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thomas ernst brunnsteiner | nicht absetzen!

Die literarische Reiseapotheke

Ob ich kenne einen gewissen Herrn „Ramschmayer“, „oder anders“. Mein lieber guter Freund ahmte die Worte seiner eigenen Mutter nach, die aus dem Telefon herausdiktierte, ich entschuldigte mich, sie wollte mich sicherlich „wo hintun können“, der gute Freund war unser Medium. Über, hinter mir an der alten Wand der Brauerei, die ein Lyzeum war einmal, für schwedischsprachige Mädchen in Åbo, die es nicht mehr gibt, weil es keine Mädchen mehr gibt ... also damoklesschwer, dräuend, immerdar, interessant, hing das Wandposter, den (beides richtig, sagt der Duden) immer nur mein lieber, guter Freund sah:
Knochen und ihre Verwertung, gedruckt in Leipzig, in Deutsch, vor dem Krieg, vor der Menschenfresserei. Er hob sein Bier, es prostete, es tschinderte, es quengelte, ich, ihm, zu: „Nicht absetzen“. Das hier gebraute Bier, das Bierglas, „niemals“. Außer ein Jude mit am Tisch. Da wurde das Spiel erfunden, im Biergarten der Mitdreißiger. Um sein Bierglas zu „erden“ und also wieder zu reinigen, wenn Mischrassige am Tisch saßen und Mischbier und Mischkarten und Medwurst fraßen: Pock! Das haben die Arier bald abgestellt, das Bier, weil es unrein war vom Krug der Juden. Mein lieber Freund musste gar nichts mehr essen, war ja satt und angespeist von diesen Anektoten, diesen zu Tode gebrauchten kleinen handlichen Erzählungen zu Belustigung und Belehrung gleichermaßen, die wir erzählen und die Deutschen (sick!) sich zu Herzen nehmen, pardon, aber „Ramschmayer“?
Morbus Kitahara, würgte ich heraus, betonend das überzählige „a“, aber „Kitahara“, das ist ein fertiggemachtes Wort, das wir sonst nicht aushalten, wir vervollständigen es, um des Klanges willen (man denke an einen Autofahrerklub, der „Steiermark“ abkürzt mit „Stamk“. Selbe Geschichte! Meine Volksschullehrerin hat mir das Land, Stamk, ja verunmöglicht mit der Behauptung - eine Schmutzbehauptung - die Steiermark sehe in ihrer westlichen Extremität - nicht die Weststeiermark - aus wie eine „Sau“, Ohrwaschel = Salzkammergut, Rüssel = geschnupftes Pongau, Sauzüngerl = Frauenalm, die Sau sabbert die Lavant, und so weiter. Übrigens endet auch das Staatsgebiet von West Virginia um dutzende Meilen weiter östlich als das Staatsgebiet von Virginia selbst in seinen westlichen Ausläufern. Westwärts. Sauländ).
Die Schrecken des Eises und der Finsternis, meine Stunde, ich spielte mich in das fraglos große Herz, das der Mutter, die meines lieben Freundes. Aber Herr Ransmayr selbst ist justament nicht Einband meiner kleinen Reisebibliothek („Reisapotheke“, zum Auslesen).
„Mein bewegliches Unvermögen sind die Bücher, die ich lesen muss, einnehmen, so wie sie mich einnehmen“, sagte ich zu meinem lieben Freund, nach Gesprächsende, gut aufgelegt. Er erwähnte seine Hormonhaushälterin, die ihn nach Finnland nicht begleiten habe wollen, und er bat die Seitenlehne seiner Sitzbank, wahrgenommen im Augenwinkel als menschliche Silhouette, hölzern, hoch, ohrensesselseitenförmig, doch endlich „weiterzugehen oder sich zu uns zu setzen“. Ich nahm den Faden und erzählte schnell von einem Computerkursus, den ich kürzlich in Rovaniemi gehalten hatte. Abendschule. Frauen. „... und als ich eintrat, waren die Mousepads von den Tischen verschwunden. Was ich erst später bemerkte: Die Damen hatten sich daraufgesetzt, allesamt ...“
„Die moderne Welt verarschen!“ so mein lieber Freund anfügsam. Er unterbrach sich mit der Behauptung, deutsche Kinder würden im Herbst eine „Schuldtüte“ bekommen, schon seit dutzenden von Jahren, immer wieder wiederholte er das Wort „Schuldtüte“ zwischen „Gänsefüßchen“, legte den Kopf schief und sagte das eigentümliche Wort „kursieren“, es klang kursiv und gefährlich, brandgefährlich, wie gesagt werden kann, naturgemäß, Thomas Bernhard.
„Bernhard begleitet mich immer und überall und hin“, sagte ich. „Jede Beurteilung der Bernhardschen Form ist mir ein Gräuel und kann ich nicht anhören“, sagte ich, „ehe man ihn nicht vollkommen und im Grunde beim Wort nimmt“, sagte ich. „Wer Bernhard einen Übertreibungskünstler nennt, ist selbst ein Durchtreibungskünstler“, sagte ich. Und schmerzhaft klangen mir die Hoden nach von einem Radiointerview mit einem emerigierten Professor, der mit dem Wort Holzfällen den ganzen Bernhard fassen wollte, und zwar beim Schwanz. „Holzfällen ist ein Jargonwort“, sagte dieser Pofessor immer wieder zu Herrn (Hyehner? Hymer? ¿sic?) von Ö1, Holzfällen ... Die schwule Wirkung von Holzfällen musste er geübt haben, vor dem Spiegel oder dem Stern, und ganz armselig hörte sich das alles an, wie er uns geifernd machen wollte über Bernhards verklausulierte Homophilie.
Was das an jenen Wahrheiten ändern sollte, die dieser Mann alleine gesagt hatte und erst klar auszudrücken sich zwang und dann erst abzudrucken sie freigab, wurde nicht bekannt gegeben. „Es zählt der Willi, nicht das Wirk“, mein lieber Freund, wider. Dass es natürlich diesen und so viele unsinnverwandte Professoren gar nicht geben könnte, wenn nur ein Mensch ein Wort von Bernhard ernstnähme und aufgriffe, war uns ja ohnehin ... klarl. Kraus, Karl Kraus, und „Untergang der Welt durch schwarze Magie“, der besessene bessere Wortspengler, der uns ganz klar ins Gesicht sagt, wie weit es her, nein, wie weit hin alles ist in der Geisteswelt. Die so ist wie eine Geisterstadt, nach dem Almrausch: Hohle, Öde, Lehre. „Nicht, dass die österreichischen Ereignisse keinen Grund haben, aber dass sie keine Konsequenz haben, ist trostlos.“ Karl Kraus, Apokalypse, Okt. 1908. Zitiert in den Wechseljahren nach der Rechtschreibregel.
„Die gleichwohl prophetische Klarheit und gnadenlose Fähigkeit zur Antizipation ...“, ich hohlte aus, unter dem Knochenverwertungsposter, als mich mein lieber Freund herunterholte in den Groll, den man hat, wenn das Fernsehprogramm in der Zeitung sich als falsch erweist, „da es die einzige und wahre Möglichkeit des Menschen ist, heute in die Zukunft zu sehen, was auch immer passiert“, so mein Freund, „wir wissen, was am Sonntag um 19.30 Uhr passiert, nämlich die Neuigkeiten, die Nachrichten, in jedem Fall.“ Sagte mein lieber Freund.
„Die Menschen wollen beschäftigt sein“, und auf dem Nachhauseweg konnten wir das Wasser nicht mehr halten. Es troff. Die Hosen waren betroffen. Warmer Sommer. Sein Großvater war Sudetendeutscher gewesen, sagte er, und immer umstechen gegangen im Bademantel, nahe Leipzig, Jahrzehnte nach der Aussiedelung. Hatte noch immer er, der Großvater, gesucht nach dem Familiensilber, das er einst (seek!) vergraben hatte in Tschechien, für den Fluchtfall? Eigenartig, dieser auf die Schaufel gestützte Umstecher, stundenlang sitzend, „da kommt der Balkan durch“, hatte seine Frau dann gesagt, hatten die Kinder und Kindeskinder gehört. Gelernt. Alle Menschen sind überall gleich.
Man versteht sie nur nicht, die hingesagten Gemeinheiten, wenn sie gesagt sind in fremder Sprache. Wir hatten uns nass gemacht. Das hatte uns Spaß gemacht. Wir ließen uns noch ein in eine lauwarme Diskussionsbadewanne über die echte Fürchterlichkeit und die geschilderte (dass man Kunst machen, aber Macht nicht künsteln kann, weshalb es keine „schlechte Macht“ gibt und keine „böse Kunst“), und warum die Täter die sie Beschreibenden am allermeisten fürchten, so sie auch durch Generationen getrennt sind. Sagte er: „Kunst hat der Geschichte das Gefühl voraus“. Sagte ich, Hosen in die Waschmaschine, nichts. Nahm nur die dritte Dosis aus meiner wartenden wortenen Reiseapotheke, zitierte Raul Hilberg, Chronist des Holocaust, Die Vernichtung der europäischen Juden. Behauptete: Alle drei Autoren bedienen sich des Stilmittels der Übertreibung. Während Bernhard und Kraus die Umstände (sink!) zu Phantasmagorien übertreiben, nimmt Hilberg diese albgedrückten Wahnbilder und übertreibt sie zu Tatsachen.
Belegte:
„... entdeckten sie, dass die vermeintlichen Duschen nicht funktionierten ... stellten sich auf die Liegenden, um gasfreie Luftschichten zu erreichen und so ihr Leben zu verlängern. Der Todeskampf dauerte etwa zwei Minuten ... Die Leichen fanden sich turmartig angehäuft, manche in sitzender oder halbsitzender Position, Kinder und ältere Menschen zuunterst ... Die Leichen waren rosafarben und wiesen grüne Flecken auf. Manchen stand Schaum vor den Lippen, andere bluteten aus der Nase. Einige der Leichen waren mit Kot und Urin bedeckt, bei manchen schwangeren Frauen hatte die Geburt eingesetzt ...“ Siehe Seite 1043, Bd 2, aus 1944.
Wir fielen müde und abgekämpft in unsere Betten, an diesem Abend. Am nächsten Tag stand „Reinkarnation“ und die „Große Verborgenheit des Propheten als Grundlage der schiitischen Glaubens- und Heilslehre und Krambambuli und Karmaburli“ auf dem Programm. Und „Mein Tipp für Touristen“, den ich vorwegnehme.
„Gehen Sie bitte in die Grazer Stadtpfarrkirche in der Herrengasse. Hauptaltar, linkes Fenster, Mitte. Jesus von Nazareth wird dort böse zugerichtet. Viertes Panel von unten, rechts: Adolf von Braunau und Benito von che me ne frega schauen dem Heiland zu beim Leiden und Vergehen. Der Führer weiß nicht so recht, wer da jetzt der Jud ... Der Duce singt laut, hört man nicht. Ist ein Glasfenster. Bitte anschauen. Hintlerglasmalerei.“
Die Zigaretten werden immer teurer. Irgendwer bereichert sich da ganz fürchterlich.
Schluss.