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widerlich - eine reminiszenz

georg gartlgruber | widerlich - eine reminiszenz

Der Grusel beim Horrorfilm kann als kathartische Erfahrung erlebt werden, der Tritt in den Hundehaufen nicht.

Siebente Klasse AHS am Sommerbeginn, da zog ich ein Heftpflaster von einem meiner Finger und klebte es mir auf die Rückenlehne meines Sessels. Es war wohl ein Ausdruck des jedem Teenager bekannten, unzensierten und unbewussten Strebens nach Individualisierung und kreativer Gestaltung, obwohl damals hätte ich nach meinen Beweggründen gefragt, wohl bloß mit den Achseln gezuckt. Ein Klassenkollege fragte nicht, sondern fing bloß zu schreien an: „Das ist WIDERLICH!“ Es war nicht mal vollgeblutet, ja nicht mal angeblutet. Es war im Grunde noch so rein, wie jene Heftpflaster, die David Lynch manchmal für seine Gemälde benutzt. Aber David Lynch hätte diesem Cowboy-Stiefel tragenden, blondierten Reiche-Eltern-Sitzenbleiber wohl auch nicht behagt.

Widerlichkeit hat zwei Gesichter. Meine Kunst ist deine Widerlichkeit. Dein erotischer Schmuck ist meine Widerlichkeit, aber das sind nur Kinkerlitzchen, die Freude am grausigen Schaudern, sozusagen. Stellen Sie sich bitte vor, eine menstruierende Vagina oral zu befriedigen. Denken Sie daran, dass in Ihrem Fuß ein Insekt seine Larven abgelegt hat, und diese beginnen nun aus ihrem wärmenden Nest, Ihrem Fuß, auszubrechen. Erinnern Sie sich an die nassen, bedrückenden Küsse, die Sie zu allen Gelegenheiten von Ihrer übergewichtigen Großtante bekamen. Wissen Sie nun, was widerlich ist? Wann ist Ihr Knackpunkt erreicht? Widerlich ist eine sehr persönliche, subjektive Sache. Jeder bekannte soziologische, psychologische und politische Aspekt, der auch beim Heranwachsen von Bedeutung ist, spielt hier eine Rolle. Bart Simpson fotografiert seinen Hintern, die Tochter von Roseanne Connor speichelt Lebensmittel in ihrem weit offenen Mund ein, in den Abendnachrichten werden die Opfer einer Brandkatastrophe in Großaufnahme gezeigt. Da wir fast unsere gesamten Erfahrungen aus Medien ziehen, stellen diese im Bereich des Widerlichen ebenfalls einen bedeutenden Faktor dar.

Immer noch Teenager-Zeit. Irgendwie landete ich wieder mal uneingeladen auf einer dieser Reichen-Kinder-Partys, in einem zum Party-Keller umgebauten Pferdestall einer Herrenvilla in Praternähe. Kein Alkohol in Sichtweite. Was für eine Party ist denn das hier? Irgendwie habe ich dann doch eine Flasche Bier ergattert und nach dem ersten Schluck sprach ein Mädel am Tisch: „Jetzt ist er bestimmt gleich betrunken!“ Und erst die Blicke. Aus denen sprachen Ekel und Abscheu. Wieder mal war ich widerlich. (Vielleicht wurde ich später wegen meines Unvermögens von ein paar Schlucken Bier betrunken zu sein, als unverbesserlicher Alkoholiker und Spiegeltrinker angesehen. Das weiß ich nicht.)

Der angewiderte Schauder ist eine Instant-Emotion, aber nicht von Dauer. Sie lässt sich zu leicht unterdrücken. Tatsache ist, dass wir dieses Gefühl brauchen, weil es uns eine Grenze anzeigt. Und an Grenzen halten wir uns ja nur zu gerne fest. Wir haben ja auch sonst nur wenig emotionelle Stützen. Zugleich hat Angewidert-Sein auch etwas mit Hass zu tun, und wie sähe das Leben ohne Hass aus? Wenn Sie mich fragen, was mich anwidert, so fragen Sie mich, was ich hasse, und wo sollte ich da beginnen, um alles in einem Bogen einzufangen? Und würde ich je ein Ende finden? Wahrscheinlich würde ich Sie nach einiger Zeit bloß anwidern. Aber manche unter Ihnen geben sich gerne dem Schauder des Widerlichen hin. Filme wie Cannibal Holocaust, Gesichter des Todes, Teil 1-6 und Amerika bizarr, Teil 1-3 finden sich in mehr Videotheken als dem Kulturministerium lieb sein kann. Oder ist hier doch mehr das Bildungsministerium gefragt? Wie ist aber eine auf Zelluloid oder Magnetband gebannte Hinrichtung mit einem riesigen, sich aufwölbenden und knallgelben Eiterpickel auf der eigenen Stirn zu vergleichen? Und worin unterscheidet sich das Gefühl des Aufdrückens einer solchen vulkanösen Hautunreinheit von der Entdeckung der Leiche bei Aktenzeichen XY? Kurz und gut: Was unterscheidet qualitativ das real Widerliche vom nur medial transportierten Widerlichen? Vor allem lässt das medial Transportierte psychologische Distanz zu. Die Abendnachrichten kann man mit einem Zungenschnalzen abtun, den Pickel auf der eigenen Stirn nicht. Der Grusel beim Horrorfilm kann als kathartische Erfahrung erlebt und genossen werden, der Tritt in den Hundehaufen nicht.

Ich kenne viele Kotzgeschichten und Anekdoten über Alkoholmissbrauch. Auf einem privaten Ski-Kurs wurden zwei Jungs im volltrunkenen Zustand auf Video gebannt: Lallen, Hinfallen hysterisches Lachen, Ankotzen, Aufstehen, Hinfallen, und so weiter. Am nächsten Abend war dieser Film das Abendprogramm. Viele fanden es lustig, aber ich fand den völligen Verlust über die eigene körperliche und geistige Kontrolle widerlich. Die restliche Zeit am Schikurs habe ich dann weniger getrunken und darauf geachtet, umso ruhiger zu werden, je betrunkener ich war. Und dann ins Bett. Auf diesem Schikurs wurde auch ein Mädel, das den Fehler gemacht hatte, im betrunkenen Zustand Sex zu haben und dann im Bett dieses Typen einzuschlafen, im völlig unverhüllten Zustand bestaunt und fotografiert. Auch das ist widerlich. Wie die zwei Typen, die sich gegenseitig angekotzt haben. Oder das Pärchen, das sich beim Schmusen angekotzt hat. Letzteres war aber nicht auf diesem Schikurs, sondern im öffentlichen Bus (Linie 66A).

Interessant ist vor allem die kulturelle und geografische Determinierung von Widerlich. Wenn die Kühe mancher Wüstenvölker in Afrika keine Milch mehr geben, dann wird das Blut der Tiere angezapft und mit Erde zu einem dicken Brei verrührt. Von gegrillten Vogelspinnen, Schlangen, Leguanen und anderen Essgewohnheiten will ich gar nicht reden. In Madagaskar werden die Toten in Strohmatten gehüllt unter den Häusern der Einwohner begraben und dann alle sieben Jahre zu einem großen Fest exhumiert, bei dem sie durch den Ort getragen werden, wo mit ihnen gegessen und gefeiert wird. Das ist schon ein deutlicher Schritt weiter als die irische Totenwache. Also ist widerlich reine Kultursache? Gibt es Widerlich-Rassismen? Ist jedem von uns egal, was für irgendwen anderen widerlich ist? Und wo drückt sich Ekel besser aus als in den verzogenen Fratzen von Schulmädchen, wenn sie erfahren, dass sich ein bestimmter Typ für sie interessiert? Der Widerliche.

Ein Blick auf die aktuelle Regierung genügt.