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selbstbilder kommen mir immer wahnhaft vor

werner schandor | selbstbilder kommen mir immer wahnhaft vor

Gespräch über die widerliche Wirklichkeit mit dem davon angeekelten Schriftsteller Günter Eichberger

„Je mehr ich über mich nachdenke, desto rätselhafter werde ich mir.“ Günter Eichberger, von dem dieser Satz stammt, muss sich vor fünfzehn Jahren noch einigermaßen klar über sich gewesen sein. Seit seinem ersten Buch Der Wolkenpfleger (1988) dürfte es aber bergab gegangen sein mit jeglicher Art der Selbsterkenntnis. Denn das Ich als Thema sowie das Porträt, die Biographie als dazugehöriges Genre ziehen sich als roter Faden durch die Werke des 40jährigen Steirers. Aufgeknäult ist dieser Faden erneut im jüngsten Prosabuch Gesicht aus Sand. Die unauthorisierte Autobiographie, so der Untertitel, stellt in phantasmagorischen Szenefluchten auf zugespitzte Weise wieder einmal die Fragen nach Ich und Wirklichkeit und der literarische Realisierung des Ichs. Gesicht aus Sand wirkt, als wären Groucho Marx, Woody Allen und die Monthy Pythons - die genannten treten auch alle im Buch auf - gemeinsam an einer fiktiven Autobiographie eines höchst erfolgreichen Schriftstellers gescheitert. Abgesehen davon, dass das Ich zum Zeitpunkt der Niederschrift bereits tot ist, wie es behauptet, muss es noch von einem atemberaubenden Leben voll von Höhe-, vor allem aber Tiefpunkten berichten. Der Grundtenor des Buches: Was auch immer fix und unumstößlich erscheint - Leben, Leiden, Lieben -, der genaueren Prüfung durch eine funkensprühende Dichterphantasie hält es nicht stand. Dabei, so Eichberger in einem Gespräch, das im Folgenden auszugsweise wieder gegeben ist, zähle Gesicht aus Sand zu seinen weniger grotesken Texten.

Selbstbeschreibung ist immer wieder ein wichtiges Thema für Dich. Was fasziniert Dich an Biographien und Porträts?
Der Ausgangspunkt, darum habe ich das auch in Gesicht aus Sand an den Anfang gestellt, war Materialien zu einem Lebenslauf zu sammeln. Ich bin davon ausgegangen, dass man sich selbst literarisch entwerfen kann. Dass man ein imaginäres Selbstporträt machen kann. Weil über mich, in diesem konkreten oder alltäglichen oder realistischen Sinn, schreibe ich ja so gut wie nie. Ich versuche immer, jemanden zu erfinden, den nenne ich Ich, und wie viel das jetzt mit dem Eichberger als konkreter Person zu tun hat, das ist gar nicht so leicht zu entscheiden. Auch für mich nicht. Ich möchte beim Schreiben einen Irritationseffekt erzielen, dass der Leser nicht weiß, was ist jetzt erfunden, was beruht auf Erfahrung unter Anführungszeichen? Und das Erfahrene und das Erfundene - dieser Unterschied wird eigentlich aufgehoben in dem Buch. Darum ist es mir gegangen, das Authentische zu parodieren, dieses Konzept des Authentischen, dagegen bin ich ursprünglich sehr stark angegangen.

Was stört Dich am Konzept des Authentischen?
Ich glaube, dass es schlichtweg nicht funktioniert. In dem Moment, wo du beginnst, über etwas zu schreiben, findet schon von der Sprache her eine derartige Stilisierung statt, dass das einen Eigencharakter gewinnt, eine eigene Wirklichkeit wird, die sich von dem Beschriebenen zwangsläufig entfernt. Wobei, wenn man dann genauer hinschaut, finde ich, dass die Menschen sehr stark in Vorstellungen leben. Nicht nur die professionellen Erzeuger von Fiktionen, sondern auch die anderen. Das sieht man sehr oft. Selbstbilder kommen mir immer wahnhaft vor. Und wenn die Menschen durchdrehen, wenn sie wahnsinnig werden, dann sieht man, wie die Vorstellungen sich verselbstständigen und wie dominant die Vorstellungen im Bewusstsein eigentlich immer sind.

Wo liegt der Akzent in Gesicht aus Sand? Die Problematik des Authentischen ist ja auch sehr stark in Deinen anderen Büchern, beispielsweise in Ich Fabelwesen, ausgeprägt.
Wenn man die Bücher vergleicht, dann, glaube ich, ist Gesicht aus Sand weniger abgehoben. Es hat mehr Alltagsbezug als alles, was ich bisher geschrieben habe. Es hat auch als Satire mehr Bezug zu allem möglichen, zu Jack Unterweger im Anspielungsbereich, oder die Geschichte aus der Psychiatrie, wo die Therapeutin ihren Patienten befreit hat, das habe ich auch nicht erfunden, das ist ein berühmter Fall, den habe ich da verwendet - und alles mögliche.

Wie ist Dein Verhältnis zum Film oder zu einem Plot oder zu einer konventionellen Erzählung? - Deine Texte sind dem Konventionellen immer sehr entgegengesetzt.
Ich weiß gar nicht. Ich finde, Gesicht aus Sand ist erzählerisch das Traditionellste, was ich gemacht habe. Insofern als mehr oder weniger fortlaufend erzählt wird. Der Vorgang dieses fortlaufend Erzählens wird aber parodiert mit diesen ganzen ironischen Einschüben: „Wie könnte das weitergehen?“, „Jetzt weiß ich nicht weiter ...“ usw. usf. Das sagt er hin und wieder, der Erzähler. Ich finde, dass ich mich auf eine parodistische Weise dem angenähert habe. Ich war immer der Meinung, das ist ein populäres, leicht lesbares Buch. Das finde ich heute auch noch. Zum Film: Naja, jetzt irgendeinen stringenten Plott zu erzählen ist sicher nicht mein Revier.

… Das sei Dir zu langweilig, hast Du einmal geschrieben …
Das ist mir zu langweilig oder das liegt mir einfach nicht oder ich kanns nicht. Alle Realisten oder Traditionalisten würden natürlich sofort auf Unvermögen tippen. Ich habe jetzt einmal probiert, relativ traditionell zu erzählen, aber das gleichzeitig zu parodieren.

Vieles von dem, was Du als mögliche Biographie entwirfst, ist dermaßen absurd, dass es als Erweiterung des Möglichkeitssinns erscheint: Der Unmöglichkeitssinn.
Der Unmöglichkeitssinn - so heißt auch ein Kapitel in meinem ersten Buch Der Wolkenpfleger. Da habe ich das überhaupt auf die Spitze getrieben, während ich bei Gesicht aus Sand in einem Rahmen bleibe, der zwar grotesk ist, aber für meine sonderbaren Begriffe gar nicht ins Totale geht. Es ist alles mögliche davon eigentlich erlebbar, also nicht nur unmöglich, nicht nur phantasmagorisch. Es wird der Hauptfigur sehr übel mitgespielt, und das gibt es bei Künstlerbiographien auch. Bei mir ist das der höhnische Bezug auf das Authentische, wo der Marktwert oder der Name des Künstlers oft genau an sein konkretes Erleben geknüpft ist. Ob das Jean Genet ist, der eingesperrt war, oder zu Jack Unterweger, wo sich die Begabung meines Erachtens sich im ausgelebten Sadismus erschöpft hat … Da gibt es viele Anspielungen auf konkrete Künstlerschicksale. Die werden halt übertrieben oder überzeichnet.

Und Dein Bezug zum Absurden oder Grotesken generell?
Der ist sehr stark. Von meinem Lebensgefühl her habe ich mich dem Absurden sehr verwandt gefühlt, seit ich in einer Schulaufführung in Judenburg Die kahle Sängerin gesehen habe, das war 1970 oder 1971. Da habe ich mir gedacht: Na so ist es ja wirklich! Das ist diese Form von Geschwätz, die man wirklich hört, wenn man genau zuhört. Und das wird nur übertrieben. - Das war mein Einstieg ins Absurde, aber das ist etwas, das immer schon in mir angelegt war. Ich glaube auch, dass die Absurden vom Lebensgefühl her alle verwandt sind.

Was nährt dieses Lebensgefühl aktuell?
Naja, das ist etwas, das über der Aktualität steht. Das ist eine Erfahrung, die man als Kind macht. Eine dieser Erfahrungen - ich weiß nicht, ob man das eine absurde Erfahrung nennen sollte - ist im Buch zum xten Mal wieder beschrieben. Das ist eine - unter Anführungszeichen - authentische Erfahrung von mir, das ist die Erfahrung, nicht wirklich zu sein. Das habe ich zuerst mit den dürren Worten versucht, die ich jetzt etwa gebracht habe. Und dann habe ich es mit Fichte noch einmal versucht: Letzter Versuch über die Unwirklichkeit. Da gibt es eine Stelle bei Fichte, die mir wie ein Kommentar zu manchem, was ich schreibe, vorkommt. Das habe ich paraphrasiert. Und so habe ich dieses Erlebnis, das für mich als Kind sehr erschreckend war - und ich stehe seither sowieso unter einem Schock, könnte ich jetzt sagen, ohne groß auf Lustig machen zu wollen - das habe ich versucht, da wieder einmal zu beschreiben. Es gelingt natürlich nie - zum Glück oder zum Unglück. Es ist eine Panikgeschichte, die man sprachlich schwer fassen kann.

Dieses Empfinden kommt immer wieder?
Das habe ich irritationsweise praktisch täglich seit ich sechs, sieben Jahre alt bin. Eine Gefühl der Unwirklichkeit oder ein starkes Gefühl der Irritation. Nur dass es mich nicht mehr in dem Maße ängstigt, das ist der Unterschied.

Deine Autobiografie ist aus einer schier rauschhaften Abfolge von Szenen aufgebaut. Wie ist Dein Verhältnis zum Rausch?
Ich habe ein sehr gutes Verhältnis zum Rausch. Meine ersten Rauscherlebnisse, von denen weiß ich heute, dass sie durch Endorphine ausgelöst worden sind. Und zwar ist das durch Schreiben passiert, durch stundenlanges Schreiben, wo ich in eine Art Rauschzustand hineinkam. Das Schreiben hat mich immer stark euphorisiert. das ist heutzutage nicht mehr ganz so, weil ich halt konzentrierter oder professioneller arbeite, weil ich einfach alt und ausgelaugt bin, wahrscheinlich - nein -, … aber das war als Kind sehr stark. Ich glaube auch, dass ich deswegen weitergemacht habe, immerfort und ohne je wirklich aufzuhören. Weil es einfach so ein tolles Gefühl erzeugt, wo man sich auch sagen kann: was kümmert mich das Bestehende, wenn ich auch diese Möglichkeit über das Gehirn habe.

Günter Eichberger: Gesicht aus Sand. Die unautorisierte Autobiographie. Aus dem österreichischen Deutsch von Erich Bünteggerer. Klagenfurt, Wien: Ritter 1999.