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wirklich schad um das ejakulat

Spritziges über zwei Bücher der Edition Exil


Petra Lehmkuhl, Nikolaus Scheibner, Philip Scheiner: intakte mütter

Wien: edition exil 1999

Rezensiert von: stefan schmitzer


Jetzt schreiben sie alle
einen ziemlich flotten Stil,
knallhart, anbetungswürdig banal,
mit ein paar eingestreuten surrealistischen
Tatsachen, ein paar Kleinigkeiten
in Lebensgröße und, ohne viel Worte
jede Menge Übertreibungen.
Wolf Wondratschek, Männer und Frauen

Im Hinblick auf das zu rezensierende Buch bleibt dem wenig hinzuzufügen. Ich tue es trotzdem. Warum, siehe ganz unten.
Intakte Mütter, so der angemessen doppelbödig auf weibliche Rollenbilder hinweisende Titel der Anthologie zweier Lyriker und einer -in, wirkt auf den Autor dieser Zeilen (um es polemisch zu formulieren) wie ein Ölringkampf zwischen Erich Fried und Wolf Wondratschek. Der Einband allein leistet schon lesereinstimmende Vorarbeit: knalloranger Untergrund, schwarze Kleinbuchstaben, schwarzweiße Frauenfotos aus den 50er-/60er-Jahren. Erwünschte Signalwirkung: Wir wollen in Respekt, aber nicht ohne Augenzwinkern von den Veränderungen und den Konstanten im Selbstbild „der Frau“ erzählen. Erreichte Signalwirkungen: a) Pseudohaft augenzwinkernde political correctness bis zum Abwinken; b) Hilfe, Hintergedanken!

Die erste der drei, Petra Lehmkuhl, Jahrgang '75, wird im Klappentext (ziemlich entlarvend und im Gegensatz zum hier abgedruckten Zitat natürlich in Kleinbuchstaben) gelobt: „Einen Blick zulassen in die äußerste Außenwelt ihrer Innenwelt.“ Es geht also, so folgert messerscharf der Leser, um Äußerlichkeiten, Schalen, Atmosphären zum Einlegen (im Sinne von einrexen ebenso wie hineinkuscheln) und zum darauffolgenden Bestaunen derselben. Schön. Da ist etwa im ersten Text des Bandes von Ameisen die Rede, die von Backpulver explodieren, von unsexy Wollsocken und von Leuten, die von Backpulver nicht explodieren (siehe Wondratschek-Zitat zu Beginn). Supergut. Der Großteil der Gedichte aber befasst sich, wiewohl er sich vergleichbarer Topoi (was in diesem Falle ein reiner Hilfsbegriff ist) bedient, mit einem gewissen, dem Wesen der Frau inhärenten Masochismus: „heiße schauer durchströmen mich und lassen den / waldboden vibrieren und mich dir beherzt / in den schritt greifen / machs mir und machs mir hart / besteig mich wie einen deiner hochsitze / naturbursche du / bestie mit rauhen rissigen pranken im lodenmantel / heirate mich“. Was Petra Lehmkuhls Gedichte dennoch interessant macht, ist der Pathos, den sie in ihr Augenzwinkern angesichts eigener Elaborate legt (und ja, ich weiß, wie blöd das klingt, „Pathos im Augenzwinkern“), und viel mehr noch sind es die - nicht einmal allzu rar gesäten - Momente einer fast demütigen Schlichtheit, die klar, beredt und ebenso spürbar wie der ganze Rest in einem „alltäglichen“ Milieu angesiedelt sind, ohne eine Backpulver-und-Wollsocken-Ästhetik zu benötigen. - „es plötzlich wieder / verstehen / kaffee / brot / butter / draußen / drinnen / gehen / tatsächlich / es stimmt“

Der zweite, Nikolaus Scheibner, ein Jahr jünger als Lehmkuhl, zeichnet sich durch eine gewisse Experimentierwütigkeit (Stichwort „visuelle Gedichte“) aus, deren Ergebnisse zwischen wirklich spannend und wirklich langweilig oszillieren. Ersteres, wenn es ihm gelingt, durch seine Zeilenverhackstückungen neue Verbindungen zwischen den Topoi möglich zu machen; letzteres, wenn offensichtlich wahllos oder als Selbstzweck z.B. einige Buchstaben aus einem ansonsten sauberen Text getrennt und in ein Fenster gestellt werden, das sich zwischen den zwei Texthälften öffnet. Leider jedoch befindet sich unter seinen in dem Band vertretenen Werken eines, das ihm den Preis für den schlechtesten Witz in einem deutschsprachigen Gedicht eintragen dürfte, wenn es sich herumsprechen sollte. „es ist nur schade / um die schokolade / es is nur schad / um das ejakulat“ als Conclusio eines Textes über Schokolade, Träumen, Kiffen und Wichsen erübrigt jeden weiteren Kommentar. Hübsch schnoddrig ist dagegen die Kurzprosa strickland 2, eine surrealistische Beziehungskiste und mithin fetzig genug, sie als möglichen Grund zu werten, Geld für den schmalen Band auszugeben. Philip Scheiner, Jahrgang 77, verhackstückt ebenso, aber sein Betätigungsfeld ist die Semantik, d.h. er produziert, was Ezra Pound „Phanopoeia“ genannt haben würde. Je mehr Worte er macht, desto interessanter wird es angesichts unvorhergesehener Verflechtungen und angedeuteter Doppelbödigkeiten etwa in den Schauplätzen, und je verknappender er daherkommt, desto aufdringlicher wird der Verdacht, es mit einem verkappten Neodadaisten zu tun zu haben. Scheiners Prosa (mithin gut die Hälfte seiner Beiträge) ist ein Kapitel für sich. Er kann verketten. Er kann Rückbezüge (zur Not auch viele davon) so herstellen, dass man nicht einfach drüberlesen kann. Atmosphäre schaffen kann er auch.

Was er nicht kann, besser, was er nicht hat oder haben will (vielleicht sogar, was er verleugnet), ist ein Gefühl für Relevanz. Er schreibt perfekte Momentaufnahmen einschließlich einigermaßen erzählerisch angeordneter Erinnerungsfragmente, einschließlich Klimax etc., aber keine Geschichten. Wenn das Programm ist, ist es schade, aber zu respektieren. Jetzt zu dem Punkt, der am Beginn steht: Warum so viele Worte über ein Buch wie dieses? - Weil mir die Texte sympathisch sind. Ich mag sie nicht eben, und die Tatsache beunruhigt mich, aber die drei Autoren schaffen es, mich zu der zähneknirschenden Anmerkung zu veranlassen (die ich hiermit tätige), dass etwas rüberkommt, egal, ob man glaubt, dass dieses Etwas in literarischen Texten was verloren hat oder nicht. Is' wohl eher Geschmacksfrage.

Im selben Kontext (Geschmacksfrage und so) sei outsider in erwähnt, das Buch zum Literaturpreis schreiben zwischen den kulturen 1999 (in der Jury saß unter anderem Barbara Frischmuth), erschienen ist das Buch ebenfalls in der Wiener edition exil. Es handelt sich um eines von den Büchern, von denen im Vorwort oder Klappentext Dinge gesagt werden wie „ohne Betroffenheit“, „beachtliche Qualität“ etc., mit dem einzigen Ergebnis, dass man genau daran zu zweifeln beginnt. Aber in diesem Fall zahlt es sich - streckenweise, aber doch - aus, weiterzublättern. Dass ich mir an einigen Stellen wie ein Voyeur vorgekommen bin angesichts von Geschichten wie Oder? von Maria Barski, die unter der dünnen Tünche nüchternen Erzählens Elisabeth T. Spira-Qualitäten im Schildern irrationalen Verhaltens entwickelt (Problemabwicklung: Polen und Deutsche), mag an mir liegen. Das mit „keine Betroffenheit“ allerdings nehme ich ihr (respektive dem Klappentext-Autor, gesetzten Falles, er habe ihre Geschichte gelesen) nicht ab. Die „beachtliche Qualität“ mancher Texte darf tatsächlich konstatiert werden, ebenso wie die Tatsache, dass sich andererseits viel findet, dem zumindest ich (politisch unkorrekterweise) diese abzusprechen wage, speziell im Bezug auf den „Text“ jener Schulklasse, die einen Spezialpreis gewonnen hat, und der aus Sätzen wie „Stoppt den Ausländerhass!“ besteht, neben die dann Clip-Arts gestellt wurden (im erwähnten Fall ein Stopschild [!]) Beachtlich ist jedoch noch etwas anderes, nämlich den verhältnismäßig hohen Anteil an (lesbarer bis spannender) Lyrik in dem Band - kaufwürdig.

Anlesetipps: Emilija Kelecija: mein neuer crossover lover; Kenan Kilic: der schlaf; Philip Scheiner: förmlich/assimilation der farbe.

Das zweite Buch in der Ediditon Exil:
Christa Stippinger (Hg.): outsider in. das Buch zum Literaturpreis. schreiben zwischen den kulturen. Wien: edition exil 1999.