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vom sprachsteirer

Steirer bellen, sagt der Restösterreicher. Dass das Steirische auch anderes zu bieten hat, ist auf der CD von Anna Nöst zu hören


Anna Nöst: mama, kimm he, mama.

Extraplatte 2000

Rezensiert von: stefan schwar


Wer kennt es nicht, jenes Sprachspiel, dessen einziger Zweck darin besteht, ein Wort so lange zu wiederholen, bis es jeglichen Sinn im Kopf des Sprechers verloren hat und nur noch als reiner Klang übrigbleibt. Wassily Kandinsky brachte dies auf den Punkt, als er schrieb: „Das Wort ist innerer Klang.“ Anna Nösts innerer Klang scheint ein zutiefst steirischer zu sein, zumindest ist das Steirische, so wie es gerüchteweise heute noch zwischen Unterbergla und Obersaifen, zwischen Großklein und Groß St. Florian zu vernehmen ist, Ausgangspunkt und Material ihrer CD mama, kimm he, mama

Die Titel der CD sind dementsprechend allesamt steirische Sprachminiaturen: Im Wirtshaus, auf dem Marktplatz oder in der Buschenschank Gefundenes, Versatzstücke des Alltäglichen, werden gesammelt und neu arrangiert, Wiederholung ist eines der vorrangigsten Gestaltungsmittel: „Ha? Ha? Ha? Wos host g'sogt? Ha?“ - Sätze wie „da Fraunz is Graz g'fohrn“ oder „am liabsten warat i a Henn, de sie nix scheißt“ kommen einem schon beinahe wie ausgefeilte Perioden vor. Anna Nöst freilich weiß, was und wovon sie spricht: Der Schnabel, der da so behend und mühelos diph- und triphtongierend durch die Zeilen steirert, muß wohl ebendort gewachsen sein! Dass es die Autorin aber auch versteht, dem kernig-öligen Inhalt eine passende Form zu verleihen, macht die CD auch für den Nicht-Dialektologen interessant und hörenswert. Keinesfalls hat man es also bloß mit einer verkappten „Rettet den Dialekt“-Aktion zu tun. Denn was da auf den ersten Blick so beliebig und aufgeschnappt daherkommt, erweist sich bei mehrmaligen Hören als abwechslungsreiche und auch unterhaltsame Zusammenstellung von poetischen Momentaufnahmen. Kleine poetische Akte werden sorgsam inszeniert und von Anna Nöst unter Ausreizung aller sprachlichen Möglichkeiten - gemeint sind Tonhöhe, Sprechmelodie etc, also das, was der Dialektologe Prosodie nennt ... - wiedergegeben. Einzig die von Wolfgang Pollanz von Zeit zu Zeit hineingezwängte Musik wirkt ein wenig unmotiviert, aber sei's drum, derlei elektronische Improvisationen sind in „Muttis Wohnzimmer“ (was auch immer sich dahinter verbergen mag), wo das ganze laut CD-Hülle aufgenommen worden sein soll, erlaubt. 

A propos poetischer Akt: Es wäre müßig, darauf hinzuweisen, dass der Dialekt schon weitaus früher für die Literatur „erfunden“ wurde, H. C. Artmann und Co. haben dies bereits vor Jahrzehnten auf eindrucksvolle Weise vorgeführt. Hinzuweisen wäre aber auf Reinhard P. Grubers Typologie des Steirermenschen. Dort fehlt nämlich einer, und Anna Nöst hat ihn nachgeliefert: Es ist der alle in sich vereinende Sprachsteirer. Sein Soundtrack liegt jetzt zum Nach- und Hinhören vor.