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krankheit als kriegspfad

hermann götz | krankheit als kriegspfad

Es gibt viele Wege des Widerstandes. Einer davon ist krank sein

Im Sprachgebrauch der Alternativmedizin hat das Begriffsfeld rund um die psychosomatische Krankheitsbetrachtung längst Stehsatzqualität. Des Menschen sichtbar oberflächliche Befindlichkeit ist demnach nichts als ein Spiegel des fragilen inneren Gleichgewichts, die Wunden der Seele schlagen Narben ins Gesicht, die Person wird gleichsam als eine Maske gedacht, die nur dürftig die psychische Wahrheit bedeckt. Verschluckter Zorn tritt ungefragt als Sodbrennen zu Tage, ein Schuppenpanzer wappnet oder beschützt - wovor auch immer -, und Asthma hat, wer Luft und Leben nicht mit seiner Umwelt teilen will.

Friedrich Dürrenmatt beschreibt in seiner frühen Erzählung Der Tunnel einen jungen Mann, der sich hinter dicken Brillen und einem Fettwust vor der Außenwelt verschanzt und übrige Körperöffnungen vorsorglich verstopft - die Ohren mit Watte, den Mund mit Zigarren. Auffallend an dieser teils autobiographischen Kurzcharakteristik ist die Vermischung krankhafter und selbstbestimmter Formen des körperlichen Rückzugs. Dürrenmatt stellt damit physische Gebrechen, wie Übergewicht und Kurzsichtigkeit, als beabsichtigte Methoden der Kontaktverweigerung dar. Als stets widerständiger Geist und erklärter Freund aller Widerwärtigkeit hat er uns hier eine kleine Hinterpforte zur Betrachtung einer selig kränkelnden Menschennatur geöffnet: Hypochondrie als intendierter Widerwille oder: Krankheit als Weg des psychosozialen Widerstandes.
Naheliegender Weise redet die einschlägige Fach- wie Populärliteratur nur über Wege der Erkennung und Bekämpfung der entsprechenden Krankheitsbilder. Psychisch motivierte Übelkeit, Hautausschläge, Allergien und Atemwegserkrankungen, abnorme Geruchsentwicklung, Durchfall, Hämorrhoiden etc. sollen hier aber auch einmal als subtile Möglichkeiten der Auflehnung begriffen werden, als Ausbruch des physisch Widerwärtigen zur Kompensation psychischer Widrigkeiten, als Form des paraverbalen Protests, wo Worte nicht möglich sind, wo Ohnmacht herrscht.

Mut zur Privatheit

Ein gewisser Robert Schneider hat der Literatur anlässlich der sogenannten Jahrtausendwende Mut zur Privatheit empfohlen. Was Herr Schneider damit gemeint hat, wollen wir gar nicht unbedingt wissen. Eine interessante Möglichkeit, mutig privat zu sein, führt auf jeden Fall Alfred Kolleritsch in seinem Roman Allemann vor. Besagte Privatheit kann dabei ganz intim verstanden werden, als innerste Emigration vor einem totalitären Regime, als Flucht in die Eingeweide sozusagen.

Die Autonomie des Individuums wird im Roman durch eine subtile Selbstbestimmung des Fleisches wider den aufgezwungenen Geist des Nationalsozialismus erkämpft. Protagonisten des Widerstandes sind eine gerettete Köchin, ein als (vermeintlicher) Kinderschänder verurteilter Internatsaufseher und ein schüchtern verträumter Gymnasiast, der die Würmer hat. Der Widerstand selbst manifestiert sich vorerst in einem gefüllten Sauschädel, Wurstbroten und englischer Schokolade; Sattheit tritt als Selbstbestimmung auf, im Widerspruch zum Diktat der kriegsbedingten Nahrungsmittelrationierung. Widerstand leben auch die Internatszöglinge, wenn sie nachts heimlich onanieren und ihre zuchtgestählten Körper in homoerotischer Zärtlichkeit erweichen, unterstützt vom klumpfüßigen Aufseher, der sich zuweilen selbst an der öffentlichen Selbstbefriedigung beteiligt.

Wie A. H. sitz ich hier, die braune Masse unter mir.
Klospruch

Der Gymnasiast Josef schließlich erlebt seine Auflehnung gegen die Zwangsarisierung seiner jugendlichen Seelenlandschaft, wenn er auf Grund der Würmer, die seinen Stuhl verseuchen, Einläufe erhält und als Folge dessen zurückgezogen in der beruhigenden Privatheit des versperrbaren Klos mutig allen Frust mit der braunen Soße aus sich heraus fahren lässt, begleitet vom Gedanken, auf SS-Männer und ähnliches zu scheißen. Die Würmer werden Josefs Verbündete im Widerstand gegen den allgegenwärtigen Gleichheits- und Reinheits-Kult, gegen die stumpfen Züge einer Ideologie, die nur einen Volks-Geist und einen Volks-Körper kennt.

„Mens sana in corpore sane“ erweist sich in Kolleritschs Buch als rhetorischer Markstein einer totalitären Gesellschaft. Schritt für Schritt wird von den erwähnten Protagonisten der zunehmende Druck des Kriegsregimes auf leise Weise unterwandert; Essen, Sex und fäkale Ausscheidungen bilden ein Crescendo fleischlichen Widerstandes, das stets auf das Abnorme und Regelwidrige oder auf Krankhaftes zusteuert. Zwischen drei grundlegenden menschlichen Bedürfnissen wird so eine Verwandtschaft offengelegt, die uns über festgeschriebene Grenzen der Intimität und Moral hinaus Lust und Leid des Körpers als Instrumente der humanen Selbstbestimmung erleben lässt.

Kolleritschs Roman illustriert im epischen Gewand, was Werner Schwabs metaphorisch geladener Sprache als ein Grundmotiv vorstellt: das kranke und gekränkte Fleisch - die konsequente Betonung körperlicher Vorgänge intimer oder pathologischer Natur. Bei Schwab erscheint das Krankhafte und Abnorme besonders deutlich als subversives Element, der Aufstand des physisch Widerlichen als Intention und Ventil. Für den Literaturwissenschafter ist das höchstwahrscheinlich nichts Neues. Es lässt sich auf die aktionistische Vergangenheit des Autors hinweisen, die eine solche Interpretation in einen einschlägigen Kontext stellt. Der Aktionismus in seiner spezifisch österreichischen Prägung stellt überhaupt eine extreme Form der künstlerischen Verwirklichung unserer Thematik dar - eine oft bis zur schrankenlosen Selbstkränkung physisch erlebte Kunst; Autoaggression als praktizierter ästhetisch-sozialer Widerstand.

Nicht nur in Österreich, aber besonders hier, scheint der „fleischliche Widerstand“ ein geradezu bestimmendes Element in der zeitgenössischen Kunst und Literatur zu sein (was auch insofern bemerkenswert ist, als zumindest letzterer gemeinhin Kopflastigkeit nachgesagt wird.) „Fleischlicher Widerstand“ schließlich ist eine Begriffsbildung, die nur aufgrund einer spezifisch katholischen Tradition überhaupt verständlich wird. Das mystisch ambivalente Verhältnis der kirchlichen Tradition und Sprache hinsichtlich des „Fleisches“, das in verschiedenster Form und (Ver-)Wandlung Sünde oder Erlösung bezeichnet, muss, genauso wie die Glorifizierung der normgestählten Physis im Dritten Reich, als Nährboden einer hypochondrisch widerständigen Mentalität und der entsprechenden Kunst betrachtet werden. Wir, die gelernt haben, im Geiste das sündige Fleisch abzutöten, feiern nun unsere Auferstehung im Leide, als Aufstand der unterdrückten Individualität.

Das zeigt nicht nur Allemann, davon erzählen nicht nur Schwabs sprachschöpferische Dramen. Auch Thomas Bernhards autobiographisches Werk dokumentiert, wie Bettnässerei und Lungenkrankheit spätestens durch deren literarische Verarbeitung zum Widerstand gegen einen braunschwarzen Volksgeist werden. Ebenso schreibt seit Jahren Peter Turrini wider die untote Vergangenheit an, um dabei immer wieder das schwächlich Andersartige, das Kranke als widerständige Alternative vorzuführen.

 

Von Scham und Schamlosigkeit

Und dann ist da noch die an Fleischesfrust erkrankte Seele des Volkes selbst, die in Hermes Phettberg durch masochistischen Exhibitionismus zu ihrer skurrilen Selbstoffenbarung gelangt ist. Phettberg an sich ist die personifizierte Zusammenfassung dieses Aufsatzes, er verkörpert als Fleisch gewordenes Gesamtkunstwerk nicht weniger als den totalen Mut zur Privatheit, die zelebrierte Selbstkränkung und intendierte Widerlichkeit als Form des gesellschaftlichen Widerstandes. Der Name Phettberg selbst ist Bote eines Vorganges, den wir als Auferstehung des trotzigen Fleisches aus der Scham betrachten dürfen.

Peter Sloterdijk, elitärer Lieblingsphilosoph der Medien, erklärt den Ursprung des menschlichen Selbstbewusstseins überhaupt aus der Scham. Scham gebe dem Leben, der Sexualität und der Lust im Allgemeinen ihre Würze. Scham sei schon der biblischen Überlieferung zufolge die erste Form des menschlichen Selbstbezugs und somit seiner Subjektivität.

Die Scham erscheint bei Sloterdijk als widerständige Potenz, die gegen ein dem Menschen innewohnendes Übel motiviert wird, ein Aufstand wider sich selbst, oder aber: ein Kampf gegen Segmente der eigenen Person, die als Fremdkörper, als Geschwür am Ich betrachtet werden. In einer konservativ-katholisch geprägten Gesellschaft ist dies ein wohl erprobter Mechanismus. Der Körper selbst tritt als Missgeburt der Seele auf, wodurch die Scham zur existentiellen Grundbefindlichkeit des menschlichen Subjekts gerät.
Die Verkehrung platonisch-augustinischer Leibfeindlichkeit in verschämte Lust an Erotik oder Krankheit stellt sich uns jedoch als ein Vorgang voll widerständiger Potenz dar. Für Josef und seine Internatskollegen aus Kolleritschs Allemann wird die Scham, in einer totalitären Gesellschaft, die dem einzelnen Organismus nicht mehr zubilligt, als unter Stahlgewittern als Teil einer heroischen Masse zu funktionieren, zur Voraussetzung einer Ich-Empfindung und letztendlich zur Möglichkeit einer Selbstbestimmung. Scham haftet sowohl der emanzipatorischen Lust der Jugendlichen an als auch Josefs Versuch, seinen Körper durch Krankheit selbst zu regieren.

 

Die letzten Helden

„Das Ressentiment ist das Sentiment der Subjekte, die unter die Dinge gekommen sind“, schreibt Sloterdijk. „Im Ressentiment reflektiert sich die Unleidlichkeit einer Existenz, die immer wieder auf die Folge ihrer anfänglich gewaltsamen Aussetzung stößt. Derentwegen ist auch das Ich der Helden und Propheten mit dem der migränischen und hypochondrischen Subjekte ursprungsverwandt.“ Die sagenhaften Abenteuer der Helden sind nach Sloterdijk nichts als ein Aufbäumen des ausgesetzten, verletzten und verschämten Ich gegen die Widrigkeiten der Welt oder - tiefenpsychologisch betrachtet - unserer Innenwelt und insofern selben Ursprungs wie psychosomatische, hypochondrische und migränische Leiden zeitgenössischer Menschen. Im Bewusstsein seines sündig in die Welt geworfenen Seins sucht das sensible Subjekt nach inneren Widerständen für den Lebenskampf, der seinem Dasein schmerzliche Rechtfertigung gibt. Für Sloterdijk konstituiert sich auf diesem Weg eine Art psychogenetische Aristokratie, als deren würdigster Repräsentant Friedrich Nietzsche auftritt. Für uns jedoch soll besagte Analogie zwischen Held und Hypochonder nicht mehr bedeuten als schon der Satz vom Ressentiment als Sentiment der verdinglichten Subjekte verspricht: dass nämlich auch in der aktuellen Gesellschaft, die der zunehmenden Bedeutungslosigkeit des Individuums selten mehr entgegensetzt als bloße Life-Style-Nabelschau, die allgemein grassierende Hypochondrie eine fruchtbar-destruktive Auseinandersetzung mit dem eigenen Ich darstellen kann, eine mögliche Form des Widerstandes, wogegen auch immer.

Es macht sich, wie Alexander Kluge schreibt, durch „die Ich-ersetzende Funktion etablierter neuer Medien“ eine „Industrialisierung des Bewusstseins“ in der Konsumentengesellschaft breit. Der Einbruch des omnipräsenten Entertainments wird zu einer ganzkörperlichen Zerstreuung, die Ästhetik des Werbespots zum kategorischen Imperativ. Der fremdbestimmte Mensch sitzt heute zu Hause am Hometrainer vor dem Fernsehgerät und zählt Kalorien. Body-Building fungiert als moderne Meditationsvariante und als gänzlich inhaltslose Beschäftigung mit sich selbst, assistiert von Diät- und Wellnesslektüre. In Zeiten, da Parade-Politiker nicht mehr wie Generäle einher marschieren, sondern als Dressmen verkleidet am Bildschirm erscheinen, ist die neue Norm im Volk ein schlankes Karottensaftlächeln oder der Traum vom Waschbrettbauch.

Lasst uns da ausbrechen und rausbrechen! Uns anfressen und angefressen sein, lasst uns hässlich sein und krank, verzweifelt und unzufrieden. Lasst uns den Kriegspfad der Krankheit beschreiten.

P.S.
Speiben Sie sich an!  (Andre Heller, Februar 2000)