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hannes luxbacher | präambel

Ist es eine Tragödie? Ist es eine Komödie?

Wer konnte das wissen? Als sich die Redaktion Ende des vergangenen Jahres in Klausur begab, um das Leitthema für diese Ausgabe zu finden, standen die Wahlen knapp bevor. Als wir unser Thema dann gefunden hatten, war noch nichts davon zu verspüren, was seit dem 4. Februar über die Grenzen hinaus diskutiert wird. Jedenfalls waren wir alle bass erstaunt, als uns Andreas R. Peternell an jenem Abend, an dem es hieß, die alte Koalition würde ihr Wirken durch das Unterzeichnen der notwendigen Abkommen verlängern, erklärte, dass da noch nicht alles gegessen sei, und er wüsste das immerhin aus sehr verlässlicher Quelle. Zu Hause dann sollte sich, vor den Spätnachrichten sitzend, bewahrheiten, was unser Redakteur andeutete. Was weiterhin passierte, ist Ihnen wohlbekannt.
Die ursprüngliche Redaktionsintention war, das Thema des Widerlichen mit dem Widerständischen zu verketten, da nach der situationsgebundenen emotiven Reaktion, wenn also die Empfindung „widerlich“ zum Denkanlass wird, Vorgangsweisen des Re-agierens gefunden werden müssen, um das als widerlich Wahrgenommene zu bannen und/oder dagegen vorzugehen. Diese Absicht wurde plötzlich frontal mit der Aktualität konfrontiert, denn Widerstand wurde nach besagtem Datum ein omnipräsentes Schlagwort.
So stellte sich die Redaktion der zusätzlichen Herausforderung und hat versucht, ein buntes Bild auch zur politischen Situation zu entwerfen, das von tagesaktuellen Analysen abweicht und eine breitere Auseinandersetzung sucht. So mischte sich Stefan Schwar als einer von 60.000 unter die übrigen 240.000 und zeichnet die Geschehnisse der Februardemonstration nach, Wolfgang Gulis analysiert das Medienphänomen Jörg Haider und Herwig Höller wählte das politisch-moralische Gewissen als Thema und kommt zum Ergebnis, dass die Berufung auf - wenn auch anerkannte - alte Größen nicht immer der günstigste Reflex ist.
Neben der Auseinandersetzung mit der fast schon zynischen Horizonterweiterung, die uns das Gespann FPÖ/ÖVP geliefert hat und nach wie vor liefert, finden Sie aber auch Texte abseits der realpolitischen Thematik. Unter anderem spürt Hermann Götz den Bedeutungen von Dress-Codes nach, auch wenn er dabei die jahreszeitlich anfallende Detailanalyse von Bademoden bedauerlicherweise außen vor gelassen hat, und versucht sich Peter Iwaniewicz daran, das menschliche Jagdbedürfnis zu verstehen und 105817031966 beschreibt, was all jene erwartet, die es nicht schaffen, sich länger an ihrem Arbeitsplatz zu behaupten.
Besonders hinweisen möchten wir überdies auf das von Gottfried Heuer verfasste Kurzporträt von Otto Gross, welches zum einen belegt, dass Bedeutung und Rezeption nicht immer korrelieren müssen und zum anderen Zeugnis dafür ist, wie widerständisches Verhalten gegen alle in den Weg geräumten Widerlichkeiten Konstanz haben kann.
Neben den thematischen Texten können wir Ihnen Besprechungen zahlreicher literarischer Neuerscheinungen anbieten, und da das literaturbezogene Feld ohne literarische Originalität aber schon gar nicht auskommen kann, freuen wir uns, Ihnen exklusive literarische Veröffentlichungen von Elisabeth Wandeler-Deck, Andreas Domweber, Helmut Eisendle, Franzobel, Günther Freitag, Egyd Gstättner, Christian Loidl und Ferdinand Schmatz präsentieren zu können.
Wir hoffen, Sie delektieren sich an den gesetzten Schriftzeichen und an den Schildkröten, abgelichtet im Naturhistorischen Museum Londons.