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spülen sie mit

Pissen zwischen Wien und Paris


Peter Payer: Das Notwendige und das Nützliche. Eine Kulturgeschichte der öffentlichen Bedürfnisanstalten von Wien

Edition Löcker: Wien 2000

Rezensiert von: hannes luxbacher


„Scheißen und brunzen ist kunsten“, hat H. C. Artmann dereinst verlautbart. Manch zeitgenössischer Politiker, dessen in der analen Phase erlittenen Defekte und Dysfunktionen in diesem Zusammenhang zu analysieren interessant wären, hat von dieser Schule wohl noch nie gehört und muss sich deswegen permanent über Leute wie Cornelius Kolig beschweren. Jedenfalls hier etwas über zwei Texte, die den gesellschaftlichen Umgang mit dem heik­len Ort des Wasserlassens erhellen können.

Stellen Sie sich vor, Sie spazieren in Wien über den Stephansplatz. Da kommt von einem Platzende her ein Mann geschlendert und hält auf einen anderen zu, in dessen Händen sich folgendes befindet: ein Eimer in der einen und ein rundes Metallgestänge samt aufgezogenem Stoffteil in der anderen. Die beiden treffen sich recht mittig am Platz, tauschen ein paar geschäftige Worte, woraufhin der eine Herr das Stoffgehänge in Empfang nimmt, es sich über den Kopf zieht, sodass nur noch derselbe hervorschaut, derweil der andere Mann den Eimer von seinem Deckel befreit, ihn auf den Boden stellt, woraufhin der erste sich dortselbst, also recht mitten am Stephansplatz, daraufsetzt und unter hinterlassen so manch feiner wie unfeiner Begleiterscheinungen seine Notdurft verrichtet. Günther Brus? Joseph Beuys? Ein Nestbeschmutzer? Nichts da! Vor gar nicht allzu langer Zeit war das ein Szenario, das städtisch genehmigt, sogar gefördert war, um das öffentliche Austreten und Defäkieren in den Griff zu bekommen. Sogenannte Buttenmänner und -frauen zogen durch die Wiener Straßen, um das wilde Urinieren/Defäzieren einzudämmen, da neben der penetranten Geruchsbelästigung auch die Angst gestiegen war, dass sich Infektionskrankheiten ausbreiten könnten. Die Stadt Wien unternahm verschiedene Versuche, Anstandsorte zu errichten und installierte Pissoirs jedmöglicher Konstruktionsweise, ehe endlich die der Anatomie der Wiener Männer entsprechendste gefunden werden konnte. Die Frauen wurden wieder einmal weitgehend vernachlässigt. Probleme, die uns heute absurd erscheinen, damals aber, auch wegen der nahenden Weltausstellung, zu einem pinkeligen Problem geworden waren. Der Autor Peter Payer geht in seinem Buch Das Notwendige und das Nützliche der Kulturgeschichte der öffentlichen Bedürfnisanstalten Wiens nach und zeichnet ein gar nicht so spannungsfreies Bild von der Etablierung der Notdurftanstalten. Von der Gründung einer „Pissoir-Kommission“ erfährt man da, von revolutionären Öl-Systemen, die den Gestank trockener Anlagen endlich beseitigten, von Toiletten erster und zweiter Klasse, davon, wie das Verrichten der Notdurft seinen langen Gang in das Unterirdische antrat, weil es nach einer langen Phase der nonchalanten Akzeptanz - was Hunde heute dürfen, durften einmal auch Menschen - auf den unausgesprochenen Index in der Öffentlichkeit nicht geduldeter Verhaltensweisen gesetzt wurde. (Übrigens: In Graz gibt es einen Verein, der Hundeausscheidungen in der Nähe eines Parks mit kleinen Fähnchen markiert. Etwas ungustiöse Tätigkeit zwar, aber sehr unterstützenswert.) 

Auch heute noch sind öffentliche Toilettenlagen eher kein ergiebiges Gesprächsthema, obschon in letzter Zeit ein eindeutiger Trend zu beobachten ist, der die Anlagen aus dem Eck der gebannten Verschwiegenheit holt und eindeutig von einem architektonischen Gestaltungstrieb geleitet ist. Vorbei die Zeit der funktionalen Zweckmäßigkeit, jetzt kommt die gestalterische Phase, wo Klobrillen mit eingelassenen Blumen, Latrinenwände samt geschütztem Monitor - sehr tolle Einrichtung, auch wenn ich einen angeschlossenen Videorecorder und Wahlvideos vorschlagen möchte, sodass man seinem meistgehassten TV-Unsympathler ... aber lassen wir das - und springbrunnenartige Trennwände sich ihren Platz erobern. Die Beschallung des „stillen Örtchens“ kennt man ja schon länger, was mitunter ja gefallen mag, fallweise aber zu unfreiwilligen Disharmonien führt, etwa wenn sich das Geräusch aus der Nebenkabine mit Simon & Garfunkels The Sound of Silence duelliert, oder aber die Darmtätigkeit völlig lahmgelegt wird, oder ist ihre Peristaltik auf Technogetöse anpassbar? 

Dagmar Fedderke kann man auf ihrem Streifzug durch Pariser WCs begleiten, und die Geschichten, die sie neben den schon erwähnten architektonischen Raffinessen erzählt, sind gelegentlich über die Maßen unterhaltsam, was angesichts der Materie nicht a priori gegeben sein muss. Öffentliche Toilettenlagen unterscheiden sich von den privaten ja auch dadurch, dass sie nur für eher kurze Zeit aufgesucht werden. Ich vertrete ja die Theorie des Sitzrefugiums, die besagt, dass die Sitzdauer direkt proportional zur Anzahl der MitbewohnerInnen steigt, noch stärker, wenn die Anzahl der anderen Räumlichkeiten sinkt. Ein Beispiel: Ein Bewohner oder eine Bewohnerin einer Wohnung, die/der kein eigenes Zimmer hat, sitzt länger auf der Toilette als ein Bewohner/eine Bewohnerin derselben Wohnung, wenn diese von ihm/ihr alleine bewohnt wird. Die Toilette als Refugium, als Ort, wo man alleine und unbeobachtet ist, die unmittelbare Intimsphäre (deshalb hat sich ja selbst in hardcore-Wohngemeinschaften das Aushängen der Klotüren nur kaum durchsetzen können).

Was in Summe noch fehlt, ist die optimale Vernutzung der umgestalteten, hypermodernen Anstandsorte. Ein Vorschlag: Edgar Wibeau, die Hauptfigur in Ulrich Plenzdorfs Die neuen Leiden des jungen W. hat auf der Toilette jener Hütte, die er nach seiner Sozialdesertation bezogen hat, Bekanntschaft mit Goethes Werther gemacht, obschon er selbst das ja nie erfuhr, weil er das Titelblatt an diesem Ort einer praktischeren Anwendung zuführte. Warum also nicht Literaturbildungsurlaub auf der Toilette anbieten? Einige literarische Texte, die sich dafür eignen könnten, würden einem schon einfallen: Vom Winde verweht etwa, Kontrolliert (Rainald Goetz) für Big Brother-AnhängerInnen, Die Ausgesperrten (Elfriede Jelinek) für die Wartenden, Der See (Gerhard Roth) für all jene, die bloß urinieren, Das Duell (Peter Weiss) oder Der kurze Brief zum langen Abschied (Peter Handke) für all jene mit Verstopfung, bzw. nach dem Ende des Toilettengangs Das Gesamtwerk (AutorIn beliebig).

 

Weiterer Titel:
Dagmar Fedderke: Pissing in Paris. Reiseführer und Miniaturgeschichten mit Fotografien von Baxter. Tübingen: konkursbuch 1994.