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von kriegen und duellen

wolfgang gulis | von kriegen und duellen

Ganze Heerscharen von Journalisten haben sich schon daran versucht, ihn zu entlarven, ihm zu widerstehen, ihm Einhalt zu gebieten

Manche posaunten es öffentlich hinaus, „wie sie es ihm geben werden“. Das Ergebnis war meist das gleiche; wenn nicht die öffentliche Blamage, so doch das Scheitern des Vorhabens.
In den folgenden etwas mehr als 9.000 Zeichen soll es um die immer wiederkehrenden frucht- wie erfolglosen öffentlichen Auseinandersetzungen zwischen JournalistInnen und Jörg Haider gehen.
Haider als Medienprodukt - und nur das soll hier von Interesse sein - ist zum entwickelten Markennamen geworden. Ein perfekt konzipierter Prototyp, ein Idealtypus. In den letzten 15 Jahren weiter entwickelt und ausprobiert; ausschließlich für die spezifische österreichische Medienwelt geschaffen, abgestimmt auf die Grundparameter von moderner Informations- und Medienkommunikation. Umgrenzt von den Bedingungen des Marktes, also der Spezifika Kronen Zeitung, Presseförderung und ORF, von der Parteienlandschaft und der Sozialpartnerschaft, der Eigenart der österreichischen Psyche mit all den historischen Belastungen und Verdrängungen sowie des spezifischen Berufsbildes JournalistIn und dessen Kultur. All diese Umgrenzungen wären für sich Kapitel einer größeren Vermessung, die vermutlich das Phänomen verständlicher machen könnte, hier aber nicht Platz haben.
Ich möchte bei meiner Betrachtung bei Haider-Interviews bleiben, die eine seltsame immer gleichlaufende Entwicklung nehmen. Seit Auftauchen Haiders versuchen JournalistInnen ihm ans Leder zu rücken und sind, sobald sie das denken, bereits im System verheddert. Mit dieser Einstellung haben sie sich innerlich auf einen „Kampf“, auf einen „Krieg der Worte“ eingestellt. Nur, die Regeln sind nicht von ihnen, die hat das System aufgestellt, und Haider hat sie sich zunutze gemacht. Denkbar ungünstige Bedingungen für ein Duell, bei dem der eine schon mit dem Rücken zur Sonne steht und der andere nur mehr den Platz einnehmen kann, bei dem er in die Sonne blicken muss. In einem Interview mit Haider gibt es einen Sieger und einen Verlierer.
Das Medienzeitalter spielt diesen populistischen Formen des politischen Infotainments in die Hände. Der Markt ist an Quoten und Marktanteilen interessiert und damit sind Tabubrüche aller Art, Skandale, öffentliche Dispute überlebenswichtig. Gibt es sie nicht, so müssen sie „gemacht werden“.
Das Produkt Haider ist für den Markt geschaffen. Daher ist er aggressiv, rücksichts- und skrupellos, überschreitet Tabugrenzen, nutzt für sich alles aus, was ihm nützen und anderen schaden kann. Weiß also, dass seine Behauptungen nicht belegt werden müssen, dass Diffamierungen, zwar rechtlich beanstandet, sich vor Gerichten aber jahrelang hinziehen und ihm egal sein können. Auch ein Todesurteil, ausgesprochen vom Sheriff von Nottingham, tat der Popularität von Robin Hood keinen Abbruch.
Die hilflosen und fast erbarmungswürdigen JournalistInnen und ReporterInnen tun brav ihren Job und hoffen doch auch, dass gerade sie es sind, die Haider entzaubern können. „Das wäre doch den Pulitzer-Preis wert, oder?“ Sie bereiten sich inhaltlich vor, überlegen sich sinnvolle und kritische Fragen, probieren es mit „in die Enge treiben“, mit „Widersprüche aufdecken“, bleiben hartnäckig und fühlen sich dem kritischen Journalismus verpflichtet - eine durchaus lobenswerte Entwicklung. Sie hinterfragen, was Haider so locker aus dem Handgelenk schüttelnd in die Mikrofone und Kameras sprach. Doch es hilft nichts, weil das Medium die Skandalisierung braucht, weil sie - als InterviewerInnen nur eine Nebenrolle zugeschrieben bekommen haben, in der sie die Stichwortgeberfunktion erfüllen und das Duell spielen, damit es keine One-Man-Show ist. Ihr persönlicher Wunsch nach Profilierung korreliert wunderbar mit dem Wunsch Haiders nach einem Gegner und dem Wunsch des Mediums nach Einschaltquoten und Erhöhung der Auflage. Mit Haider machen alle ihr Geschäft, auch die, die gegen ihn sind.

Umformuliert und eingelernt

Sich auf solcherart „Kampf, Krieg und Duell“ einlassend, sind die Auftritte Haiders näher betrachtenswert. Da ist einmal eine Form von aggressiver „Oberhandtechnik“. Die Frage der JournalistInnen dient lediglich zum Einstieg. Dem Inhalt der Frage, der ja zumeist auch „kritisch“ und tendenziell unangenehm ist, wird aus dem Weg gegangen, indem in wenigen Sätzen der Rahmen umformuliert und zum Gegenangriff geblasen wird. Letztlich ist die Frage egal, weil jede willkommen ist, denn sie dient ja nur dazu, auf das zu sprechen zu kommen, was in weiterer Folge in eingelernten Stehformeln vorbereitet wurde.

Ein jüngeres Beispiel zur Verdeutlichung: Ein Interview von Johannes Fischer in der ZIB 2 kurz nach Zustandekommen der blau-schwarzen Regierung. Fischer fragt Haider, wo jetzt gespart werde, bei den Reichen oder bei den Armen? Schließlich habe er, Haider, vor den Wahlen ja angekündigt, dass sich alles ändern würde und er immer für die fleißigen und tüchtigen Österreicher eingetreten sei.

Haider antwortet darauf nicht, sondern formuliert innerhalb zweier Sätze das Thema zum Angriff um und beginnt, die Privilegien der Sozialversicherung zu thematisieren. Fischer bleibt ruhig, beginnt aber zu insistieren und hakt sich beim Thema fest. Gemäß der zuvor skizzierten Voraussetzungen eine durchaus übliche Form des Verlaufes. Schließlich glaubt Fischer ja, er habe die Kontrolle über das Gespräch, und somit müsse er doch eine Antwort zu seinem vorgegeben Thema bekommen.

Haider verschärft die Gangart, bleibt nicht nur bei seinem Thema, sondern wechselt auch noch die Ebene des Gesprächs. Auf die Beharrlichkeit Fischers reagiert Haider mit noch mehr Aggressivität und greift jetzt den ORF selbst an. Auch der ORF würde beim Thema Privilegien nicht verschont bleiben. In der Boxersprache hat Haider damit einen schweren Körpertreffer gelandet. Fischer reagiert, muss reagieren. Denn er kann sich ja schließlich nicht das Interview aus der Hand nehmen lassen, sich von Haider missbrauchen lassen, und außerdem muss er den ORF verteidigen.

Gemäß dem System und dem geplanten Verlauf reagiert Fischer und befindet sich damit auf der Verliererstraße. Fischer ist sozusagen in „Haiders Gass´n“. Der Angriff hat auch deswegen Wirkung gezeigt, weil Haider in Fischers selektiver Wahrnehmung herumbohrt. Mit den Privilegien beim ORF hat Johannes Fischer auch einen Vorwurf an sich selbst heraus gehört. Durchaus möglich, dass die Wortwahl Haiders sogestalt war, dass dies mittransportiert wurde. Auf jeden Fall war ein etwaiger Vorwurf so formuliert, dass je nach Wahrnehmung verschiedene Inhalte hineininterpretiert werden konnten.

Nächster Schritt der Eskalation und Strategie: Fischer ist aufgewühlt und kommt in Rage. Er beginnt sich zu rechtfertigen und spricht über seinen Sondervertrag, der nichts mit Privilegien zu tun habe. Damit wird nicht nur der Eindruck erzeugt, dass Haider etwas wisse, was die ZuseherInnen nicht wissen, weil Fischer sich ja verteidigt. Und allen wird - bewusst oder unbewusst - deutlich, wer hier die Führung des Gespräches inne hat, und wer auf die Verliererstraße eingebogen ist. Die ursprüngliche Frage ist nebensächlich geworden, nunmehr geht es um Privilegien in den Sozialversicherungsträgern und beim ORF - die Themen, die Haider präsentieren wollte. Das Produkt Haider hat optimalen Werbeeffekt entwickelt und sein Image voll bestätigt: er gegen die Privilegienritter. Seine Botschaften sind transportiert worden, es gibt keinen Fleck auf der Weste der Regierung, und er musste auch die Frage, wem sie jetzt das Geld wegnimmt, nicht beantworten. Haider kann im letzten Drittel seinen Sieg genießen und sich ruhig zurücklehnen. Fischer wird noch mit einem Nebensatz - „Na san's doch net so ang'rührt“ - gedemütigt. Wer da als Sieger aus dem Ring steigt, ist völlig klar. Das System funktioniert auch indirekt. Haider muss also nicht live sprechen. Es reicht, wenn er in Klagenfurt die vermeintlichen Privilegien der Arbeiterkammer angreift. Die Mechanismen bleiben die gleichen. Gleich dem Pawlowschen Hund, der - wie bekannt - auf gewisse Geräusche oder Gesten, die Futter signalisieren, mit Hunger und Einspeicheln antwortet, reagiert auch die Öffentlichkeit in Österreich und mittlerweile auch Europa auf Haider. Der Kommunikationspsychologe Friedemann Schulz von Thun hat in den siebziger Jahren ein mittlerweile zum Standardwerk avanciertes Buch Miteinander reden geschrieben. Im zweiten Teil seines mittlerweile zur Trilogie ausgebauten Werkes beschreibt Schulz von Thun verschiedene Kommunikationsstile. Ein Stil - der aggressiv entwertende - scheint Haider zum Vorbild gehabt zu haben: „Von dieser feindseligen Stimmung erfasst, sind wir darauf aus, unserem Gegenüber offen oder versteckt etwas anzutun, was ihn klein, schuldig oder wertlos erscheinen lässt ... Die Grundpose ist: Du bist schuld!“

Das Medienprodukt Haider hat sich in den letzten fünfzehn Jahren weiterentwickelt. Zumindest in diesem Bereich ist die Haider-Werbemaschinerie absolut modern. Jede neue Gesprächstechnik, jede neue Erkenntnis der Pädagogik, der Psychologie oder der Kommunikationswissenschaften wurde aufgesaugt und für deren Zwekke benützt. Haider hat die moderne Kampfrhetorik perfektioniert. Gleichzeitig scheint es, dass die Seite der Medien und der JournalistInnen weiterhin mit untauglichen Bedingungen, Mitteln und Techniken versucht, Robin Hood zu bekämpfen.

Wirksame Gegenstrategien gegen Haider und gegen die Entwicklung insgesamt müssten viel detaillierter diskutiert und wissenschaftlich fundierter erarbeitet werden, aber eines scheint evident: Die kulturellen und ökonomischen Rahmenbedingungen lassen ein Ausbrechen aus dieser Interview-Zwickmühle derzeit nicht zu, denn dann müsste zum Beispiel gar ein/-e ReporterIn einen Tabubruch begehen und die Kommunikation selbst zum Thema machen.

Zum Abschluss noch ein kleiner Trost, sie kennen sicher den Ausgang der Geschichte: Robin Hood besiegt zwar den Sheriff und heiratet Marianne, aber König wird er nicht.