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sätze. schreiben. dichter

Über die Gegensätze von Eberhart Häfner & Ulrich Schlotmann, Petra Ganglbauer & Waltraud Seidlhofer, Eve Wood & Judith Fischer


Dieter Sperl, Paul Pechmann (Hg.): edition gegensätze 9-11

edition gegensätze: Graz 1997

Rezensiert von: hermann götz


edition gegensätze betreibt Partnervermittlung. Gegensätze ziehen sich an, heißt es, und so werden gegensätzliche und weniger gegensätzliche Sätze nebeneinander gesetzt, gedruckt und ausgespuckt. Ästhetisch steht all das ganz bewusst im Gegensatz zum literarischen Mainstream.

Suhe
"... statt Hagebutten hätte ich rote Edelnutten aufs Brot geschmiert, nicht mancherorts Dornen, sondern Tatzen gefleckter Katzen, die meine Haut am Schlangenarm in Fetzen gerissen; da kann ich nur lachen, dich runtermachen, dir ne Brille verpassen, denn der Aufstrich ist exakt deklariert, ist nicht rot, sondern braun wie Scheiße und heißt Nutella. Oder aber:
Wie sehr ich dich beneide, daß dich jemand gern hat. Die Marsbewohner erwidern unser Feuer aus großen Lichtkanonen. Ein Zufall will es, daß wir uns wiedersehen. Die Flamencotänzer hasten wie aufgezogenes Blechspielzeug über das blankgeputzte Parkett."

Zwei gar verschiedene Texte sind hier auf zirka 50 Seiten untereinander geschrieben. Eberhard Häfner hat stets die obere Hälfte inne, Ulrich Schlotmann die untere. Was die beiden verbindet, ist das fleißige Spiel mit Leersätzen und Worthülsen, die literarische Variation. Diese funktioniert in den zwei Texten jedoch auf sehr unterschiedliche Weise. Häfner wälzt eine rhythmische Wortlawine zum Thema Sex, wobei er sich durch assoziative Brücken (Säuren, Basen, weibliche Verwandte) und rap-artig geschleimte Auslautreime von Satz zu Satz weiter hantelt, Themen moduliert, überspringt und nieder rennt. Es ist eine mitreißende Prosaflut und ein spannendes Spiel flirrender Gedanken, wo bei viel Hirnstrom der Geist auf und abblitzt.
Selten findet sich ein Ausweg zu Schlotmann, ein möglicher Link zur unteren Seitenhälfte, wo insgesamt vierzehn Sätze in wechselnder Ordnung und spärlich verändert stets aufeinanderfolgen. Bemerkenswerte Sätze von zufälliger Schönheit, herausgepickt aus Werbung, Wissenschaft, Alltagsgerede und anderem - Splitter eben, Wortmüll à la Mikrowelle, Magengrube, Marsbewohner. Während Häfners Syntaxfetzen ausweglos am Partnertext vorüber hasten, stehen Schlotmanns Sätze ganz für sich. Ein feines Textpaar aber kein Spielraum, die beiden mit- oder gegeneinander zu lesen.

(K)ein Klang
Wenn das Schreiben sich keines gesuchten Inhalts annimmt, gerät es wie von selbst zum Schreiben über das Schreiben. Worte über Worte, Poesie der Poetik. Petra Ganglbauer und Waltraud Seidlhofer haben sich bei ihrem Schreiben zugesehen, den Raum ausgeleuchtet, der ihre Worte umgibt, haben versucht, Gedanken zum Klingen zu bringen oder wohltönenden Worten gedanklich hinterher zu hüpfen. Entstanden sind Fragmente und Fragen zu einer Poetik der gebrochenen Texte. Was rundum anfällt und auffällt, wird aufgenommen, abgeschrieben oder umgeschrieben und als Wortbild vor den Leser hingestellt. Wortbilder, das sind hier Ansätze konkreter Poesie, Abbildungen von Handschriften und Zeichnungen sowie poetisch deskriptive Textpartikel. In assoziativen Ketten führen Sätze zwischen Welt-, Text- und Selbstbetrachtung hin und her. Einmal ein Versuch schreibend, die zum Schreiben führenden Vorgänge der Wahrnehmung, Reflexion und Bearbeitung synchron festzuhalten, einmal ein Spiel mit dem Deuten und Bedeuten der Worte, die abfallen als Schrift. Dabei werden Sätze gelüftet, die sich sehen lassen: Ansätze zum ästhetischen Gegen-Satz.

Corespondence. Korrespondenz
Korrespondenz ist Austausch von Sprache. Und mehr als das. Korrespondenz passiert, wenn sich zwei Welten begegnen, um Worte zu wechseln. Eve Wood und Judith Fischer haben das vorexerziert. Gegenübergestellt wurden einander englische und deutsche Gedichte zu gleichen Titeln. Während die wörtliche Entsprechung der zweisprachigen Überschriften gewährleistet scheint, treten die dazugehörigen Texte als gänzlich unterschiedliche Varianten poetischer Praxis auf. Eve Wood ergeht sich in elegischen Langgedichten, Judith Fischer zwängt, was sie zu sagen hat, in wenige Zeilen, sucht komprimierten Sinn, verdichtete Sprache. Ergänzt wird der schmale Band durch (wortgetreue) Übertragungen der reduzierten Fischer-Texte ins Englische. So entsteht der Eindruck eines Stille-Post-Spiels, das dem Lesen, als einem Versuch musischen und lexikalischen Reizen nachzuspüren, entgegenkommt. „Dichtung erfahrbar machen“, könnte das heißen. Dichtung dichter erleben.

Titel:
Eberhart Häfner, Ulrich Schlotmann: Suhe. Graz, Wien: edition gegensätze 1998.
Petra Ganglbauer, Waltraud Seidlhofer: Lippenverreißung, (k)ein klang. Graz, Wien: edition gegensätze 1997. 
Eve Wood, Judith Fischer: Correspondence. Korrespondenz. Graz, Wien: edition gegensätze 1999.