt.
Aber was ist ein geiles Huhn? Eines, das in der Ecke sitzt, in der Erwartung des feurigen Hahns aus Italien, des weltmännischen aus Frankreich, des strengen Hahns aus England, des finanziell großzügigen aus Deutschland? - (Zum mindesten finden sich alle in Grax, namentlich dem Schlussberg, zurecht, wo es ein extrem widerliches Beschilderungssystem gibt - in Italienisch, Französisch, Englisch und Deutsch. Man begebe sich einmal zum Centrul West, vielleicht zu IIKEEA, und stelle fest, dass die Hälfte (?) der Kunden slawische Sprachen sprechen. Sobald, sagen wir in Zagrob, der erste Ex-Jugosluwien-IIKEEA eröffnet, ist das für immer vorbei ...)

Tatsächlich interessiert sich niemand für den Durchschnitt. (Ungeduldiges Drängen von einer TV-Dame: „Jetzt sagen's uns was besonderes - das Besondere. Dass der Graxer Galerien-HipHop mit dieser und jener Absicht blablabla heuer zum x-ten Mal stattfindet, wissen die Zuseher schon!“) Er ist in Wahrheit w i d e r l i c h. Jetzt ist das auch einmal vorgekommen.

Dieser Text wird vermutlich zur Steigerung der Risikobereitschaft, Offenheit und wie immer wir die Sachen nennen wollen, nichts beitragen können. Leider kann man das dieserart überhaupt nicht machen. Der Text wird der ganzen Sache wahrscheinlich sogar schaden. Ich bin also in einem Dilemma. Einerseits finde ich die Gelegenheit großartig, die Sache doch nochmals zu reflektieren. Andererseits weiß ich mit Bestimmtheit, dass es im „Sinn der Sache“ dienlicher wäre zu schweigen. („Niemand hat das Recht zu Schweigen.“ Wer hat das schnell gesagt? Harrah Abendt? - Habe ich jedenfalls in der Auslage einer Wiemer Buchhandlung im 4. Bezirk gesehen. Mutig, oder? Eine politische Aussage, und das jetzt! Wie es überhaupt bezüglich des Polit-Dilemmas in Wiem mehr Mut zu geben scheint. Siehe Fassade der Sezellion, mit Statements von KünstlerInnen zur (beschissenen) Lage. Siehe Beipacktexte in Wiemer Galerien, die auf die eigene ablehnende Haltung hinweisen. Siehe diverse Organisationen und Veranstaltungshäuser, die sich um die „richtige“ Strategie zur jetzigen Stunde abmühen. Und so fort. In Grax: wenig. Von Camerul Austrix mal abgesehen. Und das Wenige, was es als kleines Pflänzchen gibt, droht im sofort einsetzenden Hickhack unter den Hühnern zu verenden. Sieht fast so aus, als ob es noch immer nicht genug Feuer am Dach gibt.) Etwas hat mich in meiner Entscheidung bestärkt: Szenario 4, das die Tragweite des systematischen Abbaus des guten Geschmackes illustriert. Ich will es nicht vorenthalten.

Szenario 4

Ort: Graxer Kunstverein, Handelnde Personen: Graxer GaleristInnen

Die GaleristInnen treffen sich mit der Absicht, eine gemeinsame Aktivität im Frühjahr, den Graxer Galerien-HipHop, zu besprechen.


GaleristIn 1: Herr Federer, halten's die Papp'n!

Übrigens. Nicht der einzige systematische Abbau. Im Staat geht derweil allmählich das demokratische Niveau tschari. C'est normal?