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wolfgang fössl | schiffbrüche im heimathafen

Zwei Versuche, das Widerliche zu beschreiben

Erster Versuch
Das Widerliche tritt immer spontan auf. In ganz gewissen Momenten affiziert es unser Innerstes. Alle Versuche, menschliche Reaktionsmuster auf Erfahrungen des Widerlichen zu beschreiben, müssen Widerstände konstatieren; Widerstände, die uns die Außenwelt entgegenstellt und Widerstände, die in uns selbst wirksam werden. Widerlich bedeutet daher, dass uns ein innerer oder äußerer Widerstand hinderlich wird, und wir infolgedessen aus unserer Alltags-Routine geworfen werden. An solchen Widerständen kann sich unser Innerstes andererseits auch vergegenständlichen. Erst die Überwindung eines - als widrig empfundenen - Hindernisses lässt unsere bewussten Handlungen vom Hintergrund monotoner Routine-Handlungsabläufe hervortreten, weshalb gerade diese bewussten Handlungen von uns reflektiert werden können.
Das Widerliche transformiert unsere kognitiven und emotionalen Strategien aus dem Routine-Modus in den Alarm-Zustand. Einige dieser Transformationen sind überlebenswichtig, etwa wenn unser Organismus den Mageninhalt, nach Konsum „widerlicher“, giftiger Pilze, erbricht oder unsere psycho-physische Einheit den Organismus nach lang andauerndem, „widerlichem“ Distress mehr oder weniger lahmlegt, wie es Selye beschrieben hat. Andere Transformationen täuschen eine elementare Bedeutung bloß vor.
Wie auch immer, unsere Affektlogik beginnt in jedem Falle zu arbeiten. Emotionale Ur-Muster wie Ekel, Zorn, Angst etc. werden ausgelöst. Übertragungen dieser starken Affekte auf uns nahestehende Sorgen-Kinder, auf ungelöste Probleme laufen im assoziativen Bereich des Gehirns parallel ab. Ein affektives Lauffeuer breitet sich aus, und unsere Vernunft arbeitet gleichsam auf Notstromschaltung, das heißt, nur mehr die zum Überleben elementarer Krisen notwendigen Funktionen werden ausreichend innerviert.
Je länger solche Prozesse andauern, desto weniger bewusste Handlungen können zur Überwindung von Widerständen gesetzt werden, und umso weniger wird über das Geschehen rund ums eigene Handeln reflektiert. Solche Prozesse münden bestenfalls in einer Enttäuschung („bestenfalls“ v.a. aus dem einen Grund, weil ein „Ende mit Schrecken“ angenehmer erscheint als ein „Schrecken ohne Ende“).
Aber manche Enttäuschungen geschehen zu spät. Insbesondere kollektive Täuschungen verzögern infolge epidemischer Massenphänomene eine darauffolgende Ent-täuschung aufgrund des ihnen innewohnenden Trägheitsmomentes nachhaltig. So forderten die beiden letzten Weltkriege des vergangenen Jahrhunderts von unseren Vorfahren Millionen Tote, bis viele Menschen ent-täuscht erkennen mussten, dass sie mitgeholfen hatten, einmal für „Kaiser, Gott und Vaterland“ und das andere Mal für „ihren Führer“, ihre Heimat zum Schlachtfeld werden zu lassen.
Das Ausmaß unserer Reaktionen auf das Widerliche hängt schließlich von mehreren Faktoren ab. Einerseits von der Art des Widerstandes und der Dauer seiner Darbietung, andererseits von unseren gespeicherten Erfahrungen im Umgang mit Widerständen in der Vergangenheit sowie von unseren persönlichen, kulturellen Zielen und Zwecken, an denen wir unsere Handlungen orientieren können.

Zweiter Versuch

Das Widerliche erzeugt eine innere Gestimmtheit, die sich unserem Erleben als Flaute oder als Orkan ankündigen kann. Folgende zwei Reaktionsbildungen, bzw. Erwiderungen auf solche Stimmungsbilder, sind in der Folge häufig anzutreffen:

Suche einen Hafen, der Dir Schutz gewährt vor den heftigen Stürmen und genug Ruhe, um auf ein Zeichen zu warten, das Dir Deinen weiteren Lebensweg weisen wird!
Schütze Dich, wenn ein Gegenangriff im Moment keinen Sinn macht. Aber bedenke, dass Dein Zaudern als Schwäche ausgelegt werden kann. Zeige deshalb vermehrt Stärke!

Nun mag es freilich Ausnahmen in der Wirkung oder in der Interpretation der Wirkung dieser hormonal-nervösen Vorgänge, die unser Erleben steuern, geben. Ausnahmen von den soeben beschriebenen Decodierungen. Ausnahmen, die vergleichbar wären mit sogenannten Schiffbrüchigen, die bereits die Kontrolle über ihr Steuer verloren haben, die nur mehr darauf warten können, wohin sie gespült werden und schließlich - mit Fortdauer des Zustandes - auch diese Tatsache scheinbar vergessen, sodass ein rettender Hafen, selbst wenn er aus der Ferne von ihnen noch wahrgenommen werden könnte, nicht real sein kann für sie, denn vielleicht handelt es sich - wie sie schon so oft erfahren mussten - um eine Projektion ihrer Wünsche, um eine Halluzination?
Aber was bedeutet schon real für einen Schiffbrüchigen? Was assoziiert ein Gestrandeter in spe mit real? Seine vergangenen Desaster oder die mögliche, aber noch immer unwahrscheinliche Rettung? Denkt er überhaupt? Nimmt er noch alles wahr? Das sind Ausnahmefälle, bedauerlich zwar im Einzelfall, aber dann doch nicht die Mehrzahl, und der wollen wir uns jetzt zuwenden.
Für die Mehrzahl der Menschen bietet ein Hafen Sicherheit, Geborgenheit und Unterhaltung. Auch wenn dieser Anspruch nicht von allen ein Leben lang gehalten werden kann, kommen von denen, die dem Heimathafen irgendwann einmal den Rücken gekehrt haben, später viele wieder heim. Außer Naturhäfen, die heutzutage eher selten geworden sind, steuern die meisten künstliche Häfen an, das sind von Menschenhand geschaffene Häfen. Deswegen sammelt sich dort für gewöhnlich der größere Anteil der Menschheit. Je mehr Menschen in solchen künstlichen Häfen leben, desto mehr Bedürfnisse und desto mehr Geschäftsmöglichkeiten entwickeln sie, umso größer wird die Nachfrage, umso höhere Grundstückspreise werden verlangt. Infolgedessen werden die Parzellen, Wohnungen und Geschäfte den zu Wohlstand gekommenen Heimkehrern angeboten, die haben sich das auch verdient. Aber nicht jeder Heimkehrer ist reich geworden. Nun, es gibt ja auch einfachere und dadurch billigere Unterkünfte. So findet sich auch dafür eine Verwendung, und der nicht zu Wohlstand Gekommene freut sich, dass auch er einen Unterschlupf gefunden hat. Die Daheimgebliebenen hätten alles alleine aufgebaut, sie hätten sich alles wohl verdient. Es wäre nicht leicht gewesen, sagen sie. Aber es habe sich gelohnt, sagen wieder andere.
Eine Hand könnte solchermaßen die andere waschen, und keine bliebe letztendlich von Schuldgefühlen befleckt, wären da nicht auch noch jene Unglücklichen, die weder woanders ihr Glück gemacht haben, noch Heimkehrer im klassischen Sinn genannt werden können. Sie sind auch keine durchreisenden Touristen. Sie wurden unglückseligerweise von der Unbill des Schicksals angeschwemmt. Diesen Hafen wollten viele gar nicht erreichen. Doch nun waren sie hier, ohne Hab und Gut. Dabei wäre ohnehin wenig Platz, sagen die Daheimgebliebenen.
Es wären inzwischen mehr Menschen hier, als jemals geplant gewesen sei, sagen die Vertreter der Daheimgebliebenen in der für den Hafen zuständigen Regierung. Sie sagen auch, dass die vielen Menschen, die sie die Ehre und Pflicht haben zu vertreten, das einfach nicht mehr so hinnehmen wollten. Jetzt ginge es endlich einmal um Lösungen, um echte Lösungen, kündigen sie wortstark in ihren politischen Versammlungen an. Außerdem wäre die momentane wirtschaftliche Situation nicht gerade günstig für abenteuerliche Sozial-Experimente.
Ein Hafen müsse schließlich Sicherheit bieten. Das wäre schon immer so gewesen, das müsse auch so bleiben, vor allem wenn die Mehrheit es weiterhin so wünsche. Jedem und allen könne ein Hafen alleine nicht das erhoffte Glück bringen. Viele Verwandte und Bekannte hätten in der Vergangenheit sogar selbst gehen müssen, oft gegen ihren Willen, das sei für Häfen geradezu typisch, und deswegen beinhalte der Wunsch nach echten Lösungen keine pauschale Ablehnung der Schiffbrüchigen, was für ihren Hafen sowieso untypisch wäre, sagen die Vertreter der Regierung in der Öffentlichkeit.
„Für“ etwas einzutreten, inmitten einer Hafen-Gemeinschaft, ist meist Privatsache. Meer und Wind formen Gesicht und Persönlichkeit individuell aus. So leben schließlich die verschiedensten Persönlichkeiten in einem Hafen, und jede hat ihre persönlichen Interessen. In einer so bunten und pluralistischen Gesellschaft ist die Erweiterung der Kais des einen und die Verbesserung des Verkehrsproblems des anderen Interesse. Selten haben zwei Hafenbewohner das gleiche Interesse, und rasch wird ein Engagement für dies von einem Engagement für jenes abgelöst.
Wider das Bedrohliche zu sein, das die Sicherheit scheinbar gefährdet, damit notgedrungen wider den anderen zu sein, von dem die Bedrohung ja ausgeht, einigt einen bunten Haufen freier Menschen. Freiheit ist plötzlich wieder ein Wert, und noch dazu einer, der jeden persönlich betrifft. Ich bin so frei, meine Freiheit zu verteidigen und lasse mir auch nicht von anderen diese Freiheit nehmen, bedeutet neben aller Selbstbezüglichkeit vor allem, dass es ein Individuum gibt, das so denkt und dementsprechend zu handeln gewillt ist. Also mit Descartes gesprochen: „Cogito ergo sum“.
Plötzlich haben Matrose und Käpitän, Seemann und Landmann, ja Mann und Frau ein gemeinsames, existentielles Interesse. Jetzt rührt sich was, jetzt werden Grenzen überschritten. Aufbruchstimmung macht sich breit. Jemand stimmt den Hafen auf neue Lieder ein. Der Vorsänger sei gut, sagen die Massen. Er hätte ein Ohr für die richtigen Noten. Seine Liedtexte seien klar und einfach zu singen und erzeugten dabei einen überwältigenden Rhythmus, bei dem man einfach mit müsse. So etwas habe es schon lange nicht mehr gegeben im Hafen, versichern die Alten.
Und so baden viele ihren Verstand in ihrer Erregung, bis er zu ertrinken droht und lassen ihre Erregung in der allgemein verständlichen, kleinformatigen Hafen-Zeitung beschreiben, solange bis keiner mehr Argumente für und wider sein Denken und Handeln sammelt, weil Bewegungen nach einiger Zeit keiner Begründung bedürfen. Massenbewegungen folgen archaischen Gesetzmäßigkeiten. Was sich bewegt wird als Bewegung erlebt, und was nützt schon Nach(!)-Denken, wenn sich sowieso alles so rasch verändert. Heutzutage hieße es vielmehr, aufmerksam zu sein, die Veränderungen nicht zu verschlafen, aufs Ablegen wartende Schiffe nicht zu versäumen, hören die Hafenkinder in ihren Schulen.
Widerlich ist somit - in einem allgemeineren Sinne -, wenn die Decodierung einer hormonal-nervösen Nachricht, als Reaktion auf spontane Widerlichkeiten des Alltags, ein scheinbar eindeutig wahrnehmbares Bild erzeugt, das mit seiner fast magisch zu nennenden Wirkung uns so leicht glauben lässt, wir wüssten zugleich, was wir wahrnehmen.
Und wenn solchermaßen mehrere Menschen zugleich ein und dasselbe Bild zu erkennen glauben, wenn also mehrere Sichtweisen im Groben übereinzustimmen scheinen, dann drängt sich den Beteiligten nur allzu leicht das Gefühl von Gewissheit auf. Dies behindert - abgesehen davon, dass es einen denkenden Menschen höchst anwidert - die notwendige Aufarbeitung von Widerständen.
Anstelle einer oft mühsamen Reflexion vorhandener, eigener Widerstände, ergötzt sich die Masse lieber an Bildern, die etwas zu erklären scheinen, was zu klären nicht immer einfach erscheint.