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weiteratmen! trotz allem

Bettina Balàka schnappt mal wieder Luft


Bettina Balàka: Der langangehaltene Atem. Roman

Droschl: Graz, Wien 2000

Rezensiert von: werner schandor


„The trick is to keep breathing“, empfehlen die Briten lakonisch, wenn jemand an einem Schicksalsschlag laboriert. Ein Tip, dem die Protagonistin in Bettina Balàkas neuem Roman, Der langangehaltene Atem, nur schwer nachkommen kann. „Ich rauche zuviel. Ich atme zuwenig.“ Atemlos versucht sie ihr Leben in den Griff zu kriegen. Nur langsam kommt man drauf, was ihr eigentlich den Atem nimmt. Vordergründig ist der Anlass, dass sie nach einer kurzen Affäre von einem Mann namens Max verlassen wurde. Irgendwann erfährt man aber, dass es nicht wirklich um Max geht, dass es auch schon eine Reihe Erichs, Kurts usw. gab, kurzum: dass die Beziehungskiste keine Tragödie, sondern eine Banalität ist. In tieferen Schichten brütet die Protagonistin über zwei anderen Themen: die Frage nach der (weiblichen) Identität und - auch nicht ohne - die Frage nach dem Tod. Beide aus einer radikalen Position betrachtet, die oft an die Todesarten-Texte von Ingeborg Bachmann erinnern, jedoch ohne sich dem Bachmann'schen Todestaumel hinzugeben.

Doch halt, fangen wir von vorne an. Wir wissen bisher nicht einmal, wie die Protagonistin heißt, und sie scheint es selbst nicht zu wissen. Fest steht: Ihr Familienname lautet Graziani, und sie ist Malerin. Sie wohnt allein in Wien, und für einen unbekannten Auftraggeber, der mit ihr via E-Mail kommuniziert, zeichnet sie im naturhistorischen Museum ausgestellte ausgestopfte Tiere ab. Ihre beste Freundin Isabella lebt im Süden Frankreichs und berichtet - ebenfalls über E-Mail - von einer heißen Affäre. Ihr bester Freund Alfred versucht, mit gutgemeinten Ratschlägen aus diversen Lifestyle-Magazinen mehr Farbe in das Leben der Graziani zu bringen. Außerdem macht er sie mit Venezuela, einer Transsexuellen, bekannt. Diese empfiehlt einen Namenswechsel: „So eine Namensauffrischung, glaub mir, tut Wunder, wie ein neues Kleid, eine neue Lebensauffrischung.“ Doch Namen hat sie bereits genug: Agnes, Aurelia, Annamaria, Anna, Astrid und Alabaster-Allerliebste wird sie abwechselnd genannt. Die wechselnden Namen teilt sie mit Frank Wedekinds Lulu. Und: „Da gibt es doch diesen Mythos, wonach man über einen Dämon erst dann Macht bekommt, wenn man seinen richtigen Namen kennt“, erinnert sich Venezuela.

Dämonen scheint es im Leben der A. Graziani genug zu geben: Die Einsamkeit, der Tod, die seelische Abgestorbenheit, wofür die Porträts ausgestopfter Tiere eine wunderbare Metapher sind. Grazianis unbekannter Auftraggeber erkundigt sich auch nach ihren Alpträumen. Er möchte an den Schreckensseiten ihres Lebens teil haben. „Ich sehe Sie vor mir“, antwortet ihm die Malerin, „vom Leben abgeschnitten, von genügend Geld genügend gelangweilt, ein Vampir, der sich von den Intimitäten anderer nährt, weil ihm der Mut zu wirklichen Berührungen fehlt.“ In dieser Beziehung - zwischen Auftraggeber und Künstler - tut sich ein großer Interpretationsspielraum auf: Wie sieht eigentlich das Verhältnis zwischen Leser und Autor aus? Nochmals an Bachmann gedacht: Ist nicht der Schauder, der einen beim Lesen eines seelischen Todeskampfes befällt, auch nur die Sehnsucht des Blutsaugers, in fremde Alpträume einzudringen?

Bettina Balàka webt in ihrem Roman aus Traumsequenzen, Briefwechseln und Gesprächen ein ebenso dichtes wie leichtes, elegantes Netz an Hinweisen. Langsam zieht es sich über den Leser, während sich die Protagonistin langsam daraus befreit. Max - anfangs der Urquell ihres Leidens - spielt ab der Mitte des Buches keine Rolle mehr. Stattdessen wird die große Atemlosigkeit zum Thema. Dem Zugrundegehen aus Kurzatmigkeit gilt es zu entgehen. Das Bild, wie Graziani den Ausweg findet, ist schön: Für eine Inszenierung von Alban Bergs Lulu wird jemand gesucht, der den Todesschrei der Lulu am Schluss des Stückes ausstößt. Die Malerin ist bei der Probe anwesend, weil Alfred die Kostüme für die Inszenierung macht. „Ohne genau zu wissen, was ich tat, holte ich plötzlich tief Luft - und schrie!!!!! Ich vergaß mein Gesicht, meinen Kopf, meine Augen. Ich stieß mich ab wie eine Rakete, ich sah ein Licht, das sich in Kristallen, in Prismen, in strahlenfangenen Spiegeln bis zur äußersten Helligkeit lud.“

So erleichternd diese Befreiung für die Protagonistin ist, so unzufrieden auf der einen und glücklich auf der anderen Seite lässt sie den Leser zurück. Zu plötzlich tritt die Katharsis durch den fingierten Todesschrei ein. Alle Probleme, die während des Buches angerissen wurden, alle dunklen Wolken, die über dem brütenden Haupt der Malerin hingen, scheinen nicht (auf) gelöst, sondern einfach nur weggestoßen zu werden. Doch andererseits ist man froh, dass die Malerin ihren Atem wieder gefunden hat. So kommt letztlich die Lakonie, die das ganze Buch unterschwellig durchzieht, zu ihrem Recht. Es ist genau so leicht, wie die Briten behaupten: „The trick is to keep breathing.“

Trotz der Irritation am Schluss stellt Bettina Balàka mit diesem Buch einmal mehr klar, dass sie nicht nur eine würdige Nachfolgerin von Ingeborg Bachmann wäre, sondern auch, dass sie eine der sprachbegabtesten und spannendsten jungen Autorinnen Österreichs ist.