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Rezensionen der Ausgabe 04 - widerlich

spülen sie mit

Pissen zwischen Wien und Paris

Peter Payer: Das Notwendige und das Nützliche. Eine Kulturgeschichte der öffentlichen Bedürfnisanstalten von Wien

„Scheißen und brunzen ist kunsten“, hat H. C. Artmann dereinst verlautbart. Manch zeitgenössischer Politiker, dessen in der analen Phase erlittenen Defekte und Dysfunktionen in diesem Zusammenhang zu analysieren interessant wären, hat von dieser Schule wohl noch nie gehört und muss sich deswegen permanent über Leute wie Cornelius Kolig beschweren. Jedenfalls hier etwas über zwei Texte, die den gesellschaftlichen Umgang mit dem heik... lesen


wirklich schad um das ejakulat

Spritziges über zwei Bücher der Edition Exil

Petra Lehmkuhl, Nikolaus Scheibner, Philip Scheiner: intakte mütter

Jetzt schreiben sie alle einen ziemlich flotten Stil, knallhart, anbetungswürdig banal, mit ein paar eingestreuten surrealistischen Tatsachen, ein paar Kleinigkeiten in Lebensgröße und, ohne viel Worte jede Menge Übertreibungen. Wolf Wondratschek, Männer und Frauen Im Hinblick auf das zu rezensierende Buch bleibt dem wenig hinzuzufügen. Ich tue es trotzdem. Warum, siehe ganz unten. Intakte Mütter, so der ange... lesen


sätze. schreiben. dichter

Über die Gegensätze von Eberhart Häfner & Ulrich Schlotmann, Petra Ganglbauer & Waltraud Seidlhofer, Eve Wood & Judith Fischer

Dieter Sperl, Paul Pechmann (Hg.): edition gegensätze 9-11

edition gegensätze betreibt Partnervermittlung. Gegensätze ziehen sich an, heißt es, und so werden gegensätzliche und weniger gegensätzliche Sätze nebeneinander gesetzt, gedruckt und ausgespuckt. Ästhetisch steht all das ganz bewusst im Gegensatz zum literarischen Mainstream. Suhe "... statt Hagebutten hätte ich rote Edelnutten aufs Brot geschmiert, nicht mancherorts Dornen, sondern Tatzen gefleckter Katzen, die meine Haut... lesen


weiteratmen! trotz allem

Bettina Balàka schnappt mal wieder Luft

Bettina Balàka: Der langangehaltene Atem. Roman

„The trick is to keep breathing“, empfehlen die Briten lakonisch, wenn jemand an einem Schicksalsschlag laboriert. Ein Tip, dem die Protagonistin in Bettina Balàkas neuem Roman, Der langangehaltene Atem, nur schwer nachkommen kann. „Ich rauche zuviel. Ich atme zuwenig.“ Atemlos versucht sie ihr Leben in den Griff zu kriegen. Nur langsam kommt man drauf, was ihr eigentlich den Atem nimmt. Vordergründig ist der Anlass, dass sie... lesen


schäfchenzählen

Kürzestbetrachtung zu Oswald Eggers ausufernder Lyrik

Oswald Egger: Herde der Rede. Poem

Herde der Rede. Poem heißt das neue Buch von Oswald Egger in der edition suhrkamp (die eine Hälfte davon zumindest, die andere, Der Rede Dreh. Poemanderm Schlaf, ist in der Edition Hohweg erschienen), und der Titel entspringt dem Inhalt direkter als erwartet. Der Schäfer heißt Poemander. Den Schäferhund hat er sich bei Proust oder Joyce ausgeborgt und lässt ihn vornewegtraben: "Jede Nacht, wenn ich Einschlaf suche (und mein Herz wacht... lesen


menschliches, allzumenschliches

Bernhard Setzwein zeigt, wie aus Meteorotropismus und Magenweh Philosophie entsteht

Bernhard Setzwein: Nicht kalt genug. Roman

„Mit der Frage der Ernährung ist nächstverwandt die Frage nach Ort und Klima. Es stehet Niemandem frei, überall zu leben - und wer große Aufgaben zu lösen hat, die seine ganze Kraft herausfordern, hat hier sogar eine sehr enge Wahl.“ Sieben Sommer über fährt der Professor also in den Engadin, wo er in Sils Maria ganz nah dem Dach der Erde sein hochstrebendes Denken großen Aufgaben entgegenträgt, denn „das Genie ist beding... lesen


ein seltsames paar

Sibylle Schleicher: Das schneeverbrannte Dorf. Roman.

Seit Jahrzehnten ist „das Dorf“ einer der wichtigsten Schauplätze der österreichischen Literatur, in allen Facetten wurde dieses scheinbar so bemerkenswerte Sozialgefüge bislang vorgeführt: als Inbegriff des Ewiggestrigen, als Unort schlechthin, als dunkle Seite des Mondes, auf welchem „die Dörfler“ ja bekanntlich leben, kurz: Das Dorf wurde den Lesenden ganz schön vermiest. Ein Resultat dieser inflationären Dorfbesessenh... lesen


ein kopfstand im luftleeren raum

Beiläufige Notizen zu Robert Riedls „Zum Abschied vom Vater“

Robert Riedl: Zum Abschied vom Vater. Die gefälschten Tagebücher des Robert Zivkovic

1. Robert Riedls Prosadebüt Zum Abschied vom Vater wird all jenen, welche Sprachfixiertheit als das wesentliche Merkmal der österreichischen Gegenwartsliteratur ansehen, einen neuen Beweis für die Richtigkeit ihrer Annahme liefern. Riedls Buch nämlich ist nichts als ein einziger 170 Seiten langer Wortrausch, in den sich der Autor mit allen Mitteln seiner Kunst versetzt, ist in vielen Passagen ein großes Metapherngefecht, aus wel... lesen


vom sprachsteirer

Steirer bellen, sagt der Restösterreicher. Dass das Steirische auch anderes zu bieten hat, ist auf der CD von Anna Nöst zu hören

Anna Nöst: mama, kimm he, mama.

Wer kennt es nicht, jenes Sprachspiel, dessen einziger Zweck darin besteht, ein Wort so lange zu wiederholen, bis es jeglichen Sinn im Kopf des Sprechers verloren hat und nur noch als reiner Klang übrigbleibt. Wassily Kandinsky brachte dies auf den Punkt, als er schrieb: „Das Wort ist innerer Klang.“ Anna Nösts innerer Klang scheint ein zutiefst steirischer zu sein, zumindest ist das Steirische, so wie es gerüchteweise heute noch... lesen


i will drive slowly

All that Jazz, aber bitte straff organisiert. Herbert J. Wimmers „auto stop. tempo texte.“

Herbert J. Wimmer: auto stop. tempo texte

Wenn der Augenblick so ruhig wird, dass man endlich die Stille findet, die man immer gerne hätte, dann kommt mitten in die Gegenwart des öfteren die Vergangenheit geplatzt und flätzt sich in ihr, manches Mal genüsslich und in einem natürlichen Hoch, mitunter in einer manierlichen Melancholie, ab und wann aber auch als Kolbenhub einer auszuwachsenden Depression. So geht's einem. Ab und wann auch anders. Auch der Text auto stop... lesen


realitätsdurchtränkt. eine schöne abwechslung

Eine Assoziation zu Lisa Spalts „leichte reisen von einem ende der erde“, inklusive einer Kindheitsreminiszenz

lisa spalt: leichte reisen von einem ende der erde

Zwei Rezensenten wohnen ach in meiner Brust. Sagt der eine: „Scheiße!, das tu ich mir nicht an“, dann sagt der andere: „Da muss was sein, was sich enthüllt bzw. enthüllen lässt.“ Die ansozialisierte Rezeptionsvorliebe: Geschichte Geschichte Geschichte kann auch nicht alles sein, andererseits: Wieso lese ich dann nicht gleich Abhandlungen philosophischer Machart? Gibt es einen ästhetischen Mehrwert hinter all den Konstruktio... lesen


der arme zettel, das kühle werk

Über Lucas Cejpeks Zettelwerkprojekt, das flüchtige Hinspritzen von Tintenkartuschen und die Sehnsüchte des heutigen Papiers

Lucas Cejpek (Hg.): Zettelwerk. Gespräche zu einer möglichen Form.

AutorInnen schreiben Bücher, weil sie nichts anderes können. Oder: AutorInnen schreiben Bücher, obwohl sie anderes können und sie dennoch nicht anders können. Keine Ahnung, ob das noch immer zu diskutieren wert ist, ich glaube aber nicht, und wenn, dann bitte ohne mich. Also dann zu etwas ganz anderem: Lucas Cejpek hat als Herausgeber jene Gespräche in einem Sammelband namens Zettelwerk. Gespräche zu einer möglichen Form vor... lesen


die kometen, auf denen ich gehe

Mit Uroš Zupan unterwegs zu den lichten (W)Orten slowenischer Lyrik

Uroš Zupan: Beim Verlassen des Hauses, in dem wir uns liebten. Gedichte. Aus dem Slowenischen von Fabjan Hafner.

Uroš Zupan, das ist neben Drago Jancar, Kajetan Kovic, Maja Vidmar und etlichen anderen ein weiterer Name, dessen Klang dem interessierten Lyrikleser unserer Breiten allmählich vertraut wird. Nahtlos schließt das neue Buch des 1963 geborenen Zupan, der als Autor und Übersetzer in Ljubljana lebt und arbeitet, an eine Reihe von Gedichtbänden und Beiträgen in namhaften Literaturzeitschriften an, die dem deutschsprachigen Leser neuerd... lesen