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menschliches, allzumenschliches

Bernhard Setzwein zeigt, wie aus Meteorotropismus und Magenweh Philosophie entsteht


Bernhard Setzwein: Nicht kalt genug. Roman

Haymon: Innsbruck 2000

Rezensiert von: hermann götz


„Mit der Frage der Ernährung ist nächstverwandt die Frage nach Ort und Klima. Es stehet Niemandem frei, überall zu leben - und wer große Aufgaben zu lösen hat, die seine ganze Kraft herausfordern, hat hier sogar eine sehr enge Wahl.“ Sieben Sommer über fährt der Professor also in den Engadin, wo er in Sils Maria ganz nah dem Dach der Erde sein hochstrebendes Denken großen Aufgaben entgegenträgt, denn „das Genie ist bedingt durch trockene Luft, durch reinen Himmel“. Das Genie heißt Friedrich Nietzsche und ist heuer seit hundert Jahren tot. In Bernhard Setzweins Roman Nicht kalt genug wird er ob dieses Jubiläums als schrullig verrückter Professor wiedererweckt, der in Sils Maria philosophierend herumspaziert und von einem Lehrstuhl für den Übermenschen träumt. Hauptsächlich geht es aber auch hier um Fragen der Ernährung und des Klimas. Die Kopfwehwolken im Hochgebirge und Mutters all zu heiß geliebte Bauchwehwürste, das sind die Dornen in der Krone des Philosophen. „Das eine bin ich, das andere sind meine Schriften“, schreibt Nietzsche und selten hat er, wenn wir Setzwein glauben wollen, so wahr geschrieben. Unter Nietzschebiografen wird eine Anekdote herumgereicht, die den Ausbruch seines Wahnsinns markieren will: Tränenüberströmt sei der Professor einem Pferd um den Hals gefallen, dessen Reiter unsanft die Sporen gebraucht haben soll. Gemessen an des Professors Schriften, in denen er durch Jahre hindurch vehement gegen alles Mitleid polemisiert hat, ist das ein sehr bemerkenswertes Verhalten. Bei Setzwein findet diese italienische Episode zwar keine Erwähnung, doch bohrt er ausgiebig den Widersprüchen nach, die sich da zwischen Theorie und Praxis auftun und fertigt daraus schließlich die Karikatur des halbblinden Dichter-Maulwurfs, der vom prophetischen Adlerauge träumt. Unterstrichen wird dieses Bild durch die Sprache, deren er sich zur Zeichnung seines Nietzsche-Bildes bedient. Die ironisch knappen Setzwein-Sätze, die zielsicher wenige wiederkehrende Motive variieren, stehen ganz im Kontrast zu Nietzsches eigener aphoristisch wuchernden Prophezeihungspoesie. Sehr pointiert wird gezeigt, wie der Philosoph sich vor der Welt verkriecht um die Enge seines Daseins himmelwärts zu durchstoßen.

Mehr noch als Flucht und Absonderungstendenzen dominiert das Nietzsche-Bild in diesem Roman aber eine progressive Infantilisierung, die schon auf die Jahre vor seinem Tod zu verweisen scheint, wo der Kranke willenlos heimgekehrt ist, in die Arme seiner Mutter, um gefüttert, gebadet und spazieren geführt zu werden. Dass der Professor dem Leser schon in Sils Maria als ein trotziges und oft unzurechnungsfähiges Mannskind vorgeführt wird, liegt auch daran, dass der Autor seinen traurigen Helden gerne durch die Brille der einfachen Bergdorfbewohner betrachtet. Diese wollen aus ihrem seltsamen Kurgast nicht recht schlau werden, quittieren seine wirren Launen kopfschüttelnd oder mit Gleichmut, und selbst migränische Qualen oder Tobsuchtsanfälle erscheinen ihnen als eine Art körperliche Unvernunft. Sehr zu Gunsten des Lesevergnügens zieht sich so alle Tragik in die leisesten Zwischentöne zurück. Genussvoll hat Setzwein vom Nietzsche-Narren jeglichen Pathos abgeschraubt, so dass wir über ihn lachen können. „Und falsch heiße uns jede Wahrheit, bei der es nicht ein Gelächter gab!“ (Also sprach der Professor.)