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mr. cannibale - leben ist so schön

jürgen plank | mr. cannibale - leben ist so schön

Kannibalismus ist der wohl bekannteste ethnologische Topos. Doch die Menschenfresserei war nur in Ausnahmefällen mehr als ein Gerücht

Kurios am Topos Kannibalismus ist, dass auch immer wieder Europäer in den Verdacht der Anthropophagie gerieten: In Ethnologenkreisen wird gerne die Geschichte jener Milchkonserven erzählt, die - weil für Kleinkinder gedacht - das Konterfei eines weißen Babys trugen und in dieser Aufmachung nach Afrika verschifft wurden. Und was liegt für einen autochthonen Afrikaner, der Konserven zuvor nicht gekannt hat, näher, als von der Verpackung auf den Inhalt zu schließen? - Aus dieser Anekdote ergibt sich, dass die entscheidenden Fragen bei der Beschäftigung mit Kannibalismus nicht so sehr sind, wo und in welcher Form das Phänomen aufgetreten ist, sondern wer aus welchen Gründen Kannibalismuszuschreibungen vorgenommen hat.
Fangen wir von vorne an: Wenngleich sie auf ihren Entdeckungsfahrten den bereits von den Wikingern - Leif Eriksson hat um das Jahr 1000 herum Neufundland erreicht - oder den großen Reisenden des Mittelalters, Ibn Battuta und Marco Polo, gelegten Spuren folgen, erschließen die Seefahrer des 15. und 16. Jahrhunderts mit den neuen Räumen auch neue Projektionsflächen. Marco Polo, der bis in den äußersten Süden und Osten Asiens vordrang, ohne Kannibalen zu entdecken, vermutete diese auf den vorgelagerten Inseln - etwa auf Angaman, eine der Andamenen-Inseln: „Die Bewohner - Götzendiener - sind ein viehisches Geschlecht mit Köpfen, Augen und Zähnen wie Hunde. Sie sind von grausamer Natur und töten und fressen alle, die nicht zu ihrem eigenen Volk gehören, wenn sie ihrer habhaft werden können.“
Die Fahrt des Christoph Kolumbus, die im Jahr 1492 zur „Entdeckung“ Amerikas geführt hatte, war längst keine Fahrt ins Ungewisse mehr. Und letztlich war es auch nicht ungewiss, was die Forschungsreisenden der darauffolgenden Jahrhunderte berichten würden - zu hartnäckig und zu erfolgreich waren Vorstellungen von Barbaren, Kannibalen, Hundsköpfigen, Kopflosen, die das Gesicht auf der Brust trugen und allerlei anderen Monstern seit der Antike tradiert worden. Stets wurden die Kannibalen in den gerade noch nicht bekannten Regionen der Erde angesiedelt.
Neben dem vorrangigen Ziel die Welt nach neuem Land, Gold und Sklaven zu erkunden, war eine Triebkraft für die Entdeckungsfahrten der Spanier und Portugiesen auch die Suche nach dem christlichen Paradies, nach glücklicheren Ahnen, die unschuldig, im Einklang mit der Natur lebten. In der Folge wurden die Ureinwohner der „entdeckten“ Gebiete oft mit diesem mutmaßlichen Urzustand der Menschheit gleichgesetzt. Kolumbus etwa schreibt in seinen Bordtagebüchern sehr positiv über die autochthone Bevölkerung, glaubte er doch die „Insel der Seligen“ der Antike gefunden zu haben. Er lobt deren Tugendhaftigkeit und Naturverbundenheit. Das Anthropophagentum der Eingeborenen erwähnt er zwar, weit griffiger zum Thema äußert sich aber jener Mann, der den Amerikas seinen Vornamen gab: Amerigo Vespucchi, dessen Berichte große Verbreitung fanden und das Bild der Indigenen entscheidend mit prägten.
Die Europäer wollten mehr über die Welt erfahren und gleichzeitig Gerüchte bestätigt sehen. Amerigo Vespucchi wusste die Sensationslust zu befriedigen: Mit Hilfe des wilden, in Promiskuität lebenden „Quotenkannibalen“. Er schreibt wahrscheinlich über Gruppen der Tupi-Guarani-Sprachfamilie, die allesamt als Kannibalen verschrien waren. Ihr Motiv fürs Menschenfressen laut Vespucchi: Rache und Hass. Eine Begründung, die bereits in der griechischen Mythologie erwähnt wird. Die entdeckten Völker wurden bei Vespucchi durch ihre Gegensätzlichkeit zu Europa definiert: Exotik, Gesetzlosigkeit, Kriegslust und eben Kannibalismus. „... sie bringen vom Krieg Gefangene mit nach Haus, nicht um ihr Leben zu schonen, sondern um sie aufzuheben und für ihre Ernährung abzuschlachten“, schreibt er in seinem Bericht Mundus Novus, der im 16. Jahrhundert mit 32 Auflagen in Europa zum Bestseller gerät.
Gerade zu den Tupi-Gruppen gibt es aber auch die Stimme des Portugiesen Vaz de Caminhas, in seinem Brief vom 1. 5. 1500 an König Manuel. De Caminhas' Schreiben stammt aus einer Zeit, in der sich die Portugiesen zunächst darauf beschränkten, Handelsniederlassungen an der Küste Südamerikas zu gründen. An eine Eroberung und Unterwerfung Brasiliens war noch nicht zu denken, eine negative Stigmatisierung der Eingeborenen daher nicht nötig. De Caminhas betont stattdessen den kräftigen Körperbau der Eingeborenen, deren Körper- und Federschmuck sowie deren Unschuld und Nacktheit. Kannibalismus erwähnt er nicht einmal! Dazu die Ethnologin Astrid Wendt: „Kein negatives Wort, kein auch noch so geringer Hinweis auf Aggressivität, Kriegslüsternheit oder gar die Sitte, Menschenfleisch zu verzehren, trüben das Bild. […] Wäre nicht Vespucchis sondern Vaz de Caminhas' Brief in Europa verbreitet worden, so hätte das entstandene „Indianer-Bild“ eine gänzlich andere Prägung erhalten.“ - Doch sein Schreiben wurde nicht vervielfältigt.
So aber repräsentierten die „Wilden“ bald alles, was im Gegensatz zur europäischen Kultur steht und deshalb negativ bewertet wird. Dies geschah zum Teil aus sehr pragmatischen Gründen: Um die Unterwerfung der Ureinwohner in Übersee und die Gräueltaten ihnen gegenüber zu rechtfertigen, musste für die spanische und die portugiesische Krone eine Bedingung erfüllt sein: Es musste Kannibalismus vorliegen! Unter diesem Gesichtspunkt verwundert es nicht weiter, dass etwa der in Zentralamazonien tätige portugiesische Sklavenhändler Pedro Texeira über die dort ansässigen Ethnien schreibt, sie würden ausschließlich Menschenfleisch essen und einander gegenseitig auffressen. Doch wie Erwin Frank festhält: „Zur gleichen Zeit lebten und arbeiteten mitten unter diesen angeblichen Menschenfressern jesuitische Missionare, welche niemals auch nur Spuren des nach Texeira doch so alltäglichen Menschenfleischgenusses bei ihnen festgestellt haben.“
Das Paradoxon bei all dem ist, dass die kolonialisierten indigenen Gruppen für mehrerlei herhalten mussten. Es bildeten sich zwei Sichtweisen zu den außereuropäischen Fremden heraus: Zum einen die verklärende idealisierende Konzeption des „edlen Wilden“ im 16. und 17. Jahrhundert. Und zum anderen die abwertende Tendenz, die den Entdeckten Barbarismus zuschrieb. Doch egal, ob gerade die Tendenz zum „edlen Wilden“ oder zum „Barbaren“ Vorrang hatte: Stigmatisiert und instrumentalisiert wurden die indigenen Völker in jedem Fall.
Afrika zum Beispiel galt stets als geheimnisvoll, als ein Ort, auf den sämtliche bereits auf andere Regionen angewandten Stereotype mit Leichtigkeit projiziert werden konnten. Afrika, das war in der Reiseliteratur des 19. Jahrhunderts der „dunkle Kontinent“. Ein weites Feld für Abenteurer und Reisende, die das Licht der wissenschaftlichen Erkenntnis auf diese geheimnisumwitterte, unverständliche Welt richten wollten.
Der zu seiner Zeit anerkannte Botaniker Georg Schweinfurth reist im Jahr 1870 für drei Monate ins Gebiet der Azande im Sudan - angesichts dieses kurzen Zeitraumes muss man wohl eher von einer Durchreise denn von einem wissenschaftlichen Forschungsaufenthalt sprechen.
Einer der großen britischen Anthropologen, Evan Evans-Pritchard, seines Zeichens Spezialist, was die Azande betrifft, vertritt die Meinung, dass ernstzunehmende Ethnographie vom Beginn der Feldforschung bis zur wissenschaftlichen Publikation gut und gerne zehn Jahre in Anspruch nehmen kann. Das Erlernen der Sprache der Erforschten und ein jahrelanger Aufenthalt im Feld sind in diese Zeitspanne miteingerechnet. Ganz anders verhält es sich freilich bei Schweinfurth: Er war der Sprache nicht mächtig, zudem wurde ihm sein Notizbuch gestohlen, sodass er seine Berichte im Grunde aus dem Gedächtnis rekonstruieren musste.
Schweinfurth kam als Gefolgsmann einer arabischen Karawane in die Region, was dem Kontakt mit den Azande nicht gerade förderlich war. Seine Informanten waren somit die arabischen Mitglieder der Karawane, und im arabischen Raum kursierten seit dem Mittelalter Berichte über die Azande, in denen diese dem Kannibalismus frönten. Unterzieht man Schweinfurths Bericht einer Quellenkritik, so kann er nur allzu leicht als sehr fragwürdig eingestuft werden. Schweinfurths Buch mit dem nach einem Abenteuerroman klingenden Titel Im Herzen von Afrika (1874) war zu seiner Zeit dennoch vielbeachtet und galt als zuverlässige Quelle, schließlich war Schweinfurths Ruf als Botaniker ausgezeichnet.
Doch ein anerkannter Botaniker muss nicht notwendig als Ethnologe vertrauenswürdige Forschungsergebnisse liefern können. Das Schlüsselwort bei der Bewertung aller Texte über Kannibalismus lautet daher Quellenkritik. Der schon erwähnte Evans-Pritchard hat sämtliche Texte über die Azande akribisch und quellenkritisch untersucht und dabei festgestellt, dass sich die Informationen der Afrikareisenden des 19. Jahrhunderts - was den Kannibalismus betrifft - zwischen den Koordinaten „zweifelhaft“ und „wertlos“ bewegen. Umso unverständlicher ist daher, warum Evans-Pritchard schreibt: „... but there is no smoke without fire, and taking all the evidence together we may conclude, that there is a strong probability that cannibalism was practised at any rate by some Azande.“
Antropophagie stellt nicht zuletzt ein Problem der Wissenschaftsgeschichte der Ethnologie dar. Michel de Montaigne versuchte bereits im 16. Jahrhundert „die starre und unversöhnliche Haltung jener aufzubrechen, für die der Vorwurf des Kannibalismus ausreichte, um diesem Volk jede menschliche Gesinnung und Gesittung abzusprechen.“ In einem seiner Essays relativiert er den Kannibalismusvorwurf mit der Beschreibung kriegerischer Grausamkeiten der Europäer und sieht die Indigenen der Amerikas als diejenigen, die unberührt vom negativen Einfluss gesellschaftlicher Ordnungssysteme leben. Montaigne kann heute als einer der ersten Kulturrelativisten angesehen werden.
Am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts war der Evolutionismus eine der wichtigsten Strömungen in der Ethnologie. Bei den Evolutionisten tauchte der Begriff „primitiv“ auf, der zum Ausdruck brachte, dass die Europäer zivilisiert sind und in einer Rangordnung an oberster Stelle stehen, weil sie technisch am höchsten entwickelt sind. Die Evolutionisten sahen kulturelle und gesellschaftliche Aspekte - wie den (angeblichen) Kannibalismus oder die Kopfjagd -, die aus einer westlichen Sicht der Welt heraus schwer zu verstehen waren, als Überbleibsel eines entwicklungsgeschichtlich vergangenen Stadiums der Menschheit an.
Der altösterreichische Ethnologe Bronislaw Malinowski, der während seines drei Jahre langen Forschungsaufenthaltes auf den Trobriand-Inseln im Pazifik (1915-1918) die klassische Forschungsmethode der Ethnologie, die teilnehmende Beobachtung, als einer der ersten umgesetzt hat, bekennt in seinen Tagebüchern: „Die Eingeborenen gehen mir noch immer auf die Nerven, vor allem Ginger, den ich am liebsten totschlagen würde.“ Obwohl sich derartige Bemerkungen durch die Tagebücher ziehen, ist Malinowskis funktionalistische Arbeitweise für die damalige Zeit bemerkenswert und kulturrelativistisch im besten Sinn: Er versucht für ihn unbekannte Phänomene anhand ihrer Bedeutung für die Trobriander zu verstehen.
Ewald Volhard hat in seinem monumental angelegten Werk Kannibalismus aus dem Jahr 1939 von einem universalen Phänomen gesprochen und eine Weltkarte des Kannibalismus abgebildet - Quellenkritik war für Volhard allerdings ein Fremdwort. Dass es Kannibalismus in irgendeiner Form gegeben hat, ist indes unumstößlich klar: Sei es in Form des „Aschetrinkens“ der Cashibo in Peru oder im Rahmen von Bestattungsritualen, etwa bei denen die Foré in Papua-Neuguinea, die das Gehirn des Verstorbenen verspeisen. Aber es gibt auch andere Beispiele aus der „zivilisierten“ Welt: Während einer Hungersnot im Jahr 1997 ist es in Nordkorea zu Fällen von „Notkannibalismus“ gekommen. Und Mark Twain beschreibt diese Variante der Antropophagie in seiner Erzählung Kannibalismus auf der Eisenbahn. Bei Twain gerät die Besatzung eines Zuges in eine Notsituation: Nach und nach fressen die Reisenden einander gegenseitig auf.