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mundverhalten

hannes luxbacher | mundverhalten

Über den ökonomischen Impetus des symbolischen Handelns und die Ineffizienz von Schenkelklopfen als Ausdruck politischer Handlung

Weder ist es neu geschweige denn besonders einfallsreich, festzustellen, dass Sprache unsere Welt mitkonstituiert. Mindestens in Österreich verhält man sich im Augenblick des Aussprechens dieses Gedankens sofort zu einer Bezugsgröße namens Wittgenstein und dennoch: Gestatten Sie mir bitte das folgende Nachdenken als ein dilettantisches aber gegenwärtig notwendiges. Damals, als ich noch Kind war, ekelte mir eines Tages vor dem überfallsartigen Gekotze eines fast Gleichaltrigen inmitten unserer Küche, hinein in einen eilig untergeschobenen Kübel. Später dann, als Jugendlicher schon, ekelte mir (und tut es auch heute noch, sehr sogar), als ich das erste Mal Pink Flamingos von John Waters sah und in dieser einen Szene der Schauspieler und Sänger Divine die noch frische Ausscheidung eines Pudels zu sich nahm, und ich erinnere mich genau, wie beeindruckt ich von der Zeile Blixa Bargelds war, als er in dem „Song“ Blutvergiftung mehr schrie als sang (was auch an der buchstäblich verkehrten Aufnahmeweise gelegen hat): „Der Mund ist die Wunde des Alphabets.“ Und heute? Heute wünsche ich mir mitunter, dass das Schweigen ein natürlicher Trieb und er bei manchem/mancher stärker ausgeprägt wäre, aber John Cage hat halt nicht recht behalten sollen mit seiner Intervention für die Stille. Was soll’s! Jeder kann halt nicht schöpferisch wirken und die Regeln vorgeben oder sich, nach dem Trend schielend, als unrichtbarer Gott verkennen. Wäre ja noch schöner! Ungut wird das alles nur, wenn plötzlich einer hergeht und nicht nachgibt, sich immer mehr und öfter und dann auch noch lange in den öffentlichen Spiegel sieht, sich dort wiederzufinden glaubt und schließlich in Wahlergebnissen auch wirklich findet, dann selbst so tut, als wäre er herr(schaft)lich, dabei sich aber bloß noch als selbstherrlich - hat da wer Narziss geflüstert? - offenbart und partout nicht einsehen will, dass eine Rückkehr ins Schweigen jetzt angebracht wäre. Wenn dann die anderen, die schon längst eingesehen haben, aber nicht wissen, wie sie den einen, der eben nicht einsehen will, weil es seiner Meinung nach ja gar nichts zum Einsehen gibt, zum Einsehen bringen könnten - obwohl meinetwegen kann ich ja so tun als ob, wird schon niemandem auffallen, mein als ob, und der Churchill, den nenn ich mir im stillen Kämmerlein einen Kerl, und der öffentliche Meinungsspiegel weist mich doch auch als den bestgekleideten unter den Kaisern aus - auch wenn er mitunter sehr nackig aussieht, nachdem er sich wieder einmal verbal entblößt hat.
Nun gut, wie Sie schon entnommen haben, verbinde ich mit dem, was alles mit dem Mund zusammenhängt, auch Negatives. In letzter Zeit ist denn im Zusammenhang mit der Lage Österreichs auch der Mund und die Sprache wieder einmal zu einem zentral begutachteten Thema geworden. Vorrangig fokussiert wurden dabei die historisch bedingte Aufgeladenheit von Wörtern und die ganz klar zu umreißenden semantischen Felder mancher Begriffe. Weniger stark beachtet wurde ein anderer Aspekt, namentlich die soziale Verantwortung des Sprechenden bezogen auf das Einsatzgebiet seiner Wörter und Phrasen. Der ökonomische Impetus jedes symbolischen, also auch sprachsymbolischen Aktes, wie wir ihn spätestens von Bourdieu im Zusammenhang mit dem Bereich des Symbolischen analysiert bekommen haben, kann gar nicht überschätzt werden, und wenn unser sprachliches Produkt als ein konkret Gesprochenes/ Geschriebenes umgesetzt, also eingesetzt wird, bedeutet dies, dass eine Rede mit einer Wirkintention produziert wird. Sowohl Form als auch Inhalt des Gesprochenen/Geschriebenen werden mindestens mitbestimmt vom vorwegzunehmenden Preis, den die Rede bzw. das geschriebene Wort erzielen soll.
In manchen speziellen Feldern mag der Preis als Norm eine ganz und gar vernachlässigbare Größe haben, z.B. in einem sozialen Handlungsraum, in dem die Handelnden sich bewusst sind, dass es sich um einen Raum der aufgehobenen Verbindlichkeiten handelt (wer traute sich sonst noch, inkorrekte Witze zu erzählen?), in den meisten Fällen aber gilt das nicht und man hält sich vor allem in den öffentlichen Handlungsräumen gefälligst an die ungeschriebenen, jedoch tradierten Verbindlichkeiten. Wenn jetzt also eine Rede in ein ganz bestimmtes und ganz besonders geprägtes soziales Umfeld hineingesetzt wird, muss der Sprechende sich der Zulässigkeiten und der eventuellen Sanktionen bei einer eingebauten und aufgetretenen Abträglichkeit bewusst sein, sich also auch der Distinktionsmerkmale bedienen, die sein Gesprochenes/Geschriebenes im jeweiligen Handlungsfeld legitimieren und vom Charakter eines Bassenawitzes etwa abheben. Zusätzlich muss er sich auch bewusst sein, dass manche Formen des Sich-äußerns nicht überall hin passen. Mangelt ihm dieses Bewusstsein und wird der Blickwinkel vom Weiten auf das Enge zusammengezogen, sagen wir vom politischen Tätigkeitsfeld Europa auf ein Geburtstagsfest auf einem Kärntner Berg, dann wird eine Sektionierung, eine Nischenbildung des wörtlichen Tuns betrieben, die aber nicht aufgehen kann, denn der Akteur spricht auch in der vermeintlichen Nische Kärntner Berg über Europa und dieses Sprechen wird vom Berg hinuntergetragen, und es handelt sich dieses Mal keineswegs um ein Wort, das es einer allgemeinen Erlösung wegen zu verbreiten gelte.
So wird das Wort für die inszenierte Lust am Augenblick missbraucht und die (hier) moralische Perspektive der Dauerhaftigkeit zu einer vernachlässigbaren Größe degradiert. TV-Comedy fügt sich aber nicht überall ein, und Nonsens soll bei denen bleiben, die sich darauf verstehen, mögen sie auch noch so trunken sein. Ich bin zwar für Unterhaltung in der Politik, aber gegen eine Politik der Unterhaltung, denn Schunkeln, Stampfen und Schenkelklopfen können nicht leisten, was die grenzüberschreitende Forderung nach verhaltensmäßiger Anpassung und ideologischer Gemäßigtheit einfordert. Berechtigterweise einfordert! Wird das Sprachhandlungsfeld überdies so weit ausgehöhlt und als unverbindlich denunziert, dass die Verbalattacken ad hominem gegen sogenannte „Westentaschennapoleons“ geführt werden, darf niemand, auch nicht ein NLP-geschulter Redner, der sein Wissen nicht reflektorisch einzusetzen bereit ist, Verwunderung zeigen, wenn auch noch seinem linguistischen Habitus die soziale Akzeptanz entzogen wird. Diskreditierung ist im Feld einer Beziehung noch selten reaktionslos geblieben. Das Vergessen des Netzwerks, begründet in einem sozial-systemischen Eingebundensein, schützt nicht vor dessen Sanktionen. Kommunizieren ist eben nicht das bloße Entlassen irgendwelcher Wörter aus der Mundhöhle, die im Nachhinein von anderen als Faschingsausläufer fehlklassifiziert werden können, sondern die Übertragung von Informationen, die zum Teil auch assoziativ erschlossen werden, wo sie nicht ohnedies so klar vorgetragen werden, dass alles Heruminterpretieren so überflüssig ist wie verdünntes Wasser. Die mangelnde Bereitschaft, ein Bewusstsein für dieses Faktum auszubilden und die Produkthaftigkeit samt Tauschwert von Sprache in das konkrete Sprechhandeln miteinzubeziehen, führt dazu, dass ein definierter Sprechraum durchbrochen wird. Bloß bleibt bei solchem Tun, wenn man es freundlich ausdrückt, der Gewinn zweifelhaft. Meist bleibt er nur bei der Person hängen - oder in dessen Innkreis (!) -, und dass das mit Narzissmus zu tun hat war schon klar, bevor es öffentlich ausgesprochen wurde. Wo also der existierende Sprachraum effizient durch Leitplanken wie Höflichkeit oder der Etikette der produktiven, jedenfalls immer sachlichen Kritisierbarkeit abgesteckt ist, gewinnt der Durchbrechende manchmal zwar den Genuss des Triumphs im Moment, da aber Politik an sich quasi-definitorisch mit Ernsthaftigkeit verbunden ist, bleibt der Rüffel nicht aus. Auf einen „Befreiungs“-Gestus, der sich auf Diskreditierungen beschränkt, kann locker verzichtet werden. Wer das nicht weiß, ist selber schuld. Ungut ist, wer das nicht einsehen will, auch wenn ihn noch so viele darauf aufmerksam machen. Die Wildwestmanier, dass wir uns schon alles selber richten werden und die Einmischung aus einer anderen Region nicht nötig haben, weil wir eh wir sind, gilt zum Glück schon länger nicht mehr, spätestens seit der Marlboro-Mann gesundheitsbedingt aus seinem Sattel gekippt ist. Mittlerweile verderben einzelne Köche den Brei und die Suppe wird von vielen ausgelöffelt.
PS: Wenn Haider glaubt, dass er mit seinen pauschalierenden, auf die Mythen des kollektiven Unterbewussten abzielenden Feindbildschemen den gegenwärtigen Entwicklungen etwas entgegenzusetzen habe, was er einen modernen österreichischen Staat nennen möchte, dann täusche er sich nicht, dass der Konservativismus, der in seinen Sätzen steckt, verborgen bleibt. Die Anforderungen des Neuen sind nun mal die Anforderungen, die eine weltweite Migration stellt, und das Entsagen der Chancengleichheit für all jene, die aus weniger gut entwickelten Weltregionen kommen, ist schematisch die gleiche Entsagung, die einst dem Arbeiterstand durch das Bürgertum verordnet wurde. Integration nach innen, Österreich zuerst, das ist keine Antwort, mit der auch nur irgendwer mittelfristig überleben könnte. Wer das Gegenteil behauptet, betreibt nichts anderes als die Verbreitung einer Ablenkungsideologie.