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Kürzestbetrachtung zu Oswald Eggers ausufernder Lyrik


Oswald Egger: Herde der Rede. Poem

edition suhrkamp 1999

Rezensiert von: stefan schmitzer


Herde der Rede. Poem heißt das neue Buch von Oswald Egger in der edition suhrkamp (die eine Hälfte davon zumindest, die andere, Der Rede Dreh. Poemanderm Schlaf, ist in der Edition Hohweg erschienen), und der Titel entspringt dem Inhalt direkter als erwartet. Der Schäfer heißt Poemander. Den Schäferhund hat er sich bei Proust oder Joyce ausgeborgt und lässt ihn vornewegtraben: "Jede Nacht, wenn ich Einschlaf suche (und mein Herz wacht), pocht ein Bild an mein Kauern, in dem Wandentlang erscheint ein Geraum, und ich denke bei mir Bewandtnisse aus, Zustände, worin ich, mit anderen Worten, sein kann ..."

Der zusammengetriebenen Schafe gibt es hunderte. Heftige Interaktion greift Platz (der Begriff „Evolution“ sprengt die gewählte Metapher, sollte aber in diesem Zusammenhang vorkommen), und freundlicherweise verschont Oswald Egger den Leser vor einer knüppeldick lauernden Moral von der Geschicht' am Ende, es werden nur, demütig fast, Möglichkeiten aufgezählt .

Möglichkeiten und deren vegetative Verknüpfung zu einer Einheit im/als Bewusstsein oder in dessen Vorfeld scheint als prosaische Abstraktion des Konzepts hinreichend zu sein. Dementsprechend besteht ein Gutteil des Textes aus einem (äußerst gelehrten) Monolog der Natur, der am lyrischen Ich vorbeirauscht und dieses mit mehr oder weniger großem Erfolg zu zerrupfen sucht. Vorschläge für Benennungen der Situation des Hirten/der Herde/der Welt/etc., mögliche Maskeraden, Idole werden angesichts des mit Vernunft nicht mehr bewältigbaren Sturmes vorgebracht und/oder erprobt. 

Obwohl der Sturm dem unbedachten Leser zunächst als Lüfterl vorkommt. Präzise, ohne prätentiös zu werden (außer, wo das Sinn macht), in einer Bildersprache, die Schulung fordert - und solchermaßen schult: Alleine die symbolträchtigen Bäume und Blumen sind Legion, und das Grünzeug bildet ein unentwirrbares Dickicht, würde Egger sich nur auf deutbare Requisiten als Ausdrucksmittel verlassen. Dass er das nicht tut - und die Art, auf die er die Bedeutungsebenen miteinander verschränkt - rettet sein Poem davor, in geheimnisvollem Raunen zu erstarren. 

Die Bewegung der poetischen Lämmerherde läuft nicht nach dem hegelianischen Prinzip, zumindest nicht der Gesamtanlage nach, oder anders gesagt: These-Antithese-Synthese zur Verbindung von Bildern bzw. Ideen kommt nur zum Einsatz, wenn es sich aus den Topoi so ergibt, ist hier also dankenswerterweise einmal nicht der billige Fugenkitt, wenn „da noch was kommen muss“.

Dass die Kritik Egger zum Beispiel „Verkündigungspathos scharf an der Grenze zur Selbstparodie“ vorwirft, scheint zwar auf den Umstand zurückführbar, dass man „heutige“ Lyrik, die pro Werk auf mehr als 20 Zeilen kommt und ihre Zitate zudem vornehmlich aus dem Feld der klassischen humanistischen Bildung - horribile dictu - nimmt, einfach nicht gewohnt ist (und trotzdem kein Rezensent bei einem solchen Werk den ersten Stein mit der Aufschrift „gestrig“ werfen möchte), ist meines Erachtens nach aber reichlich überzogen. Da war T. S. Eliot schon wesentlich pathetischer. Und - um ein vergleichbares Werk herzunehmen - Pounds Cantos sowohl pathetischer als auch kryptischer. 

Weiterer Buchtitel: 
Oswald Egger: Der Rede Dreh. Poemandern Schlaf. Zürich: Edition Hohweg 1999.