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otto gross: die suche nach dem dritten mann

gottfried heuer | otto gross: die suche nach dem dritten mann

Oder: Was suchst Du Ruhe, da Du zur Unruhe geboren bist?

Obwohl der österreichische Arzt, Psychiater, Psychoanalytiker und Anarchist Otto Gross (1877 bis 1920) eine Schlüsselrolle bei der Entstehung dessen gespielt hat, was wir heute als „die Moderne“ bezeichnen, ist er bis jetzt weitgehend unbekannt geblieben. Es gab aber eine Zeit, und zwar in den ersten Jahrzehnten des gerade vergangenen Jahrhunderts, in der die berühmtesten Vertreter der damals noch ganz jungen Psychoanalyse diesen Otto Gross über alle Maßen lobten. Im Jahre 1908 schrieb Freud an Jung: „Sie sind doch der einzige, der auch etwas vom seinen geben kann; vielleicht noch Otto Groß“. Einige Monate später, nachdem Gross bei Jung in Behandlung gewesen war und die beiden sich gegenseitig analysiert hatten, schrieb Jung an Freud: „in Groß erlebte ich nur allzuviele Seiten meines eigenen Wesens, so daß er mir oft vorkam wie mein Zwillingsbruder“. Im Jahre 1912 bezeichnete Alfred Adler Gross als „geistreich“ und Wilhelm Stekel sprach von dem „genialen Otto Groß“.
Gross beeinflusst die Entwicklungsgeschichte analytischer Theorie und Praxis bis zum heutigen Tage. Aber schon im Jahre 1921, weniger als ein Jahr nach seinem Tod, schrieb der österreichische Schriftsteller Anton Kuh, der sein Schwager war, über ihn als einen Mann, „den außer einer Handvoll Psychiatern und Geheimpolizisten die wenigsten beim Namen kennen und unter diesen wenigen nur solche, die ihm zur Schmückung des eigenen Gesäßes die Federn ausrupften“.
Wer war nun dieser dritte Mann, der „Paradies-Sucher zwischen Freud und Jung“ (E. Hurwitz)? Und was ist geschehen, dass aus diesem Mann, der als Genie bewundert worden war, ein Unbekannter wurde, eine Unperson? Otto Hans Adolf Gross wird am 17. März 1877 in Gniebing bei Feldbach in der Steiermark geboren. Sein Vater ist Hans Gross, Professor für Kriminalistik und eine der führenden Autoritäten weltweit auf diesem Gebiet. Er gilt als einer der Begründer der wissenschaftlichen Verbrechensbekämpfung. So wird er zum Beispiel unter anderem als Vater der Daktyloskopie angesehen, der Wissenschaft von der Verwendung von Fingerabdrücken für Identfikationszwecke. Otto Gross wird hauptsächlich von Privatlehrern und an Privatschulen erzogen. Er studiert Medizin in Graz, München und Straßburg. Im Jahre 1899 promoviert er. Im folgenden Jahr macht er mehrere Reisen als Schiffsarzt der Hamburger Dampferlinie Kosmos nach Südamerika. Es heißt, dass seine lebenslange Drogensucht - Kokain und Morphium - aus dieser Zeit stamme. 1901 erscheint sein Compendium der Pharmako-Therapie als Buch und erste medizinische und psychiatrische Arbeiten in Zeitschriften. 1902 geht Gross zu einer ersten Entziehungskur an die berühmte Zürcher Klinik Burghölzli, wo er wahrscheinlich C. G. Jung zum ersten Mal begegnet. Im folgenden Jahr heiratet Gross Frieda Schloffer. Wenig später hat er ersten Kontakt zu Freud. 1906 erhält er eine Privatdozentur an der Universität Graz für das Fach Psychopathologie.
Gross lebt an verschiedenen Orten - Graz, Ascona im Tessin, München - und hält sich in der Bohème und Anarchistenszene auf. Er tritt nicht nur für sexuelle Freiheit ein, sondern er lebt sie auch. 1907 hat Gross Beziehungen zu den beiden von Richthofen-Schwestern, Frieda und Else. Für Frieda von Richthofen bedeutet die Beziehung zu Gross die sexuelle Befreiung. Sie wird wenig später D. H. Lawrences Geliebte, dann Ehefrau. Ihre Schwester Else ist mit Gross' Frau Frieda befreundet. Beide Frauen, Else von Richthofen und Frieda Gross werden in diesem Jahr von Gross schwanger. Jede gebiert einen Sohn, den sie jeweils beide Peter nennen. Peter Jaffé stirbt bereits mit sieben Jahren an Scharlachfieber. Rilke, mit Else Jaffé befreundet, schreibt darüber ein Gedicht, Requiem auf den Tod eines Knaben. Im Herbst hat 1907 hat Gross eine weitere Beziehung zu einer Frau, der Schweizer Schriftstellerin Regina Ullmann, die später ebenfalls eine lange Freundschaft mit Rilke verbindet. Auch sie wird von ihm schwanger, ihre Tochter Camilla kommt im Juli 1908 zur Welt, aber da sind die Eltern schon längst nicht mehr zusammen. Camilla Ullmann lebt heute in Norddeutschland.
Im Herbst 1907 auf dem internationalen Amsterdamer Kongress für Neuro-Psychiatrie verteidigt Otto Gross die Hysterielehre Freuds und begegnet auch C. G. Jung wieder. Im Frühjahr des folgenden Jahres 1908 findet in Salzburg mit 42 Teilnehmern der I. Congress für Freud'sche Psychologie statt, der erste internationale psychoanalytische Kongress. Alle Großen der damaligen psychoanalytischen Welt kommen: Freud, Adler, Bleuler, Jung, Rank, Ferenczi, Stekel, Jones, Abraham, Brill - und auch Gross. Aber sein Name taucht nicht in Ranks Kongressbericht auf. Wir kennen das Thema seines Vortrages nur aus einem seiner späteren Aufsätze, wo er schreibt: „Ich habe [...] von der Perspektive gesprochen, die sich mit der Entdeckung des 'psychoanalytischen Prinzips' d.h. der Erschliessung des Unbewußten auf die Gesamtprobleme der Kultur und den Imperativ der Zukunft richtet. Es ist mir damals von Freud erwidert worden: Wir sind Aerzte und wollen Aerzte bleiben“. Dass Freud diesen zentralen Gedanken von Gross, die Anwendung psychoanalytischer Erkenntnisse auf die Analyse von Kultur und Gesellschaft ablehnt, trifft Gross schwer. Noch in der letzten zu seinen Lebzeiten nur einen Monat vor seinem Tod veröffentlichten Arbeit spricht er von der „Verdrängung letzter revolutionärer Konsequenzen [...] im genialen Entdecker der erschließenden Methode“. Für die junge Wissenschaft, die selbst um Anerkennung ringt, ist Gross mit seinen radikalen revolutionären Ansichten und seinem unorthodoxen Lebenswandel nicht tragbar.
Kurz nach dem Kongress macht Gross eine zweite Entziehungskur am Burghölzli. Er wird dort von C.G. Jung analysiert - und analysiert diesen selbst zeitweise. Aber nach drei Wochen bricht Gross die Behandlung durch Flucht aus der Anstalt ab. Jung teilt dem Vater von Gross seine Diagnose mit: Dementia praecox, Schizophrenie. Diese Diagnose wird für den Vater die Grundlage einer Serie von gerichtlichen Auseinandersetzungen, die viele Jahre andauern. Ziel des Vaters ist es dabei nicht nur, die Vormundschaft über Otto zu erlangen, sondern auch, ihm und seiner Frau das Sorgerecht für den Enkel Peter abzuerkennen, um auch ihn unter seine Erziehungsgewalt zu bekommen.
Otto Gross ist der erste in der Geschichte der Psychoanalyse, der mit diesem Etikett der Geisteskrankheit bedacht wird - ganz ähnlich wie die Dissidenten in der Stalinistischen Geschichtsschreibung. Eine solche Diagnose trifft wie ein Bannfluch in der Folgezeit so viele der besten analytischen Denker - Jung selbst, Sándor Ferenczi, Otto Rank, Wilhelm Reich -, dass man sie fast als eine Auszeichnung betrachten kann. Die - psychoanalytische - Revolution frisst ihre Kinder! Gross kehrt der bürgerlichen Welt den Rücken, verzichtet auf seine Privatdozentur und lebt ganz in der Bohème von München/Schwabing und Ascona. Dort plant er, eine Anarchistenschule zu gründen. Nach dem Selbstmord der Malerin Sophie Benz, mit der Gross zusammengelebt hat, wird Gross in der psychiatrischen Anstalt von Mendrisio interniert und kommt dann für mehrere Monate nach Steinhof bei Wien.
An den Schweizer Arbeiterarzt und Sozialisten Fritz Brupbacher schreibt Gross, dass er eine Zeitschrift für psychologische Probleme des Anarchismus herausgeben wolle. Er übt einen starken Einfluss aus auf die ganze expressionistische Generation seiner Schriftstellerfreunde Franz Kafka, Max Brod, Franz Werfel, Leonhard Frank, Karl Otten, Walter Hasenclever, Johannes R. Becher. Was sie alle eint, ist die Revolution des Neuen gegen das Althergebrachte - der Aufstand der Söhne gegen die Väter wird zu einer Losung dieser Generation. Und Otto Gross liefert dazu die Begründung in der tiefenpsychologische Theorie.
1913 geht Gross nach Berlin und schließt sich der Gruppe um die radikale Zeitschrift Die Aktion an. Mehrere seiner bedeutendsten Arbeiten werden hier veröffentlicht und Gross wird zu einer wichtigen Kraft im Berliner Dadaismus, besonders, was den Schriftsteller Franz Jung, und die Maler Raoul Hausmann, Hannah Höch und Georg Schrimpf betrifft. Aus der Perspektive des Vaters und Kriminologieprofessors Hans Gross in Graz ist das ein Leben in „bösen Verhältnissen“, wie er in einem Interview mit dem neuen Wiener Abendblatt im März 1914 sagt: „Gleichlaufend mit seinem unsteten Leben entwickelten sich seine Lebensauffassungen; sie begannen mit einer exaltierten Liebe für Tiere, daraus wurde ein immer entschiedener werdendes Eintreten für arme und unterdrückte Menschen, für Frauenemanzipation in extremstem Sinne, für freie Liebe, Mutterschaftsrecht und Unterdrückung des Vaterrechtes, für Kommunismus und endlich in natürlicher Folge für anarchistische Ideen“. Besonders in diesem Interview mit dem besorgten Vater wird deutlich: hier prallen zwei Welten aufeinander. 1901 hatte der Vater in einem Artikel die Frage der Todesstrafe für Anarchisten diskutiert. 1913 beschreibt er Kastration und Sterilisation bei jugendlicher Verwahrlosung und Kriminalität „nicht als Strafe, sondern als sichernde Maßnahme im modernen Sinne“.
Am 9. November dieses selben Jahres 1913 lässt Hans Gross seinen Sohn in Berlin überraschend verhaften. Ganz ähnlich wie Kafkas Roman Der Prozess beginnt: „Jemand mußte Josef K. verraten haben, denn ohne daß er etwas Böses getan hätte, wurde er eines morgens verhaftet.“ Gross wird unter Polizeischutz zur Grenze gebracht und zuerst in die Landesirrenanstalt Tulln bei Wien gebracht. Seine Freunde stehen ihm bei und organisieren eine internationale Kampagne zu seiner Freilassung. Die Aktion in Berlin und Revolution in München widmen dem Vorfall bereits im Dezember 1913 Sondernummern. Franz Pfemfert, Franz Jung, Ludwig Rubiner schreiben für Gross, sowie der französische Schriftsteller Blaise Cendrars aus Paris. Richard Dehmel berichtet in Die Aktion vom 17. Januar 1914: „Der Akademische Verband für Literatur und Musik in Wien ließ soeben ein Flugblatt drucken und in 10 000 Exemplaren verbreiten: 'Notschrei! Befreiet Otto Groß!'“. Da gewaltsame Befreiungsaktionen zu befürchten sind, wird Gross im Januar ganz an die Ostgrenze der Monarchie in die schlesische Landesirrenanstalt Troppau verlegt, nachdem die Anstalt Steinhof seine Aufnahme abgelehnt hat. Tatsächlich droht der anarchistische Schriftsteller Erich Mühsam in seiner Zeitschrift Kain: „Jedenfalls wird im Laufe der kürzesten Zeit eine sehr energische Aktion erfolgen müssen, um dem vergewaltigten Gelehrten, der, von aller Welt abgeschlossen, in der Irrenanstalt auf ein Eingreifen seiner Freunde warten mag, aus seiner entsetzlichen Situation zu helfen“.
Gross selbst gelingt es, einen Brief aus der Haft zu schmuggeln, den Ende Februar 1914 sowohl Maximilian Hardens Die Zukunft als auch die Zeitung Neues Wiener Abendblatt veröffentlicht. Er schreibt darin: „Eins [...] liegt gegen mich vor: daß ich mit der bestehenden Gesellschaftsordnung unzufrieden bin. Ob man dies als Beweis einer geistigen Störung betrachten kann, richtet sich danach, wie man die Norm der geistigen Gesundheit aufstellt. Nimmt man die Anpassung an das Bestehende als das Normale an, dann wird man die Unzufriedenheit mit dem Bestehenden als Zeichen geistiger Gestörtheit auffassen können. Nimmt man die höchste Entfaltung aller Möglichkeiten, die dem Menschen angeboren sind, als Norm und weiß man intuitiv und aus Erfahrung, daß die bestehende Gesellschaftsordnung die höchstmögliche Entwickelung des Einzelmenschen unmöglich macht, dann wird man das Zufriedensein mit dem Bestehenden als Unterwerthigkeit erkennen“. Otto Gross wird im Januar durch zwei Amtsärzte als wahnsinnig im Sinne des Gesetzes diagnostiziert. Seine Entmündigung wird empfohlen und vom k.k. Landesgericht Graz genehmigt. Sein Vater wird zu seinem Vormund eingesetzt.
Erst im Juli 1914 wird Otto Gross als geheilt aus der Anstalt in Troppau entlassen. Er geht zur Nachanalyse zu Wilhelm Stekel nach Bad Ischl. Bei Kriegsausbruch meldet er sich freiwillig als Arzt und arbeitet im Blatternspital des Franz-Josef-Krankenhauses in Wien. In den folgenden Kriegsjahren praktiziert er in verschiedenen Epidemie- und Garnisonsspitälern in Osteuropa: Ungvar, Vincovci in Slavonien und Temesvar im heutigen Rumänien. 1915 stirbt Hans Gross. Otto bemüht sich um Aufhebung der Vormundschaft - vergeblich. Andere Vormunde werden eingesetzt und das Grazer Gericht hält trotz einer Eingabe des derzeitigen Vormunds an der vollen Entmündigung wegen Geisteskrankheit fest. Wahrscheinlich im Zusammenhang mit seiner ärztlichen Tätigkeit lernt Otto Gross 1916 Marianne - auch Mizzi - Kuh kennen, die Schwester des Schriftstellers Anton Kuh. Im November wird ihrer beider Tochter Sophie geboren, die heute in Berlin lebt. Gleichzeitig gibt Otto Gross in diesen Kriegsjahren in Berlin mit einer Gruppe enger Freunde die Zeitschrift Freie Strasse heraus, die in sechs Nummern erscheint. Zur Gruppe gehören außer Gross die Schriftsteller Franz Jung, Richard Oehring, die Schriftstellerin Cläre Otto, die später Jungs Frau wird, und der Maler Georg Schrimpf. Auch Oskar Maria Graf veröffentlicht in der neuen Zeitschrift. Die erste Folge steht unter dem Motto: „Was suchst du Ruhe, da du zur Unruhe geboren bist?“
Bis zu seiner Wiederentdeckung als Wissenschafter und Revolutionär ab Mitte der 70er Jahre wissen wir von Otto Gross nur aus den häufig autobiographischen Erzählungen und Romanen seiner Schriftsteller- und Dichterfreunde. In einem der wenigen Nachrufe schrieb Otto Kaus in der in Wien erscheinenden Zeitschrift Sowjet über Gross: „Deutschlands beste revolutionäre Geister wurden durch ihn erzogen und unmittelbar befruchtet. In einer ganzen Reihe von Schöpfungen der jungen Generation findet man seine Ideen mit jener spezifischen Schärfe und weittragenden Konsequenz, die er ihnen verlieh, verarbeitet. Erich Mühsam, Franz Werfel, Leonhard Frank, Franz Jung sind durch seine Schule gegangen“. Und als Romanfigur ist Otto Gross in etliche Werke von Autoren wie Max Brod, Franz Werfel oder Johannes R. Becher u.v.a.m. eingeflossen.
Nach dem Weltkrieg lebt Otto Gross zeitweise bei seiner Mutter in Graz, dann wieder in Wien. Er reist viel, befindet sich in Prag, Wien, Budapest, Berlin. Mit seine wichtigsten Arbeiten entstehen in diesen letzten ruhelosen Jahren: Die kommunistische Grundidee in der Paradiessymbolik, Protest und Moral im Unbewußten, Zur funktionellen Geistesbildung des Revolutionärs. Die Drei Aufsätze über den inneren Konflikt erscheinen erst nach dem Tode von Otto Gross. Bei diesem inneren Konflikt handelt es sich um den, der das gesamte Leben und Denken von Otto Gross durchzieht und bestimmt und der auf jeweils verschiedenen Ebenen zum Ausdruck kommt. Er selbst schreibt: „Wir finden in der Tiefe des menschlichen Innern einen Konflikt, der die seelische Einheit zerreisst, wir finden, dass dieser Konflikt in jedem Menschen ist, dass diese seelische Zerrissenheit die ganze Menschheit durchzieht“. Es ist der Konflikt zwischen dem Eigenen und dem Fremden, wie Gross ihn selbst nennt, der sowohl innerhalb als auch außerhalb eines jeden von uns ausgetragen wird. Auf der zwischenpersönlichen Ebene findet er für Gross seinen Ausdruck am stärksten in den Auseinandersetzungen mit dem Vater, aber auch mit Freunden und in seinen Frauenbeziehungen wird er durchlebt und erlitten. Auf der gesellschaftlichen und politischen Ebene setzt sich der Konflikt für Gross fort im Kampf zwischen Patriarchat und Matriarchat. Auf der wissenschaftlichen Ebene ist es der Gegensatz zwischen den Natur- und den Geisteswissenschaften, zwischen Subjektivität und Objektivität, also auch zwischen Wissenschaft an sich und Kunst. Und im spirituell-religiösen Bereich ist es der Gegensatz zwischen dem männlichen Monotheismus und den Religionen der weiblichen Mutter- und Liebesgöttinnen.
Für Otto Gross münden diese Bestrebungen zu radikaler Veränderung in dem, was er die „Sexuelle Revolution“ nennt - Franz Werfel zufolge stammt der Begriff von Gross. Für ihn bezeichnet das den Ort, an dem individuelle und kollektive Befreiung einswerden können. In der Praxis ist das die Orgie. Verschiedene Autoren berichten, dass Gross in Ascona tatsächlich solche Orgien zelebriert haben soll.
Im Winter 1919/20 ist Gross wieder in Berlin. Der Freund Franz Jung schreibt über diese letzten Monate: „In fieberhafter Hast hatte er an seinen letzten Schriften gearbeitet. Das Gebäude stand vor seinen Augen aufgerichtet“ Und Jung berichtet auch „von den Unzuträglichkeiten, die mit der Abhängigkeit von Opium und Kokain verbunden sind. Es gehörte Phantasie dazu, zu Groß zu stehen. Später ist nicht ohne Bitterkeit ein Schuldgefühl zurückgeblieben, die Erkenntnis, daß es unmöglich geworden war, ihm zu helfen. Otto Groß [...] ist auf der Straße buchstäblich verhungert. Die Freunde können einmal und vielleicht noch ein andermal mit dem Revolver in der Hand Apotheken in der Nacht überfallen und Opium herausholen, aber das kann nicht zur Regel werden. Groß fühlte sich im Stich gelassen, hatte auch keine Kraft mehr, jemanden aufzusuchen und dort wieder für eine Zeit unterzukriechen“. Und über sein Ende: „Er hatte sich eines Nachts in einen unbenutzten Durchgang zu einem Lagerhaus geschleppt und ist dort liegengeblieben. Er wurde zwei Tage später aufgefunden. Eine Lungenentzündung, verschärft durch völlige Unterernährung, konnte nicht mehr behandelt werden. Er ist den Tag darauf [am 13. Februar 1920; Anm. G. H.] gestorben. Der Stern eines großen Kämpfers gegen die Gesellschaftsordnung - der Stern ist explodiert, erloschen, untergegangen; die Zeit war nicht reif“.