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antimaterie und protomasse

bernhard wolf | antimaterie und protomasse

Wolfs kleine Privatmythologie im Überblick

Ich warte schon seit Jahren auf die Einführung von Antimaterie und Protomasse. Seit ich die Menschheit kenne, erscheint mir das Procedere vor allem eines des Schleppens, Tragens und Bewegens zu sein, also ein Kampf gegen Kubikmeter, Wegstrecken und die Gravitation. Bin schon öfter gesiedelt – ein Graus. Wie schön wäre all das mit Protomasse. Sämtliche Gegenstände bestehen nur aus spezifischem Gewicht mit einem Formgenerator und können jederzeit in handliche Pakete umprogrammiert werden. Mit einer Folie Antimaterie unterlegt machen sie sich schwerelos auf den Weg. Beamen lehne ich ab. Das ist technisch nicht machbar. Ebenso lange warte ich schon auf die Erschließung alternativer Energiequellen. Zum Beispiel könnte man mit grammatikalischen Paradoxa endlich einen Sprung nach vorne in Sachen Raumschiffantrieb machen. Das wäre technisch leicht denkbar. Die Momentanspannung, die der Konjunktiv Futur 2 oder Plusquamperfekt im Sprechenden auslöst, müsste gebündelt, in Kilojoule umgewandelt und vervielfacht werden – so gerät man wahrscheinlich an Beschleunigungsphänomene nahe der Lichtgeschwindigkeit.

Länger schon warte ich auf die anstehende Totalreform des menschlichen Bewusstseins. Mein erster Vorschlag: Ich verzichte auf die Fähigkeit mir Fragen stellen zu können, zu deren Beantwortung mir sämtliche Instrumentarien fehlen. Oder von mir aus umgekehrt. Zum Warten gehört auch das traumwandlerische Verfolgen seltsamer Sequenzen, die in langen Abständen auftauchen. Zwei mal in meinem Leben habe ich dieselbe Nummer zufällig im Radio gehört. Einmal im Wachzustand in Klagenfurt, zwölf Jahre später im Halbschlaf in St. Petersburg, eine ordentlich treibende New Wave-Nummer, mit markanter Frauenstimme und fantastischem Refrain, der mich vom Fleck weg hypnotisiert hat. Der Refrain geht „we are fireworks“ und ich bin mir fast sicher, dass die Nummer von Siouxsie and the Banshees stammt. Nur habe ich mehr oder weniger alle Platten von Siouxsie und die Nummer ist nicht dabei. Ich warte also seitdem auf das nächste mythische Zusammentreffen mit dieser meiner inoffiziellen Lieblingsnummer, einer wahrscheinlich exotischen Frühsingle aus dem Schaffen der Band oder so was. Ich habe lange darauf gewartet, dass meine Träume in Erfüllung gehen und dabei zur Kenntnis nehmen müssen, wie sehr Warten eine Flusskonstante im Zeitstrom ist. Das Warten selbst stellt leider kein Ansparen auf die Ereigniswahrscheinlichkeit dar, sondern verbleibt ohne Kausalität oder gar Ethikpluspunkte als läppische Fokussierungseinstellung. Die echte Nummer findet direkt im Zeitstrom statt und überrascht immer wieder. Da fallen einem Dinge plötzlich vor der Zeit in den Schoß, oft tritt das Erwünschte aber so verspätet ein, dass es keinen unmittelbaren Ereignischarakter mehr hat, sondern sich wie die echoartige Wunschbestätigung aus einem Paralleluniversum anhört und eigentlich wie etwas Faktisches daherkommt. Ein erfüllter Wunsch hingegen sagt laut „Hallo“. Bekannt faszinierend sind kulturüberschreitende Versuchsanordnungen. Das Warten kann man in verschiedenen Kulturkreisen testen, wobei dann die eine Kultur für die andere schnell zum Spiegelkabinett wird. Mein bevorzugtes Trainingsgebiet heißt Russland, wo ich das Wrestling zwischen westlicher ratio und östlicher diffusio in mir als Personalunion immer wieder schön miterleben kann. Russland zum Beispiel bewegt sich auf einem besonderen Zeitstrom, der eine entbehrungsreiche Gegenwart zwischen goldener Vergangenheit und goldener Zukunft transportiert. So bleiben zwei wichtige Perspektiven vollständig erhalten und verdichten sich zu einer genuinen Bewältigung des Momentanen. Ein russischer Kartenspielertrick oder schlicht nüchterne Sicht auf die Natur der Dinge? Bemerkenswert erscheint dabei die Verknüpfung der Haltung des Wartens mit visionären Projektionen entlang beider Zeitvektoren auf der Ereignishorizontalen. Ein Verfahren, das oft utopischen Charakter annimmt, das Glückszentrum in den praktizierenden Menschen aber meistens heftig stimuliert. Österreich scheint das komplementäre Modell zu bevorzugen: Jetzt ist super, dafür gibt es die Vergangenheit im engeren Sinne nicht, in der Zukunft hingegen kann alles nur schlechter werden, weil früher alles besser war. Auf der Zeitschiene wirds ebendann interessant, weil sich das Früher in Absenz der Vergangenheit nur auf das Jetzt zu bewegen kann. Es erscheint ganz klar, dass echtes Warten als visionäre Technik in Österreich keinen mentalen Unterbau hat. Die dabei entstehende Illuminationslücke wird mit Kunstfestivals, biologisch Bauen und Sambaworkshops abgedeckt. Österreich hat seine wahren soziokulturellen PS eher in statischen Zeitphänomenen. Sehr beliebt ist ein starkes Festhalten des Moments bei vertikaler Steigerung der Erdung nach unten und des Wohlbefindens nach oben, ohne dabei auf der Horizontalachse Blicke nach vorne oder nach hinten zu verschwenden. Meine Lieblingsstationen: die Buschenschank, der Berggipfel, das Cafehaus, die Diskothek „Q“ in Graz. Ich warte auf meinen Tod, den ich mir, wenn ich es richtig erwischen kann, als einen fantastischen Hormonschub vorstelle, in dem sich alle kurzen Ahnungen von Glücksrausch zu einem punktgenauen Verflüssigungsmoment zusammenfinden. Nicht unbedingt schon morgen, aber in bester russischer Tradition fokussiere ich lebensfroh meinen Endpunkt als die goldene Utopie Wolf an, unterbuttert mit dem leicht dahinsummenden Rückblick Wolf, der sich von fader Semantik bereinigt als das präsentiert, was es ist und das ist besser als das, was es jetzt ist, obwohl jetzt auch nicht schlecht ist.