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„Ich liebe Österreich“

elfriede jelinek | „Ich liebe Österreich“

Krokodil: Ich bin Frau Magister Heidemarie Unterreiner. Morgen komme ich und esse Menschen.
Gretl: Bitte helfen Sie mir, ich liebe österreichische Menschen.
Krokodil: Ich bin Frau Magister Heidemarie Unterreiner. Ich wollen einen schönen Tag. Und alles österreichische Menschen.
Gretl: Ich will sein frei weil das Welt ist und alle haben recht.
Krokodil: Ich bin Frau Magister Heidemarie Unterreiner. Mein Ein und Alles, mein Jörg, hat rechts.
Kasperl: Ich bin endlich Bundeskanzler. Ich liebe Menschen – fürchtet euch nicht. Ich möchte ein Schauspieler werden, jetzt bin ich schon ein Schauspieler.
Gretl: Bitte helfen Sie mir, ich liebe Österreich.
Kasperl: Ich bin Bundeskanzler. (aggressiv) Bitte nichts als raus.
Gretl: Ich lebe gern alles. Das ist ein schöner Tag. Bitte helfen Sie mir, ich liebe Österreich.
Krokodil: Ich möchte positiv leben in Österreich.
Ich wollen nicht raus, Sie müssen raus. Alles raus! Alles raus! Ich bin idealistisch.
Gretl: Ich will nicht negativ Kampf, wir haben viel Schmerzen mit alles, das wir hier haben in Österreich.
Kasperl: Ich bin kein Ausländer. Ich habe eine schöne Frau geheiratet. Bitte helfen Sie mir nicht.
Gretl: Ich helfe Ihnen schon, denn ich nix wollen Krieg – wir sind alles Menschen.
Krokodil: Ich bin Frau Magister Heidemarie Unterreiner. Guten Morgen. Bitte kommen Sie zum Essen. Bitte seien Sie mein Essen. Ich möchte bitte Mann!
Gretl: Meine Heimat ist eine Welt. Ich komme aus der Welt.
Kasperl: Aber nicht aus meiner.
Gretl: Ich brauche einen Reisepass von einer Welt. Ich will Arbeit.
Teufel: Ich bin Bundesländerchef. Sie können nicht arbeiten.
Gretl: Ich kann kein Essen kaufen.
Teufel: Sie müssen nicht essen. Sie sind nicht aus China.
Gretl: Ich möchte in Österreich bleiben. Ich möchte Arbeit.
Krokodil: Bitte, danke! Bitte, danke! Bitte, danke! (frißt Gretl)
Kasperl: Ich liebe Österreich.
Gretl (aus dem Off): Bitte helfen Sie mir!
König: Ich bin euer Bundestommy. Ich liebe österreichische Menschen. Ich wollen nichts Krieg. Alles Menschen, nichts Lärm. Alles österreichische Menschen. Ich wolle sie gut Wetter, gut, schön Tag.
Kasperl und Krokodil: Wir brauchen nichts als Menschen. Wir leben in Europa mit Europäern. Unser größter Wunsch ist, Schauspieler zu werden. Bitte helfen Sie uns zu dieser Möglichkeit. Danke!
Teufel: Bitte kommen Sie in die Hölle zum Essen. Ich möchte Arbeitsbewilligung. Ich bin ein junger Mann. Ich habe Hände und kann arbeiten.
Krokodil: Ich will nicht denken, Caritas mir immer helfen. Ich will nicht denken. Ich habe Essen. Ich habe gutes Schlafen.
Teufel: Ich habe gute Helfer, aber ich brauche sie nicht.
Polizist: Ich habe Hände, ich will arbeiten. (führt sie ab)
Alle gemeinsam: Mein Gott, der arme Wolfgang! (bis keiner mehr Lust hat)

Text montiert von Elfriede Jelinek aus Texten der Asylanten von „Bitte liebt Österreich!“
Mitarbeit: Mario Rauter
Wien, 14. 6. 2000. Im Rahmen der Aktion „Bitte liebt Österreich!“ – Erste europäische Koalitionswoche von Christoph Schlingensief.